27.08.2016

Den Faden abschneiden

Schlechte Bücher liest kaum jemand bis zur letzten Seite. Aber gute? Von Tim Parks
SIR – ENTGEGNETE Samuel Johnson scheinbar ungläubig staunend einem, der wissen wollte, ob er ein bestimmtes Buch ausgelesen habe –, "Sir, lesen Sie Bücher ganz durch?" Und, tun wir das? Bis zum letzten Satz? Und falls ja, sind wir dann die Esel, für die Johnson uns hielt?
Schopenhauer, der viel über das Lesen nachgedacht und geschrieben hat, sah es wie Johnson. Das Leben sei zu kurz für schlechte Bücher, und ein paar Seiten sollten genügen, um das Werk eines Autors vorläufig einschätzen zu können. Überzeuge er nicht, sei es vollkommen in Ordnung, ihn wieder ins Regal zu stellen.
Aber eigentlich interessiert mich nicht, wie wir mit schlechten Büchern umgehen. Offensichtlich wird jeder ernsthafte Leser längst selbst wissen, wie viel Zeit er einem Buch widmen möchte, bevor er es lieber wieder zuklappt. Höchstens junge Leute, die sich noch immer von jenem Erfolgsstreben lenken lassen, das ihnen ehrgeizige Eltern eingeimpft haben, lesen verbissen weiter, auch wenn es ihnen kein Vergnügen bereitet. "Ich bin Teenager", heißt es traurig auf einer Website für Buchbesprechungen. "Ich habe dieses ganze Buch (es wäre unfair zu sagen, welches) Seite für Seite in der Hoffnung gelesen, dass es so gut wäre, wie die Rezensionen behaupteten. Das war nicht der Fall. Ich lese gern und lese fast alle Romane zu Ende, die ich anfange, und meine Entschlossenheit, niemals aufzugeben, ließ mich auch dieses Buch auslesen, aber ich hätte es mir wirklich lieber erspart." Einem solchen Leser kann man nur raten, seine Selbstachtung nicht mehr daran zu hängen, ein ganzes Buch durchzustehen, und sei es nur aus dem Grund, dass einem umso weniger Zeit für die guten bleibt, je mehr schlechte Bücher man zu Ende liest.
Was ist nun aber mit den guten Büchern? Denn Johnson meinte bestimmt nicht nur die schlechten, als er diese Provokation losließ. Müssen wir sie zu Ende lesen? Ist für uns ein gutes Buch eines, das wir ausgelesen haben? Oder kommt es vor, dass wir lieber vor dem Ende, oder sogar schon auf halber Strecke, aus einem Buch aussteigen wollen und dennoch das Gefühl haben, dass es gut, ja sogar ausgezeichnet war, dass wir froh sind, gelesen zu haben, was wir gelesen haben, ohne den Drang zu verspüren, es auslesen zu müssen? Ich frage das, weil mir das immer öfter passiert. Ist es das Alter, ist es Weisheit, Vergreisung? Ich fange ein Buch an. Es macht mir allergrößtes Vergnügen, und dann kommt der Moment, an dem ich einfach weiß, es ist genug. Nicht, weil es mir kein Vergnügen mehr macht. Es langweilt mich nicht, ich finde es nicht einmal zu lang. Ich habe nur keine Lust mehr, mich weiter damit zu vergnügen. Kann ich in diesem Fall behaupten, es gelesen zu haben? Kann ich es weiterempfehlen und es ein gutes Buch nennen?
Kafka bemerkte, von einem gewissen Punkt an könne ein Schriftsteller beschließen, seinen Roman, wann immer er wolle, mit welchem Satz auch immer zu beenden; es sei im Grunde eine willkürliche Entscheidung, wie die, an welcher Stelle man einen Bindfaden abschneiden wolle. Und tatsächlich blieben sowohl Das Schloss wie Amerika unvollendet, während Der Prozess in jener ungebührlichen Hast eines Menschen beendet wurde, der fand, es reiche jetzt.
