27.08.2016

Kanzlerkind

Bonn war Hauptstadt, „Tri Top“ ein Fruchtsirup: In Raumpatrouille erzählt Matthias Brandt vom Aufwachsen in der alten Bundesrepublik. Von Nils Minkmar
DER JUNGE HÄNGT seltsamen Tagträumen nach, die Eltern haben kaum Zeit für ihn. Er streift durch die Stadt, den Wald oder besucht einen hochbetagten, offenbar dementen Nachbarn. Allein, nur von seinem Hund begleitet. Er hat – für jeden, der Kinder hat, eine Horrorvorstellung – Zugang zu Schusswaffen und verbringt ganze Nachmittage mit gewaltbereiten Männern, die nicht zur Familie gehören und kaum zögern würden, einen Menschen zu töten. Es ist Teil ihres Jobs.
Dieser Junge hätte leicht auf die schiefe Bahn geraten können. Letztlich sind es Geschichten, die ihn gerettet haben: solche, die man ihm vorlas und andere, die er sich selbst erzählt hat. Zur Vollständigkeit des sozialen Kontextes ist noch der seltene Beruf des Vaters zu erwähnen, er amtiert als Bundeskanzler. Für das Kind, den jüngsten Sohn Willy Brandts, ist das kein Umstand, mit dem man angeben könnte. Allerdings schreibt er kein Abrechnungsbuch nach Manier der Söhne Helmut Kohls. Halten wir fest, dass es nicht ganz einfach war, der Sohn des Bundeskanzlers zu sein. Einmal schenkte ihm der alte Mann im Nachbarhaus, der ehemalige Bundespräsident Heinrich Lübke, einen enormen Elefanten auf Rädern. Aber das Tier war in der damaligen Kargheit der Kinderzimmer so außerhalb jeden Rahmens, dass er den Plüschrüssler versteckt, wenn Besuch kommt.
Zwar kommen hier keine Paparazzi vor, auch die Sicherheitsmaßnahmen halten sich im zivilen Rahmen der alten Bundesrepublik vor den Terrorkampagnen – aber die Besonderheit der Gesamtsituation, kurz gesagt: eine gewisse Einsamkeit, prägt seinen Alltag. Es ist treffend, dass sich der Junge am meisten mit der Figur eines Astronauten identifiziert. Ebenso intensiv und staunend beschreibt er die ihn umgebende Atmosphäre, nicht allein die der Stadt Bonn der Siebzigerjahre, sondern ebenso die einer Familie, in der, so beschreibt es der ältere Bruder Lars in seinem meisterlichen Buch Andenken, die Luft bisweilen "zum Schneiden zu dick und Atmen zu dünn war". Es ist eben auch das fragmentierte Panorama einer scheiternden Ehe, deren Geschichte das davon betroffene Kind nur in ruckartig verstandenen Einzelszenen rekonstruieren kann. Die Eltern werden nie zusammen beschrieben. So gelingt Brandt bei aller Singularität seiner Position eine Beschreibung des damals in Familien herrschenden Zeitgeistes. Die Väter meist abwesend, ganz in der Arbeit oder anderen Aktivitäten befangen; die Mütter, die die Hausfrauenrolle endlich abgelegt oder nie gekannt haben, und eine liberale Haltung in der Kindererziehung. Kinder der Sechziger- und Siebzigerjahre wurden nicht übermäßig verwöhnt und optimiert, allerdings auch nicht kontrolliert. Nach erledigten Hausaufgaben und bis zum Abendbrot wusste eigentlich niemand so genau, was die Kinder der Bundesrepublik so anstellten. Und hier entfaltet sich eine unvermutete Kraft dieser Geschichten: Brandt widersteht jeder Verlockung zur Idyllisierung der Kindheit. Vielmehr beschreibt er mit quälender Präzision die unter Kindern stattfindenden Machtspiele. Es ist eine entniedlichte Kindergesellschaft, in der Gewalt schon im Klassenraum, ausgehend von kaum sublimiert sadistischen Lehrern, erfahren wird. Sie prägt auch das Leben der Kinder nach der Schule. Da geht es keineswegs nur um Ringkämpfe und Boxhiebe, auch die Feinheiten sozialer Machtausübung kommen in diesen Geschichten vor. Da gibt es die beiden Söhne von in Bonn ansässigen Süßwarenherstellern. Sie verfügen über unendliche Naschwerkressourcen. Über sie heißt es kühl, dass sie sich "ihr Privileg mit Unterwürfigkeit bezahlen ließen".
Die Erwachsenen scheinen viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie den Kindern noch große Moralvorträge hätten halten können. Es war sogar umgekehrt: Der Erzähler muss überlegen, wie er seinem wenig alltagstauglichen Vater helfen kann. Das ist insbesondere in einer Episode mit Herbert Wehner wichtig, da soll der Kanzler zu einer Radtour mit dem schwierigen Fraktionsvorsitzenden aufbrechen, der Sohn ist als aufheiterndes Element dabei. Doch Brandt beherrscht das Radfahren nicht so richtig oder war einfach aus der Übung. Wahrscheinlich hat sich der Junge mehr Gedanken über diesen Ausflug gemacht als sein prominenter Vater.
Hier schleicht sich, für interessierte Leser, auch etwas politische Geschichte in die literarisch anspruchsvollen Texte: Man erkennt an der Episode des Fahrradausflugs ganz gut das damalige und bis heute anhaltende Problem der SPD, nämlich das Missverständnis, dass eine Politik im Interesse der kleinen Leute nur von Personen gemacht werden kann, die sich durch und durch bieder geben. Was wurde Brandt dann nicht alles geraten? Diese Geschichte ist jedenfalls auch heute noch als Lehrstück zum Thema Authentizität in der Politik zu studieren.
Aus der Spannung zwischen der außergewöhnlichen sozialen Position und dem Wunsch nach Normalität gibt es für den Bundeskanzler ebenso wenig einen einfachen Ausweg wie für seinen Sohn. Der bemüht sich zwar, bei einem Übernachtungsbesuch bei der Familie eines Freundes, die "Wohlgeordnetheit" dieses Lebens zu studieren, wo den Kindern der Fruchtsirup "Tri Top Mandarine" gereicht wird. Aber es funktioniert nicht wie erhofft, er fremdelt und ekelt sich vor dem seltsamen Essen: Es soll Rinderzunge geben.

Hier schleicht sich, für interessierte Leser, auch etwas politische Geschichte in die Texte.

Matthias Brandt: Raumpatrouille. Kiepenheuer & Witsch; 176 Seiten; 18 Euro. Erscheint am 8. September.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 35/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kanzlerkind

  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock
  • Neue iPhones im Test: "iPhone 11 ist ein No-Brainer"
  • Trumps Ex-Pressesprecher: Sean Spicer ist Tanzshow-Star. Period.
  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle