27.08.2016

Meer der Angst

Es ist doch sonderbar, dies mühelose Marschieren durch das Leben, jeden Tag, ganz so, als müsste es so sein. Als wäre der Boden, auf dem wir gehen, fest für immer und sicher, keinen Gedanken wert. Cooper von Eberhard Rathgeb ist ein ganz kleines Buch, keine 150 Seiten lang. Rathgeb erzählt darin von einer Familie, Vater, Mutter, zwei Töchter. Die Eltern haben ein kleines Haus gekauft, auf dem Land, das wollen sie den Mädchen zeigen. Das Buch ist von der ersten Seite an in eine große Traurigkeit gehüllt. Der Grund, auf dem die vier Menschen an diesem Wochenende gehen, der wird sich auflösen, schon bald. Es braucht dafür fast nichts. Zum Beispiel eine kleine Katze an einem falschen Ort. Rathgeb macht in diesem traumhaft schönen, leisen Buch alles anders, als es ein souveräner Erzähler eigentlich tun sollte. Sein Wissen um das, was geschehen wird, legt er als einen schwarzen Mantel schon über die ersten Wörter. Und man vertraut sich dieser Traurigkeit augenblicklich an. "Eines Tages, der nicht so zufällig ist, wie er sich dem Anschein nach gibt, fährt der Windstoß der Unerbittlichkeit in das Buch vom eigenen Leben und blättert es an einer unbekannten Stelle auf." Es ist eine Hiob-Geschichte aus unserer Zeit. Darüber, was man aushalten kann an Schmerz. Was man wissen kann über den Schmerz der anderen, was wir ahnen können über das Schicksal, das kommt. Ob das nicht doch alles einer aufgeschrieben hat, was wir erleben. Ob wir das Leben irgendwie anders lesen können, genauer, intensiver, als wir es im Alltag tun.
Eberhard Rathgeb: Cooper. Hanser; 144 Seiten; 17 Euro.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 35/2016
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