Andere Schriftsteller lösen etwas aus, das ich eine kathartische Erschöpfung nennen würde: Ihre Bücher sind gehaltvoll und extrem anstrengend und hören einfach an einem Punkt auf, an dem alle, Autor, Leser und nicht zuletzt die Figuren, das Gefühl haben, es reicht. Das früheste Beispiel, das mir dazu einfällt, ist D. H. Lawrence, aber man denke auch an Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard, Samuel Beckett und die wunderbare Christina Stead. Becketts Erzählprosa wird immer knapper, immer dichter, während er immer schneller auf den Punkt der Erschöpfung zusteuert.
Indem all diese Autoren, wie mir scheint, uns zu verstehen geben, dass ein Buch von einem bestimmten Punkt an jederzeit enden kann, billigen sie, dass ein Leser selbst entscheiden darf, wo er sich verabschieden will (von Prousts Suche zum Beispiel, oder vom Zauberberg), ohne sich in seiner Leseerfahrung beeinträchtigt zu fühlen. Eine der merkwürdigsten Reaktionen auf einen meiner eigenen Romane – kaum überraschend auf meinen längsten – kam von einem Schriftstellerkollegen, der mir unerwartet schrieb und mir seine Anerkennung mitteilte. Solche Briefe steigern natürlich die eigene Eitelkeit enorm, und ich war drauf und dran, mich mit diesem hochwillkommenen Lob zu schmücken, als ich auf die letzten Zeilen seiner Nachricht stieß: Er habe die letzten 50 Seiten nicht gelesen, stand da, weil er einen Punkt erreicht habe, an dem für ihn der Roman zufriedenstellend abgeschlossen schien.
Selbstverständlich war ich enttäuscht, sogar ein bisschen verärgert. Er hatte mich offenbar auf den Arm nehmen wollen. Oder war das etwa keine vernichtende Kritik? 50 Seiten zu lang? Erst später begann ich seine Offenheit zu schätzen. Mein Buch hatte ihm gefallen, auch ohne das Ende. Es war nicht zu lang; nur für ihn war es in Ordnung, da aufzuhören, wo er aufgehört hat.
Was aber, da es hier offensichtlich um Bücher mit ästhetischem Anspruch geht, hat es dann mit dem Begriff des Kunstwerks als eines organischen Ganzen auf sich – dass man die Form nicht erkennt, solange man nicht alle Einzelheiten gesehen hat? Und da ich mich im Wesentlichen auf Romanautoren beziehe, was ist wiederum mit der Handlung? Ein Roman, der durchgeplottet ist, erfordert, dass wir das Ende erreichen, weil die Auflösung der Geschichte rückwirkend Bedeutung für das ganze Werk hat. Das jedenfalls behaupten die Kritiker. Zweifellos habe auch ich das in der einen oder anderen Rezension geschrieben.
Aber mit meiner Erfahrung als Leser deckt es sich eigentlich nicht. Es gibt Romane, nicht nur der populären Genres, bei denen eindeutig die Handlung im Vordergrund steht, weswegen man immer weiterlesen will. Wir müssen unbedingt wissen, wie es weitergeht. Selten sind das für mich die wichtigsten Bücher. Oft wird mit zunehmender Spannung das Lesen oberflächlich, und unsere Aufmerksamkeit für das Schreiben an sich lässt nach; die Geschichte absorbiert die ganze Intelligenz des Romans, und das Schreiben ist einzig der Behelf dafür.
Selbst in diesen Romanen, bei denen vor allem die Handlung das eigentliche Lesevergnügen ausmacht, stellt uns das Ende selten zufrieden, und wenn wir das Buch mögen und es anderen empfehlen, dann selten wegen seines Schlusses. Wichtig sind die Rätsel der Handlung, die Kräfte, die zum Einsatz kommen und die Spannungen zwischen ihnen. Die Italiener haben da ein schönes Wort: Das Wort für die Handlung/den Plot ist "Trama", ein Wort, dessen ursprüngliche Bedeutung Schussfaden, Durchschuss oder Gewebe ist. Es sind die Gewebemuster, die wir an einer Handlung am meisten schätzen – Hamlets Dilemma etwa oder die beeindruckend unhaltbare Ehe Dorotheas mit Casaubon in Middlemarch –, nicht ihre Auflösung. Tatsächlich ist das Beste, was wir uns von einem guten Schluss erhoffen können, dass er nicht ruiniert, was davor war. Mir wäre ein Hamlet recht, der vor dem Blutbad in der letzten Szene endete, denn dann könnten wir über all die faszinierenden Möglichkeiten nachdenken, die eine Rückkehr des jungen Prinzen nach Helsingör aufgeworfen hätte.
