03.09.2016

EssayDrei Finger breit Stoff

Was darf sie zeigen? Was muss sie zeigen? Der Kampf der Kulturen wird schon lange am weiblichen Körper ausgetragen. Von Christiane Hoffmann
In iranischen Archiven gibt es eine Sammlung von Fotos aus den späten Dreißigerjahren. Sie zeigen Frauen und Männer in europäischer Kleidung, die Frauen ohne Tschador oder Kopftuch. Die Bilder sind seltsam beklemmend, manche Frauen schauen entsetzt in die Kamera, andere haben den Blick gesenkt. Es sind Aufnahmen iranischer Adelsfamilien, geschossen auf Anweisung von Schah Reza Khan auf dem Höhepunkt seiner Kampagne zur Entschleierung der Frau. Er sah im Tschador ein Symbol der Rückständigkeit seines Landes. Iran sollte ein modernes, westlich orientiertes Land werden. Das Verbot wurde auf den Straßen Teherans weit gewaltsamer durchgesetzt als das Burkini-Verbot an französischen Stränden. Auf offener Straße riss man Frauen den Tschador herunter.
Damals wurden die Frauen im Namen der Modernisierung ausgezogen, in den vergangenen Wochen geschah Ähnliches an Frankreichs Stränden, weil Frauen im Burkini angeblich den modernen, westlichen Lebensstil gefährden. Zugleich ist es erst ein gutes halbes Jahrhundert her, dass Frauen an europäischen Stränden einen Strafzettel kassieren konnten, nicht weil sie zu viel anhatten, sondern zu wenig: Der Bikini war, als er vor 70 Jahren auf den Markt kam, nicht weniger umstritten als heute der Burkini. Er wurde zunächst einmal nahezu weltweit verboten.
Damals wie heute wird der Kampf zwischen Tradition und Moderne am weiblichen Körper ausgetragen. Die Befreiung vom Korsett, der Kampf um Hosen, die Diskussion um Miniröcke, Hotpants, Bikini und Kopftuch – immer wieder ist Frauenkleidung reglementiert, vorgeschrieben und verboten worden, haben Männer Gebote und Verbote für weibliche Kleidung erlassen. In Europa ging der Streit die meiste Zeit darum, wie viel Haut Frauen zeigen dürfen, jetzt geht es darum, wie viel sie zeigen müssen.
Kleidung, die zweite Haut, ist zutiefst persönlich, und sie ist politisch. Sie ist Ausdruck von Identität. Sie sagt etwas aus über Charakter und Persönlichkeit, über sozialen Status und Weltanschauung, Beruf, Alter und Geschlecht. Ob Rüschenbluse oder Tanktop, Jogginghose oder Frack, Pumps, Ökolatschen oder Springerstiefel – Kleidung ist immer eine Botschaft, mit der man dazugehören oder sich abgrenzen, verführen oder abschrecken will. Kleidung passt sich an oder rebelliert. Wer Frauen Kleidung vorschreibt oder verbietet, will die Gesellschaft verändern oder eine gesellschaftliche Moral bewahren. Bis heute sollen Frauen nicht selbst bestimmen dürfen, was sie tragen, denn ihre Kleidung ist ein symbolisches Schlachtfeld: Ein Mann fährt an der Promenade von Nizza mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge und tötet 86 Menschen, daraufhin wird Frauen im 33 Kilometer entfernten Cannes das Tragen eines Burkini verboten.
Heute versuchen wir, mit unserer Haltung zu Kopftuch, Burka und Burkini unser Verhältnis zum Islam zu bestimmen. Wir erklären Burka und Kopftuch zum Symbol. Aber wofür eigentlich? Für die Unterdrückung der Frau im Islam oder ihren Protest gegen die Dominanz des Westens? Der Schleier kann vieles sein: ein Zeichen für den Besitzanspruch des Mannes, der seine Frau den Blicken anderer Männer entzieht. Ein Signal der Frau gegen den männlichen Blick: Ich stehe nicht zur Verfügung. Aber er kann auch verführerisch sein wie die Tücher der "Kopftuchbitches", die zum bunten Kopftuch grelles Make-up, hautenge Mäntelchen und High Heels tragen: oben keusch, unten sexy.
