27.08.2016

Pop/Alben

Der Trompeter Till Brönner huldigt auf „The Good Life“ dem großen Frank Sinatra. Sony, erscheint am 2. September.
Das Nachleben von Frank Sinatra hat etwas Rätselhaftes. Bob Dylan hat im Frühjahr schon sein zweites Album mit Cover-Versionen von Songs veröffentlicht, die Sinatra gesungen hatte. Einer der größten Songwriter des Pop singt die Lieder eines Sängers, der eben nur Sänger war, Interpret, Entertainer. Warum? Der vor Kurzem verstorbene Roger Cicero orientierte sich seine ganze Karriere über an Sinatra, einem Mann, der die letzten Jahrzehnte seines Lebens vor allem im Schatten seiner eigenen Vergangenheit stand. Wie konnte der Vorbild sein? Und nun kommt "The Good Life", das neue Album des deutschen Trompeters Till Brönner. Ebenfalls Versionen von Songs, die Sinatra gesungen hat. Ein Trompeter spielt Lieder eines Mannes, der vor allem Stimme war, The Voice. Wieso? Es hat bestimmt etwas mit dem Handwerk zu tun. Die Rockkultur, die Sinatra ab Ende der Sechziger zur Seite drückte, setzte eher auf Ausdruck als auf Können. Bestimmt liegt es auch am Ende der Jugendkultur. Der Pop, der Sinatra berühmt machte, war ein Vergnügen für die ganze Familie. So ist es heute wieder: Eltern und Kinder können gemeinsam zu Konzerten gehen, Musik ist nicht mehr unbedingt ein die Generationen spaltendes Ereignis. Aber aus Brönners Platte spricht noch etwas anderes. 13 Songs hat er mit einer kleinen Band und ein paar Gästen eingespielt, Gershwin-Lieder wie "I Loves You, Porgy", den Titelsong "The Good Life" oder "Come Dance with Me". Brönner singt und spielt Trompete. Und so perfekt das alles ist: Immer wieder lugt da der Wunsch durch, etwas anderes sein zu wollen als bloß Perfektionist. Sinatra war eben auch der Mann, der die reiferen Frauen ansang und gleichzeitig ihre Töchter anschmachtete – und dafür von beiden geliebt wurde. Einen kleinen Fetzen dieser großartigen Schmierlappigkeit von Sinatra hat Brönner tatsächlich eingefangen.
Tobias Rapp

Weiteres Popalbum

Mykki Blanco: "Mykki" . Studio K7!, erscheint am 16. September.
Die Biografie des schwulen, schwarzen und jüdischen Transgender-Rappers Mykki Blanco, 30, liest sich wie ausgedacht. Geboren als Michael David Quattlebaum Jr, aufgewachsen in Kalifornien. Sein Vater war IT-Spezialist, seine Mutter Anwaltsgehilfin. Die Eltern ließen sich scheiden, da war er zwei. Quattlebaum war Kinderschauspieler, als Jugendlicher gründete er ein Kunstkollektiv. Mit 16 ging er nach New York, lebte eine Weile auf der Straße, trieb sich herum, studierte Kunst. Doch anstatt Künstler zu werden, begann er zu rappen, obwohl Hip-Hop bekanntermaßen eines der heterosexuellsten Popgenres der Welt ist. Nun erscheint sein Debütalbum "Mykki", das gerade deshalb so überzeugend ist, weil Blanco den breitbeinigen sexuellen Angebertalk beherrscht wie kein anderer – nur sind seine (beziehungsweise ihre) Eroberungen eben Männer und nicht Frauen.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 35/2016
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