27.08.2016

Der Banker und die Königin der Unterwelt

Der Held in Martin Mosebachs jüngstem Roman ist auf der Flucht. Die kühle Analyse ist seine Sache nicht, obwohl er als Spezialist für raffiniertes Investment genau das seinen Kunden suggerieren soll. Ihm fehlt "die wirkliche Souveränität, die sich im Ausnahmezustand erweist". Dieses eingeschmuggelte Zitat des Staatsrechtlers Carl Schmitt, berüchtigt durch seinen Einsatz für den Nationalsozialismus, ist das einzige Signal, mit dem der Autor an seine Karriere als Radikalkonservativer erinnert – ansonsten schnurrt die Erzählung vom Absturz des Bankers Patrick Elff aus der bürgerlich-lichten deutschen Sphäre in eine klandestine Existenz in einer marokkanischen Küstenstadt so hakenfrei wie spannend ab. Elff hat sich Verfehlungen zuschulden kommen lassen, deren Entdeckung er fürchten muss; mit seiner spontanen Flucht setzt er auch seine Ehe aufs Spiel. In der neuen Heimat kann er die Zeichen weder sozial noch buchstäblich lesen; er ist von Projektionen wie von jenen Einsichten geplagt, die in der Rückschau entstehen und jede Erfahrung in Zweifel ziehen. So verdunkelt sich die Liebe zu seiner Frau, die er mal als Souveräne im schmittschen Sinne, dann wieder als Verlassene imaginiert. Das sorgenfreie, hedonistische gemeinsame Leben erscheint dem Einsamen nun als eine Inszenierung, die auf Kulissen angewiesen war. Die Frau, in deren heruntergekommenem Haus Elff Unterschlupf findet, ist Widersacherin und Gegenbild: eine aus ärmsten Verhältnissen Emporgekrochene, eine kühne Königin der Unterwelt, mit magischen Kräften begabt und von düsterem Temperament. Khaliji "war zur Herrscherin geboren, und ihr war gewährt worden, dieses Talent auch zu entfalten, anders als so manchem, der es gleichwohl in sich fühlt, aber in Subalternität verbittert". Was der Leser von der Biografie und den Gedanken dieser Mutter, Witwe und Gelegenheitsprostituierten erfährt, katapultiert ihn in einen Kosmos aus Überlebenswillen und Korruption; fremd, faszinierend und eine Art schaudernden Respekt abfordernd. Wie überhaupt die in Marokko spielenden Szenen, im glutheißen Hammam, auf der von Bettlern gesäumten Stadtpromenade und in einem Gehöft auf dem Land, von sinnlich prägnanter Anschaulichkeit sind. Der Ton des Erzählers spielt mit Einfühlung wie Ironie; um Tragik oder bleibende Wucht zu entfalten, ist diese Geschichte der Verlorenheit allerdings zu kontrolliert erzählt. Immerhin sind damit auch fast durchgängig jene geschraubten Unbeholfenheiten vermieden, die dem Büchnerpreisträger Mosebach sonst gern unterlaufen. Melodisch, zuweilen sententiös entfaltet er die Krise eines Menschen, der gewöhnlicher ist als sein Schicksal – und immer ein wenig schlichter als sein Autor.
Martin Mosebach: Mogador. Rowohlt; 368 Seiten; 22,95 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 35/2016
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