03.09.2016

Autoren„Ich mochte sie sehr“

Der ehemalige Merkel-Bewunderer Hans-Olaf Henkel rechnet mit der Politik der Bundeskanzlerin ab. Mit ihrem „Helfersyndrom“ habe sie nichts als Schaden angerichtet.
Henkel, 76, arbeitete bis 1994 beim IBM-Konzern, führte bis 2000 den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und war bis 2005 Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. 2014 zog er als AfD-Abgeordneter ins EU-Parlament ein. Im April 2015 trat er als Parteivize zurück und nach seinem Austritt der "Allianz für Fortschritt und Aufbruch" (Alfa) bei. Gemeinsam mit dem Ökonomen Joachim Starbatty hat er das nächste Woche erscheinende Buch "Deutschland gehört auf die Couch!" (Europa Verlag) geschrieben.
SPIEGEL: Herr Henkel, wie gut kennen Sie Angela Merkel?
Henkel: Ich erinnere mich gern daran, wie wir uns Mitte der Neunzigerjahre zum ersten Mal trafen. Sie war gerade Umweltministerin im Kabinett von Helmut Kohl geworden. Ich war der neue Präsident beim Bundesverband der Deutschen Industrie. Zusammen haben wir damals für mehr Klimaschutz geworben und sind auch gemeinsam zur Weltklimakonferenz nach Kyoto gereist. Ich lernte Angela Merkel als eine sehr rationale und kluge Frau kennen. Ich mochte sie auf Anhieb sehr.
SPIEGEL: Ihre Zuneigung ist stark abgekühlt. In Ihrem neuen Buch werfen Sie und Ihr Koautor Joachim Starbatty Merkel vor, sie gehöre, wie ganz Deutschland, auf die Couch. Woher kommt Ihr Sinneswandel?
Henkel: Merkels Verhalten in der Flüchtlingspolitik hat unser Bild von ihr dramatisch verändert. Sie wollte sich zur Retterin aufschwingen, hat aber viel Schaden angerichtet. Starbatty und ich haben uns gefragt, warum sie das tut.
SPIEGEL: Sie diagnostizieren bei Merkel "schwaches Selbstwertgefühl" und "pathologische Hilfsbereitschaft". Sie kommen aus der Wirtschaft; seit wann sind Sie Experte für psychologische Ferndiagnosen?
Henkel: Lesen Sie nach, was der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer über vom Helfersyndrom befallene Personen schreibt. Für diese Menschen ist Helfen wie eine Sucht, aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus. Leider schätzen sie dabei die Grenzen des Möglichen genauso falsch ein, wie sie die Frage ignorieren, ob ihre Hilfe überhaupt erwünscht oder sinnvoll ist. Dieser Befund trifft für weite Teile der deutschen Elite zu.
SPIEGEL: Was hat das mit Merkel zu tun?
Henkel: Das Muster ist bei allen großen Themen ihrer Kanzlerschaft zu erkennen. Ob Merkel Flüchtlinge retten will oder Griechenland oder den Euro oder das Weltklima. Merkel schwingt die Moralkeule. Doch sie tut Dinge nicht nur, weil sie gut sind, sondern allzu oft, weil sie sie gut aussehen lassen. Und am Ende ist der Schaden größer als der Nutzen. Aus einem Schuldkomplex heraus betreibt sie statt Verantwortungspolitik lieber Gesinnungspolitik.
SPIEGEL: Lassen Sie uns die einzelnen von Ihnen erwähnten Themengebiete durchgehen. Die Aufnahme von Flüchtlingen: Darf sich die Bundeskanzlerin – mit der stärksten Volkswirtschaft Europas im Rücken – keinen humanitären Ansatz leisten?
