27.08.2016

WIRTSCHAFTSPOLITIKNeuer Dirigismus

Eineinhalb Jahrzehnte hatte Ludwig Erhard, der Meister des Wirtschaftswunders, jede Art von Einmischung in die Wirtschaft als "Dirigismus" verweigert. Doch der Boom näherte sich ersichtlich dem Ende, neue Rezepte wurden gebraucht. Im Wirtschaftsministerium witterten die Keynesianer Morgenluft, doch die Lage war kompliziert: "Niemals seit der Korea-Krise war die wirtschaftliche Situation differenzierter als heute", konstatiert der SPIEGEL bemerkenswert uneindeutig.
Siemens-Chef Adolf Lohse und Deutschbanker Hermann Josef Abs warnten bereits unisono vor einer Wiederkehr der Weltwirtschaftskrise. Auch wenn das maßlos übertrieben war, einte Bürger und Wirtschaftsführer doch ein unterschwelliges Unbehagen, dass man eines Tages "nach diesem märchenhaften Flug in die rosaroten Wolken wieder auf die Erde zurückkehren" müsse – das Wirtschaftswunder war so wunderlich, dass es unmöglich ewig weitergehen konnte.
Die Lage war unübersichtlich: Unter den Konsumenten herrschte "die Lustigkeit des Booms", aber auch wenn manche Branchen nach wie vor boomten und nahezu Vollbeschäftigung herrschte, griff bei den Investitionen die "Baisse-Lethargie" um sich. Währungsreserven, Aktienkurse und Sparneigung wiesen nach unten, öffentliche Verschuldung, Preise und Löhne gingen ebenso wie die Zinsen nach oben.
Kanzler Erhard sah die Zeichen wohl, aber er "handelte nicht, er grollte nur". Schon zu seiner Zeit als Wirtschaftsminister verwarf er alle konjunkturpolitischen Maßnahmen als "zu mechanistisch gedacht", stattdessen setzte Erhard auf "Maßhalte-Beschwörungen". Erst Mitte der Sechzigerjahre wagten sich an seiner ehemaligen Wirkungsstätte die "die Konjunkturpolitiker aus dem ministeriellen Untergrund hervor". In aller Heimlichkeit hatten sie an "Gesetzesskizzen" gearbeitet, die sie nun ihrem neuen Chef Kurt Schmücker vorlegten: Ein "Stabilitätsgesetz" schlugen sie vor, das vorsah, in Boom-Zeiten überschüssige Steuergelder in einer "Konjunkturrücklage" anzusammeln, um damit die Wirtschaft in konjunkturschwachen Zeiten anzukurbeln, und zudem den Bund ermächtigte, in die Finanzautonomie von Ländern und Gemeinden einzugreifen. "Contre cœur", gegen sein Herz, stimmte schließlich auch Erhard dem Vorschlag zu.
Der Vordenker der keynesianischen "Frondeure" im Wirtschaftsministerium, der Ökonom John Maynard Keynes, hatte erkannt, dass die "moderne kapitalistische Wirtschaft nicht naturnotwendig die höchste Leistung" erbringt, sondern der Staat mit seiner Nachfragemacht "korrigierend in das freie Spiel von Angebot und Nachfrage eingreifen" kann und soll.
Allein, schon damals war unklar, wann genau der Staat anfangen sollte zu sparen, um den Boom zu bremsen, und wann er das Geld raushauen sollte, um die lahmende Konjunktur anzukurbeln. 1966 wuchs die Wirtschaft um knapp drei Prozent – war das nun schon die "Konjunkturkrise", wie der SPIEGEL meinte? In den Augen der Politik war praktisch nie der Zeitpunkt zum Sparen gekommen, im "Gegensatz zu den Keynes-Theorien hatte die westdeutsche Ausgabemaschine keinen Rückwärtsgang", so das Nachrichten-Magazin.
Zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 35/1966

DER SPIEGEL 35/2016
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