27.08.2016

Lasst uns blaue Blumen essen

Vom Wunsch, das Leben eines Baumes zu führen: Die Vegetarierin, ein Roman der Koreanerin Han Kang, erzählt von der Leichtigkeit, die Welt zu verändern. Es genügt ein kleiner Entschluss. Oder ein Traum. Von Volker Weidermann
SO EIN SONDERBARES BUCH. So viele Rätsel. Träume, Geheimnisse. Man steht als Leser hier eigentlich nie auf festem Grund. Es ist wie ein Fantasybuch, dabei ist es total realistisch und einfach und klar erzählt. Eine Horrorgeschichte, zart und leise geschrieben. Eine Frau erwacht eines morgens aus einem unruhigen Traum und sieht sich selbst, sieht alle Menschen plötzlich als Ungeheuer an. Raubtiere, die zum Überleben Tiere töten, täglich ein Blutbad anrichten. Im Traum sah sie sich selbst: "Ich hatte in der Scheune dieses rohe Stück Fleisch vom Boden aufgehoben und gegessen. Mein Mund, die Zähne und mein Gaumen waren voll von Blut gewesen. Meine Augen spiegelten sich glitzernd in einer Blutlache am Boden."
Die Südkoreanerin Han Kang erzählt in ihrem Roman Die Vegetarierin, für den sie mit dem renommierten internationalen "Man Booker Prize" ausgezeichnet worden ist, die Geschichte einer Frau auf der Suche nach der verlorenen Unschuld. Yeong-hye will nicht mehr töten. Sie will an keinem Tod auf dieser Welt mehr schuld sein. Sie will auch selbst kein Säugetier mehr sein, sondern eine Pflanze, am liebsten ein Baum. Sie will sich verwandeln, auch wenn sie dafür sterben muss.
Sie ist also verrückt. Die Menschen um sie herum sind sich da sicher. Ihr Mann, der sie einst wegen ihrer fantastischen Durchschnittlichkeit geheiratet hat. Ihr Vater, der sie als Kind geschlagen und drangsaliert hat. Ihre Mutter, die das hat geschehen lassen. Ihre lebenstüchtige, erfolgreiche, perfekt funktionierende Schwester. Sie alle können diese junge Frau, die plötzlich aus der Norm gefallen ist, nicht mehr ertragen. Geschockt erkennen sie: Wir sind einander fremd. Wir wissen nichts von ihr. Wissen wir überhaupt etwas von den Menschen, die uns am nächsten sind?
Yeong-hye muss weg. Sie hat diese Träume. Sie hat jegliches Fleisch noch in der ersten Nacht des Traums aus dem Kühlschrank gerissen und in den Müll gestopft. Bei einem Geschäftsessen ihres Mannes betrachtet sie dessen fleischliebende Kollegen, als wären sie Bestien. So lässt man sich nicht gern betrachten. Das schöne Fleisch. Wir wollen es in Ruhe essen. Und in aller Unschuld.
Der Roman ist in drei Teile unterteilt. Zunächst erzählt der Ehemann, der von Yeong-hyes Normalität so begeistert gewesen war. Er selbst ist ein Terrorist der Gewöhnlichkeit. Er will vom Leben etwas Sex, etwas Erfolg, etwas Ruhe. Ein unauffälliges Dahingleiten. Bitte keine Geschehnisse. Als seine Frau plötzlich mit diesen Träumen anfängt und immer magerer wird und ihm kein Fleisch mehr kocht, bekommt er Angst. Er fürchtet, sie sei für ihn "eine Fallgrube ohne Boden". Er will nicht stürzen. Er lässt sich scheiden. Seine Frau ist nicht normal.
Im zweiten Teil erzählt ihr Schwager. Er ist Videokünstler, nie ganz erfolgreich gewesen, nie richtig frei und radikal. Er fühlte sich immer schon hingezogen zu seiner Schwägerin, nun aber, nach ihrer Scheidung und nachdem sie aus aller Normalität gefallen ist, ist es um ihn geschehen. Er macht sie zu einem Gegenstand seiner Kunst, nein, sie selbst wird sein Kunstwerk, mit dem er sich vereint. Ja, das ist ungefähr so sonderbar, wie es hier nun klingt. Im Buch liest es sich sehr natürlich. Er ist ein Blumenträumer wie sie. Er will seine Schwägerin komplett mit gemalten Blumen bedecken, danach sich selbst und dann mit ihr verschmelzen. Das Ganze filmt er. Sein perfektes Kunstwerk. Als seine Frau den Film zufällig sieht, lässt sie die beiden Blumenmenschen in die Psychiatrie einweisen.
Der letzte Teil des Buches wird von ihr, der Schwester Yeong-hyes, erzählt. Die geschäftstüchtige, normale, funktionierende Frau. Sie sorgt sich um ihre Schwester in der Psychiatrie, die beschlossen hat, sich in einen Baum zu verwandeln, nur noch Wasser zu trinken und sich der Sonne, wenn sie scheint, zu öffnen. Sie wird sterben, und sie will sterben. Sterben ist für sie Verwandlung. Und je länger die große Schwester der kleinen beim Sterben zusieht, umso größer werden ihre Zweifel. An sich selbst. An dem Leben, das sie führt. Wer ist normal? Wer von ihnen unterdrückt Tag für Tag für Tag seine wahren Gefühle? Will sie nicht auch fliehen? Warum beherrscht sie sich? Warum nicht einfach loslassen?
Han Kangs verstörendes Buch hat eine leise, revolutionäre Kraft. Eine Frau hat einen Traum und stellt über Nacht alles infrage. Was sind die Grundlagen unseres Lebens? Müssen wir töten, um zu leben? Wie kann man leben ohne Schuld? Kennen wir irgendjemanden außer uns selbst? Die Sehnsucht, von der dieses Buch getrieben wird, ist eine blaue Blume. Yeong-hye trägt sie oberhalb des Gesäßes. Es ist keine Tätowierung, es ist ein sogenannter Mongolenfleck, der vor allem bei asiatischen Säuglingen vorkommt, sich bei fast allen Menschen mit den Jahren aber verliert. Bei ihr nicht. Es ist ihr Mal der Unschuld, das bewahrte Säuglingszeichen der Yeong-hye. Der Videokünstler hat es entdeckt. Von diesem Moment an ist auch in ihm der Wille zur Unschuld, Rückkehr zur Natur, unstillbarer Wunsch. "In diesem Moment hatte er blitzartig das Bild vor Augen. Das Bild einer bläulichen Blume, die auf dem Gesäß einer Frau erblüht."
Wir kennen sie, die Blume, wir kennen sie gut. Der Dichter Novalis hat sie als Erster gesehen, hat sich als Erster nach ihr gesehnt, im Heinrich von Ofterdingen, diesem Zauberbuch auf der Suche nach der Einheit mit der Welt. "Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, fern abliegt mir alle Habsucht: Aber die blaue Blume sehn ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken."
Novalis' Buch blieb Fragment. Sein Projekt, die Welt durch Dichtung zu romantisieren, die wirkliche Welt durch beharrliches, herrliches Vorandichten zu zwingen, sich der Gestalt der erträumten, harmonischen, natürlichen, unschuldigen, romantischen Welt anzugleichen, scheiterte bislang an der harten Wirklichkeit. Einige tapfere Dichter haben das Projekt bis heute nicht aufgegeben. Han Kang ist eine seiner radikalsten Schülerinnen.

Han Kangs verstörendes Buch hat eine leise, revolutionäre Kraft.

Han Kang: Die Vegetarierin. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Aufbau; 190 Seiten; 18,95 Euro.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 35/2016
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