Henkel: Doch. Aber mit ihrer Einladung an Millionen Flüchtlinge hat sie nicht nur eine gute Tat getan, sondern Schaden angerichtet. Sie hat den Flüchtlingen etwas versprochen, was sie nicht halten kann. Sie hat Deutschland von seinen Nachbarstaaten entfremdet, sogar isoliert. Und sie zerstört den Zusammenhalt in Europa. Letztlich ist Merkel sogar daran schuld, dass die Briten für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt haben.
SPIEGEL: Wie das?
Henkel: Unsere britischen Kollegen im Europäischen Parlament berichten, dass Merkels Flüchtlingspolitik dem Brexit-Lager die entscheidenden Prozentpunkte verschafft hat. Viele Briten hatten Angst, die Flüchtlinge würden einen deutschen Pass bekommen und als EU-Bürger nach Großbritannien strömen.
SPIEGEL: Welcher Schuldkomplex soll Merkel dabei geritten haben?
Henkel: Wie fast die gesamte deutsche Elite fühlt sich wohl auch Merkel schuldig wegen der entsetzlichen Verbrechen in der Nazizeit. Sie glaubt, dass Deutschland deshalb verpflichtet sei, der Welt ein moralisches Vorbild zu sein. Ich kenne das Gefühl ja selbst. Die Jugend Deutschlands war nach dem Zweiten Weltkrieg getrieben von der Sorge, in der Welt nicht anerkannt zu sein; die Ursache für unser Helfersyndrom.
SPIEGEL: Wollen Sie bestreiten, dass Deutschland eine historische Verantwortung hat?
Henkel: Die Nachgeborenen tragen Verantwortung, ja. Aber keine Schuld. Das sage nicht nur ich, sondern auch der frühere israelische Botschafter Schimon Stein, mit dem ich darüber gesprochen habe. Merkel sollte aufhören, der Jugend immer wieder die Schuld auf die Schultern zu laden.
SPIEGEL: Das ist genau der Sound, den auch Ihr früherer AfD-Parteifreund Björn Höcke* anschlägt. Besorgen Sie jetzt wieder das Geschäft der rechtsnationalen AfD?
Henkel: Nicht ich besorge das Geschäft der AfD, sondern Frau Merkel. Als Starbatty und ich mit Bernd Lucke und vielen anderen die AfD verlassen haben, lag die Partei in den Umfragen ganz unten, irgendwo bei vier Prozent. Sie wäre fast von der Bildfläche verschwunden. Doch dann kam die Kanzlerin mit ihrer Flüchtlingspolitik und hat die AfD wieder groß gemacht.
SPIEGEL: Viele Deutsche haben die Flüchtlinge willkommen geheißen und engagieren sich bis heute ehrenamtlich. Halten Sie diese Menschen alle für Opfer eines pathologischen Helfersyndroms?
Henkel: Nein. Ich finde ihr Verhalten gut und hochanständig. Es ist großartig, dass viele Deutsche den Flüchtlingen geholfen haben. Aber für eine Bundeskanzlerin gelten andere Maßstäbe. Sie muss die Folgen ihres Handelns bedenken, auch mögliche Kollateralschäden.
SPIEGEL: Ihr nächster großer Kritikpunkt an Merkel ist die Energiewende. Wo schlägt denn hier ihr angeblicher Schuldkomplex durch?
Henkel: Nachdem ich Merkel in der Klimapolitik zunächst als rational und vernünftig erlebt hatte, warf sie nach dem Reaktorunglück in Fukushima den Verstand über Bord. Jetzt muss Deutschland seine Atomkraftwerke abschalten, auch jene, die zu den sichersten der Welt gehören. Dafür laufen in unseren Nachbarstaaten die Meiler weiter, auch wenn sie weniger sicher sind als unsere. Das Risiko eines Atomunfalls und höherer CO2-Emissionen ist durch Merkels Politik nicht kleiner, sondern größer geworden. Ihr Plan, sich zum weltweiten Vorbild aufzuschwingen, geht also nicht auf. Die anderen Staaten denken gar nicht daran, aus der Kernenergie auszusteigen.
