27.08.2016

Geile Zeit

Gerhard Falkner lässt in Apollokalypse einen Künstler von den wilden Jahren vor dem Mauerfall schwärmen. Von Wolfgang Höbel
OB EINE GESCHICHTE gut gelogen oder bis ins Detail dem Leben nacherzählt ist, darf den meisten Romanlesern zu Recht egal sein. Warum nur wird in Gerhard Falkners wunderbar unterhaltsamem, poetisch überbordendem Buch Apollokalypse so oft thematisiert, wie münchhausenhaft sich der Erzähler seine Abenteuer allesamt aus den Fingern gesogen haben könnte? "Vielleicht ist alles, was ich hier schreibe, überhaupt nicht wahr und vollkommener Unsinn", steht da geschrieben, oder: "Meine Vergangenheit ist wie ein Haus, das abgerissen wurde und von dem es auch keine Fotos oder Pläne mehr gibt." Noch im Nachwort des Romans liest man: "Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind erwünscht, aber rein zufällig."
Wer so viel Krawall um den Charakter seiner Erzählung macht, muss einige Sensationen zu bieten haben. Und tatsächlich hat der 65-jährige Schriftsteller Falkner den Lebensroman eines verwegenen Burschen aufgeschrieben. Der Icherzähler seines Buchs schildert gleich zu Beginn sehr anschaulich einen Geschlechtsakt, Jahre vor dem Mauerfall in einer Kreuzberger Wohnung, mit einer blasshäutigen RAF-Terroristin namens Henriette – durchaus unter Gefahr, weil Henriette damals die Stammgeliebte eines besonders humorlosen Terrorgang-Anführers war.
Derselbe Erzähler berichtet davon, wie er in einem klapprigen Opernhaus in Amerikas Westen LSD-Trips einwarf; wie er im geteilten Deutschland eine Panzerfaust über die Transitstecke nach Westberlin schmuggelte; wie er im wiedervereinigten Berlin mit einer aus Bulgarien stammenden Geliebten seine sexuelle Erfüllung erfuhr. Die Frau verfügte nicht bloß über "selbstbewusste Brüste" und einen "vollendet gerundeten Hintern", sondern auch über intellektuelle Ambitionen: "Am liebsten sprach sie über schwierige Dinge. Über arbiträre Strukturen in der Hermeneutik oder den französischen Poststrukturalismus – so in diese Richtung."
Der Autor Falkner ist als Lyriker einigermaßen berühmt, als Romanautor aber ein Debütant. Apollokalypse funktioniert als Zeitreise in längst untergegangene Milieus und in jene späten Tage des Kalten Krieges, in denen man im Westen Deutschlands, wie es einmal im Buch heißt, "immer in dem Gefühl lebte, mit allem rechnen zu müssen", bloß nicht mit der "Möglichkeit, der Kommunismus könnte die Segel streichen oder das Leben könnte damit aufhören, einen verrückten Tag nach dem anderen zu spendieren". Im München der Achtzigerjahre trifft der Erzähler Georg Autenrieth, im Fränkischen aufgewachsen wie Falkner, zwei andere junge Männer mit künstlerischen Begabung. Man freundet sich an, fährt zum Saufen nach Amsterdam und zieht irgendwann nach Westberlin.
Der begabteste der drei jungen Männer, dem als Maler und Zeichner tolle Kunst gelingt, verliert allerdings allmählich den Verstand. In der Nervenklinik fragt er: "Besteht Aussicht auf die Hoffnung, dass ich gemeingefährlich werde, Herr Doktor?" Kurz nach dem Fall der Berliner Mauer wirft er sich vor eine S-Bahn. Die Bilder des Freundes, so behauptet der Erzähler Autenrieth, hätten "die Schäbigkeit der menschlichen Person im günstigen Moment irgendeiner monströsen Demütigung" festgehalten.
Es gibt viele genaue, anrührende Sätze in diesem Buch, das sich an zeithistorischen Details wie den stets auf dem WG-Boden lagernden Matratzen der Achtziger weidet, aber auch einiges pompöse Gedröhne. So wird hemmungslos über Künstlernamen schwadroniert, von Rosemarie Trockel bis Rebecca Horn, von Martin Kippenberger und Joseph Beuys bis zu Peter Fischli und David Weiss. Man liest Reiseführerprosa über die Rauheit des New Yorker Nachtlebens in den Achtzigern, als "ein durchsichtiger eiserner Vorhang durch die Lower East Side" Spaßsüchtige und Kriminelle trennte.
Ganz bei sich ist der höchst unzuverlässige Erzähler Autenrieth nur in den Momenten, wenn der beständig ratternde Sprachapparat in seinem Kopf ausnahmsweise mal schweigt. Wenn er aufhört, von den drei Grundprinzipien seines Lebens zu labern; von Apollo, dem Prinzip des Schönen; von Kalypso, dem Prinzip der Verführung; und von der Apokalypse, dem Prinzip der Zerstörung.
In diesen Augenblicken der Erschöpfung begreift Georg Autenrieth, dass all seine Abenteuer so viel Bedeutung haben wie der Rummel, der entsteht, "wenn man ein Taschentuch in einen Ameisenhaufen wirft. Das Gewimmel bleibt das Gleiche, aber es formiert sich neu und folgt einer anderen Dynamik. Immer wieder verklumpen sich Menschen zu Gruppen und lösen sich scheinbar in größter Aufregung wieder auf". Das ist der Ameisenlauf der Welt, von dem Gerhard Falkners Roman kunstvoll und komisch erzählt.
Gerhard Falkner: Apollokalypse. Piper; 432 Seiten; 22 Euro. Erscheint am 1. September.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 35/2016
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