27.08.2016

Diverse Universen

Es gibt Phänomene, die sich unserer Wahrnehmung entziehen, deshalb aber nicht weniger real sind – wie die Infraschallwellen, die vom Nordlicht erzeugt werden. Die sind messbar, aber nahezu unhörbar für den Menschen. In ihrem neuen Roman Das Geräusch des Lichts spürt Katharina Hagena dem Verhältnis von Dichtung und Wahrheit nach und auch dem von Ich und Welt. Alles hängt mit allem zusammen. Am Anfang sitzen fünf Menschen gemeinsam im Wartezimmer eines Neurologen. Eine Frau denkt sich zur Ablenkung Geschichten über die anderen aus, als Icherzählerin wird sie zur Protagonistin, der Text entfaltet nach und nach eine komplexe, raffinierte Erzählstruktur. Alle fünf müssen sich mit dem Thema Verlust auseinandersetzen, alle fünf waren mal in der kanadischen Provinz Alberta, und alle suchen nach einem Weg, mit dem Drama ihres Lebens fertigzuwerden. Zunächst erscheint die Konstruktion etwas wackelig, die Dialoge spröde. Dann erblickt Daphne, Biologin mit einer Leidenschaft für Moose, durch ihr Mikroskop eine verschwundene Kollegin – und die Geschichte bekommt Tempo. Sie driftet jedoch nicht gänzlich ins Fantastische ab. Hagena beschreibt physikalische Phänomene ebenso gescheit wie psychologische Extreme. Ganz nebenbei skizziert sie einen Umweltthriller und gibt dem Leser Einblicke in den Schaffensprozess einer Autorin. Die Ebenen sind, meist kunstvoll, miteinander verwoben. Hagenas Sprache ist besonders eindringlich und schön, wenn sie in der ersten Person schreibt. Das hat sie in ihrem Bestsellerdebüt Der Geschmack von Apfelkernen bewiesen. In ihrem neuen Buch erzählt ein Junge hinreißend von Mutter und Schwester, die seiner Überzeugung nach auf den Planeten Tschu geflohen sind. Es ist anrührend, wie er versucht, mit ihrem Verschwinden zurechtzukommen – und stellenweise von großer Komik. Jeder darf selbst entscheiden, wie er der Wirklichkeit begegnet.
Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts. Kiepenheuer & Witsch; 272 Seiten; 20 Euro. Erscheint am 8. September.
Von Katharina Stegelmann

DER SPIEGEL 35/2016
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