SPIEGEL: Für den Atomausstieg braucht es keinen Schuldkomplex, denn er entspricht dem Wunsch einer überwältigenden Wählermehrheit. Die Deutschen wollen einfach keine Atomkraft mehr im eigenen Land.
Henkel: Ein Unglück wie Fukushima wäre in Deutschland gar nicht möglich. Trotzdem haben den irrationalen Deutschen danach vor Angst die Knie geschlottert. Eine verantwortliche Kanzlerin hätte damals aufgeklärt und das Volk beruhigt. Merkel hat das Gegenteil getan.
SPIEGEL: Aber wo ist das psychologische Motiv, das Sie ihr unterstellen?
Henkel: Merkel wollte sich zur Retterin aufschwingen. Ein typischer Fall von Helfersyndrom. Bloß will die Welt nichts davon wissen.
SPIEGEL: Ihr dritter Hauptkritikpunkt ist die Euro- und die Griechenland-Rettung. Bei dem Thema arbeiten Sie sich schon seit Jahren an der Bundesregierung ab. Trotzdem ist es nicht so schlimm gekommen, wie Sie immer behauptet haben ...
Henkel: ... darf ich Ihnen von einem Theaterbesuch erzählen?
SPIEGEL: Nur zu.
Henkel: An der Berliner Schaubühne habe ich kürzlich das Stück "Ungeduld des Herzens" gesehen, nach dem einzigen Roman von Stefan Zweig. Es handelt von einem jungen Offizier, einem guten Kerl, der von seinem Gewissen geplagt wird, weil er die gelähmte Tochter seines Gastgebers versehentlich zum Tanzen aufgefordert hat. Aus Mitleid und um seinen Fauxpas wiedergutzumachen, überhäuft er das Mädchen mit Versprechungen, die er aber leider nicht halten kann.
SPIEGEL: Sie wollen sagen, Merkel sei wie der Offizier und Griechenland wie das gelähmte Mädchen?
Henkel: Genau. Das Theaterstück geht ebenfalls schlecht aus. Am Ende wird der gute Offizier vom Mädchen dafür gehasst, dass er ihm helfen wollte – eine Erfahrung, die Merkel bei ihren Besuchen in Griechenland auch gemacht hat. Dabei waren die Deutschen früher in Griechenland sehr beliebt. Aber tatsächlich geht es den Griechen trotz der ganzen Retterei ja heute sehr viel schlechter als früher.
SPIEGEL: Sie beschreiben und loben in Ihrem Buch detailliert, wie sich Merkel für den Dalai Lama, den chinesischen Künstler Ai Weiwei oder den Bremer Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz eingesetzt hat. Kein Bundeskanzler vor ihr habe sich so um die Menschenrechte verdient gemacht wie Merkel. Wieso ist das eine zu tadeln und das andere zu preisen?
Henkel: Weil es konkrete Hilfe war. Dem Einzelnen nutzte. Ich bestreite ja nicht, dass Merkel gute Absichten hat. Aber allzu oft ist ihr Verhalten kontraproduktiv und verschlimmert die Dinge.
SPIEGEL: Haben Sie Kontakt zu Merkel?
Henkel: Nein. Seit meiner Kritik an der Europolitik, also seit 2010, bin ich Persona non grata.
SPIEGEL: Ihre Küchenpsychologie in Ehren, aber könnte es angesichts Ihrer Wandlung vom Bewunderer zum Kritiker sein, dass Sie Ihr Anti-Merkel-Buch auch aus enttäuschter Liebe geschrieben haben?
Henkel: Wir legen nicht nur Merkel auf die Couch, sondern Deutschland. Aber in gewisser Weise haben Sie schon recht. Ich bin persönlich von Angela Merkel enttäuscht. Das hätte ich ihr nicht zugetraut.
*Der Name wurde nachträglich korrigiert.
Twitter: @Alex_Neubacher
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Von Alexander Neubacher und Alfred Weinzierl

DER SPIEGEL 36/2016
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