27.08.2016

Frauen unter sich

Delphine de Vigans Roman Nach einer wahren Geschichte sollte der Leser besser kein Wort glauben. Das macht ihn so aufregend. Von Claudia Voigt
ES IST EINER SCHWÄCHE geschuldet, dass Delphine sich überhaupt mit L. anfreundet, einer Frau in ihrem Alter, perfekt gekleidet, die sie bei einer Party kennenlernt. Am selben Tag hatte die Schriftstellerin ihren neuen Roman auf der Pariser Buchmesse präsentiert, Monate voller Lesungen und Signierstunden lagen hinter ihr, der Roman war ein unerwartet großer Erfolg, auf der Messe hatte sich eine lange Warteschlange gebildet, Leser, die ihr die Hand schütteln und ihr Buch signieren lassen wollten. Als Delphine glaubte, sie hätte den Ansturm endlich bewältigt, kam eine weitere Leserin auf sie zugestürmt, fordernd, "eine Widmung, bitte", doch Delphine sagte Nein. "Madame, wenn ich Ihr Buch signiere, dann breche ich entzwei, denn genau das wird passieren, ich warne Sie, treten Sie zurück, halten Sie Abstand, der dünne Faden, der die beiden Hälften meiner Person zusammenhält, wird reißen, und dann fange ich an zu weinen oder vielleicht sogar zu schreien, was für uns alle sehr peinlich wäre."
Von aufkommender Reue geplagt, war Delphine nach Hause gefahren, hatte die Einladung zu der Party angenommen, und dort auf der Tanzfläche fiel ihr L. zum ersten Mal auf. Später wird die neue Freundin behaupten, sie hätten einander schon gekannt, als sie noch dasselbe Lyzeum besuchten. Doch Delphine kann sich daran partout nicht erinnern.
Die Schriftstellerin Delphine de Vigan hat einen Roman geschrieben, der seine Leser hin und her wirft: Es ist das Porträt einer anfangs traumhaften Freundschaft, geprägt von Interesse, Hingabe, Empathie, doch das Ganze nimmt Stephen-King-hafte Züge an und entwickelt sich zu einem Psychothriller. Das Buch ist durchzogen von einer Diskussion über die Frage, wie wahrhaftig Literatur sein sollte, ob die Fiktion eine Chance hat gegen die Realität. Es ist zudem ein Familienroman, die Geschichte einer Mutter, die ihre Kinder ins Erwachsenenleben entlassen muss, während sie gefeiert und gehasst wird für ein autobiografisches Buch über ihre eigene Mutter. Die Icherzählerin in diesem Roman heißt Delphine, sie ist Schriftstellerin und hatte einen großen, unerwarteten Erfolg. Sie scheint die Doppelgängerin von de Vigan zu sein, die sie erschaffen hat. Es ist verwirrend. Das soll es sein. Womöglich ist der Roman auch das Dokument einer psychischen Erkrankung, und die Freundin namens L. ist eine Metapher für das Verrücktsein, das von der Heldin nach und nach Besitz ergreift.
Am Abend der Party ist Delphine nicht nur von den Ereignissen auf der Messe verstört. Sie fühlt sich allein. Ihr Lebenspartner ist aufs Land gefahren, ihre beiden Kinder verbringen das Wochenende bei dem Vater, doch mehr noch als das, setzt ihr der Erfolg zu. Anonyme Hassbriefe eines Familienmitglieds erreichen sie; ihre Lektorin, ihr Verlag warten auf ein neues Manuskript; die Erwartungen, die sie an sich selbst stellt, sind hoch. Als sie mit L. (was gesprochen wie "elle" klingt, französisch für "sie") ins Gespräch kommt, sagt diese zu ihr, Delphine würde sich vermutlich wie "splitternackt mitten auf einer Straße" fühlen. "Verblüfft starrte ich sie an. Genau so fühlte ich mich."
Am Ende des Romans wird Delphine fast splitternackt aus einem Haus fliehen und über eine Landstraße das nächste Dorf zu erreichen versuchen. Solche Verbindungen über viele Seiten hinweg zeigen, wie genau de Vigan ihren Roman Nach einer wahren Geschichte entworfen hat, dass er ein fiktionales Werk ist, in dem die Grenze zur Wahrheit absichtsvoll und raffiniert verwischt wird.
Es ist fesselnd erzählt, wie die perfekte L. immer weiter ins Leben von Delphine vordringt. Anfangs treffen sich die beiden Frauen in Cafés oder Restaurants, bei denen L. scheinbar zufällige Gemeinsamkeiten mit Delphine offenbart. L. hat nicht nur jedes Buch der Schriftstellerin gelesen, sie kennt auch jedes Interview, jedes Wort, das von ihr erschienen ist. Die Freundschaft vertieft sich schnell, doch die Arbeit der Schriftstellerin stagniert, eine Schreibblockade entwickelt sich, bald kann sie nicht mal mehr ihre Mails beantworten. L. übernimmt das für sie. Zu dieser Zeit gleicht sie Delphine im Äußeren ohnehin schon stark, sie trägt ähnliche Kleidung und hat auch ihre Frisur verändert. Als Delphine zu erschöpft ist, um an einer Schule über ihr Buch zu sprechen, fährt L. an ihrer statt dorthin. Zwar wird sie von der Lehrerin anfangs skeptisch beäugt, aber der Auftritt läuft dann wunderbar.
Nichts in Delphines Leben scheint mehr fest gefügt zu sein, alles gerät ins Wanken, das macht beim Lesen einen großen Reiz aus. Gleichzeitig beginnt man zu zweifeln, sich zu fragen, ob es noch plausibel ist, wie die Heldin sich verhält. Wieso bricht sie nicht endgültig mit L., als sie dahinterkommt, dass diese hinter ihrem Rücken an alle ihre Freunde, Bekannten und Kollegen eine Mail geschickt hat, in der sie im Namen Delphines erklärte, dass sie in den nächsten Monaten mit niemandem Kontakt wünsche? Wieso traut Delphine ihren eigenen Beobachtungen nicht, als sie bemerkt, dass L. sie heimlich beschattet? Ist sie im Begriff, verrückt zu werden? Oder entwickelt sie sich zunehmend unglaubwürdig? Und wie unrealistisch darf eine literarische Figur überhaupt erscheinen? Als Leser wirft einen Nach einer wahren Geschichte auf eine Menge Fragen zurück. Die entscheidende davon lautet: Was erwarte ich von einem Buch?
Dieser Roman ist das Gegenteil eines Schmökers. Es ist, als ob de Vigan eine Flipperkugel durch die Gedanken ihrer Leser schicken würde. Sie spielt mit den Erwartungen an ihre Person. Es wäre naheliegend gewesen, wenn sie nach dem großen Erfolg ihres letzten Romans Das Lächeln meiner Mutter, der stark autobiografisch geprägt war und sich in Frankreich eine Million Mal verkaufte, nun einfach davon erzählen würde, wie es weiterging im Leben der Schriftstellerin Delphine de Vigan. Ganz ohne doppelten Boden. Vermutlich hätte es sich auch gut verkauft. Stattdessen entpuppt sich de Vigan als literarische Fallenstellerin. Selbst dem allerletzten Wort dieses Buchs kann der Leser nicht trauen. Einen so klugen Roman über das Schriftstellersein muss man erst mal schreiben.
Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte. Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Dumont; 350 Seiten; 23 Euro.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 35/2016
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