27.08.2016

Verquatschtes Denkmal

Dieses Buch wäre kaum einer Erwähnung wert, wenn es nicht eine Biografie des jüdischen Malers Felix Nussbaum wäre. Ebenjenes Felix Nussbaum (1904 bis 1944/45), der in den Weimarer Jahren einer der kommenden Stars des Kunstbetriebs war und der von den Nazis in Auschwitz umgebracht worden ist. Der belgische Journalist Mark Schaevers, 60, hat aus dieser Nussbaum-Vita manches Wissenswerte zutage gefördert, etwa über die Kriegsjahre, die Nussbaum zusammen mit seiner ebenfalls jüdischen Frau Felka Platek in Brüssel im Versteck verbrachte, bis die beiden schließlich verraten und deportiert wurden. Aber Schaevers' Erzählungen lesen sich eher wie ein Recherchebericht für eine noch zu schreibende Biografie, weitschweifig, eitel, mit Fehlern im Detail. Und leider auch unsensibel: Um für das notwendige Zeitkolorit zu sorgen, wird ständig aus den Memoiren des Bildhauers und Hitler-Freundes Arno Breker zitiert, der Nussbaum 1932 in der römischen Künstlerkolonie Villa Massimo getroffen, danach aber nie wieder gesehen hatte. Über einen Paris-Besuch Nussbaums Ende 1934 heißt es: "Sein ehemaliger Nachbar Arno Breker wäre der richtige Mann, um hier als Führer zu dienen." Der Nazi-Günstling Breker als "Führer" für den verfemten Juden Nussbaum? Was für eine abstruse Idee. Der bemüht lockere, verquatschte Ton Schaevers' verhöhnt ungewollt die Opfer des Holocaust. So trägt das Kapitel über die Juden-Razzien in Brüssel die geschmacklos witzige Überschrift "Jagdsaison".
Viele bedeutende Werke Nussbaums finden sich heute in dem ihm gewidmeten und von Daniel Libeskind entworfenen Museum in seiner Heimatstadt Osnabrück. Kein Künstler hat die Schrecken der Verfolgung, die Entmenschlichung der Juden so dramatisch dokumentiert wie dieser Maler. Eines seiner berühmtesten Gemälde, der "Orgelmann" von 1943, zeigt einen erschöpften Musiker, der die Züge Nussbaums trägt und dessen Leierkasten mit Orgelpfeifen aus menschlichen Knochen bestückt ist. Mark Schaevers wollte Nussbaum mit seiner Biografie ein Denkmal setzen. Doch Nussbaums Bilder sind für diesen Zweck sehr viel besser geeignet.
Mark Schaevers: Orgelmann. Felix Nussbaum – ein Malerleben. Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas. Galiani; 480 Seiten; 38 Euro. Erscheint am 8. September.
Von Martin Doerry

DER SPIEGEL 35/2016
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