So gesehen lohnt sich der Hinweis, dass Geschichten nicht immer ein Ende haben oder jedes Mal dasselbe Ende beibehalten müssen. In Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia zeigt Roberto Calasso, dass ein charakteristisches Kriterium einer lebendigen Mythologie ist, dass ihre vielen, immer so aufregend miteinander verwobenen Geschichten immer mindestens auf zwei, häufig "entgegengesetzte" Weisen enden können – der Held stirbt, er stirbt nicht; die Liebenden heiraten, sie heiraten nicht. Erst als der Mythos Geschichte wurde, kam der Wunsch nach einer einzigen "richtigen" Version auf, und man begann, die Alternativen zu vergessen. Bei Romanen ist ein Schluss, der mich am wenigsten enttäuscht, einer, der die Leser im Glauben, die Geschichte hätte genauso gut ganz anders ausgehen können, bestärkt.
Wenn ich einen Roman vor seinem Ende aus der Hand lege, dann erkenne ich einfach nur an, dass für mich seine Form, seine ästhetische Qualität im Webmuster der Handlungsstränge liegt und im Fall der besten Romane im Zusammenwirken von Stil und diesem Handlungsgewebe. Stil und Handlung, globale Sichtweise und lokale Einzelheiten, zusammen in perfektem Wirrwarr, faszinieren. Wenn die Struktur steht und das Erzählen läuft, ist die Notwendigkeit eines Endes nur eine unselige Last, eine Unannehmlichkeit, ein bedauerlicher Ausschluss so vieler Möglichkeiten. Manchmal empfand ich die 50 Seiten Spannung, wozu sich so viele Autoren am Schluss verpflichtet fühlen, als eine lange seelische Folter, auf der man mich nötigte, das Leben als eine Maschine zur Herstellung von Pathos und Tragödien zu denken, denn das einzige Ende, an das wir – natürlich – halbwegs glauben, ist das unglückliche.
Wer weiß, ob da nicht früher, wenn ein Barde nach einer Dinnerparty im alten Athen oder an einem Lagerfeuer an der norwegischen Küste eine Sage vortrug, irgendwann der Moment kam, an dem die Zuhörer darüber abstimmen konnten, welches Ende sie hören wollten, oder schlicht beschlossen, früh schlafen zu gehen? In unserer heutigen Zeit hat Alan Ayckbourn Stücke geschrieben, die unterschiedlich enden können und in denen die Schauspieler Akt für Akt entscheiden, welcher Version sie folgen wollen.
Könnte es nicht sein, dass man mit der Bereitschaft, einmal ein hervorragendes Buch nicht bis zum bitteren Ende zu lesen, eigentlich dem Schriftsteller einen Gefallen tut, weil man ihn von der nahezu unmöglichen Aufgabe entlastet, sich elegant aus der Handlung zu stehlen? Sie hat etwas Tyrannisches, unsere Besessenheit mit dem Ende. Sicherlich hätte ich von vielen Romanen, deren Lektüre ich abgebrochen habe, eine schlechtere Meinung, wenn ich sie ausgelesen hätte. Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich lerne, in meinen eigenen Romanen den Lesern den einen oder anderen Wink zu geben, dass sie von diesem oder jenem Augenblick an meine Erlaubnis haben, aus dem Buch auszusteigen, wo und wann sie wollen.

Mir wäre ein Hamlet recht, der vor dem Blutbad in der letzten Szene endete.

Falls Sie diesen Text zu Ende gelesen haben, an dieser Stelle der Hinweis, dies war ein Auszug aus dem neuen Buch von Tim Parks: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen. Aus dem Englischen von Ulrike Becker. Übersetzung des Essays: Ruth Keen. Kunstmann; 240 Seiten; 20 Euro.
Von Tim Parks

DER SPIEGEL 35/2016
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