27.08.2016

Klassik

Der Geiger Friedemann Eichhorn ist ein fröhlicher Forschergeist. Seine neueste Entdeckung: raffinierte Duos mit Cello. Naxos.
Was macht ein Virtuose, der das Publikum mal richtig schwelgen lassen will? Im 19. Jahrhundert nutzten reisende Solisten dafür ein wirkungsvolles Rezept: die "Réminiscences". Man nehme eine populäre Oper, bilde aus deren schmissigsten und schmachtendsten Themen einen Reigen und schmücke das Arrangement nach eigenem Wunsch und Können mit akrobatischen Finessen. So machte es selbst Franz Liszt. Die meisten dieser Variationen und Potpourris sind heute vergessen, aber das schreckt den Könner nicht. Im Gegenteil: Friedemann Eichhorn, Violin-Professor an der Hochschule für Musik in Weimar, hat sich darauf spezialisiert, artistische Großtaten des 19. Jahrhunderts aufzuspüren. Der jüngste Streich ist besonders vergnüglich: Mit seinem bewährten Partner Alexander Hülshoff spielt Eichhorn sechs Duos für Violine und Cello, in denen Themen von Komponisten wie Rossini, aber auch Volksweisen aus den Alpen anklingen. Doppelgriffe, blitzschnelle Läufe, Triller, Stimmentausch, Flageolettsäuseln und zahllose weitere Tricks verbreiten Zirkuslaune. Der Cellist Frédéric Kummer (1797 bis 1879) und der Geiger François Schubert (1808 bis 1878) – kein Verwandter von Franz Schubert! – hatten mit den Hochleistungsschmankerln einst viel Erfolg. Eichhorn und Hülshoff scheinen sich geradezu in die beiden Komponisten versetzt zu haben, so hörbar freut es sie, loslegen zu dürfen. Nebenbei ist damit eine Stimmung neu zu erleben, die für den Konzertbetrieb der Epoche sehr typisch gewesen ist: Grenzen zwischen elitär und populär gab es noch so gut wie nicht. Ohnehin dürften viele Hörer damals die Opernhits ihrer Zeit, beispielsweise aus dem heute weitgehend vergessenen "Zampa" des französischen Komponisten Ferdinand Hérold von 1831, nur auf diese Art kennengelernt haben. Warum sollte man das nicht auch heute wieder dürfen – vor allem, wenn es so viel Spaß macht?
Johannes Saltzwedel

Weitere Klassikalben

Camille Saint-Saëns: Klavierquintett; Streichquartett Nr. 1 . Audite. Edle Spätromantik mit dem Quartetto di Cremona und Andrea Lucchesini am Klavier.
John Dowland: "Lachrimae or Seven Tears" . Linn. Consortmusik von 1605, perfekt dargeboten von Elizabeth Kenny (Laute) und der Viola-Gruppe Phantasm.
Paul von Klenau: Symphonie Nr. 9 . Dacapo. Für Entdecker: Ein monumentales Spätwerk von 1945, das erst 2001 gefunden und 2014 uraufgeführt wurde.
Paul Meyer&Pascal Contet: "Fantaisies Lyriques" . Sony Classical. Köstliche Kunststücke für Klarinette und Akkordeon.

Konzerte & Premieren

DÜSSELDORF
Rhapsody in Concert. Zehn Jahre "Rhapsody in School": Schüler erklären Musik, Starsolisten spielen. Tonhalle, 28. 9.
MINDEN
Richard Wagner: "Die Walküre". Die Fans haben es geschafft: Erste Premiere des Mindener "Rings"! Stadttheater, 9. 9.
STUTTGART
Internationaler Wettbewerb für Liedkunst. Junge Talente zeigen große Kunst – und das bei meist freiem Eintritt. Musikhochschule, 9. 9.
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 35/2016
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