"Die Burka-Debatte", sagt die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken, "erlaubt uns einen neuen Blick auf unsere eigene Geschlechterordnung in der Öffentlichkeit." Männer und Frauen seien auch in der westlichen Kultur in Sachen Mode keineswegs gleichberechtigt. Männer tragen Anzüge, sichtbar ist nur ihr Gesicht, eine erotische Botschaft ist mit Männerkleidung in den seltensten Fällen verbunden. Lange wollten Männer nicht, dass sich Frauen kleiden wie sie. Frauen sollten nicht die Hosen anhaben. Hosen standen für Macht, Erfolg, Seriosität. Kanzlerin Merkel trägt Hosenanzüge, ebenso die meisten Ministerinnen. Bis heute hat es in Deutschland eine Frau im Hosenanzug leichter, ernst genommen zu werden, als eine Frau im Rock.
Die Burka-Debatte konfrontiert uns mit unserer eigenen Unsicherheit. Wie selbstbestimmt ist eigentlich weibliche Mode im Westen? Wie sehr ist sie geprägt durch soziale Zwänge, Gruppendruck, Konventionen, "Germany's next Topmodel" und die Vorgaben der Modeindustrie? Die feministische Bewegung ist sich bis heute nicht einig, ob der sichtbare Frauenkörper, die nackte Haut, der Minirock eigentlich Zeichen von Freiheit sind oder die Frau zum Sexobjekt degradieren.
Es geht um den männlichen Blick. Im Islam sowieso. In der Überlieferung war der Schleier (Hidschab) ein Vorhang, der die Frauen Mohammeds vor den Blicken seiner Besucher schützte. Es ist eine Kultur, die sich fundamental von der westlichen unterscheidet: Sie verhüllt das Kostbare. In Moscheen gibt es keine Bilder, schon gar keine Ikonen. Nicht Sichtbarkeit und Transparenz sind positiv besetzt, sondern das Verborgene, Unsichtbare, Indirekte. Der Schleier bedeutete Wertschätzung. Ärmere Frauen mussten arbeiten – und wie sollte man im Tschador das Feld bestellen? Er war die Kleidung der reichen, privilegierten Frauen.
Aber auch der aufgeklärte Westen ist bereit, auf den begehrlichen männlichen Blick Rücksicht zu nehmen. Die Triebkontrolle, die gern als zivilisatorischer Fortschritt des westlichen Mannes gepriesen wird, hat durchaus ihre Grenzen. Vor einem Jahr führte Deutschland eine kurze aufgeregte Debatte über Hotpants im Schulunterricht. Eine Schulleiterin in Baden-Württemberg hatte sich in einem Elternbrief dafür ausgesprochen, die ultrakurzen Höschen an ihrer Schule zu verbieten. Schüler und Lehrer sollten durch die allzu auffällig zur Schau gestellten Reize der Schülerinnen nicht vom Unterricht abgelenkt werden. Und vor ein paar Tagen brachte meine 15-jährige Tochter ein Schreiben ihrer Sportlehrerin zur Unterschrift nach Hause. Die Eltern sollten sich verpflichten, für hinreichend sittsame Bekleidung ihrer Töchter im Sportunterricht zu sorgen. Bauchfrei ist verboten, ebenso Spaghettiträger, mindestens drei Finger breit Stoff auf jeder Schulter wurden verlangt. Es klang, als sollten die Mädchen am besten im Burkini zum Staffellauf antreten. Begründet wurde die Maßnahme mit akuter Verletzungsgefahr für die Jungen: "Die rennen sonst noch gegen ein Hindernis!" Für die allerdings gibt es keine Regeln, sie dürfen mit freiem Oberkörper auf dem Sportplatz erscheinen. Große Aufregung bei den Mädchen: Wie ungerecht ist das denn!
Allerdings: Im Lauf der Geschichte wurde auch Männerkleidung bisweilen staatlich reglementiert. Berühmtestes Beispiel ist Kemal Atatürks Hutrevolution. Wie der Schleier und das Kopftuch wurde in den Zwanzigerjahren in der Türkei auch die traditionelle männliche Kopfbedeckung zum Symbol von Rückständigkeit. In seiner berühmten Hutrede propagierte Atatürk 1925 den westlichen Herrenhut. Es folgte die gesetzliche Anordnung: "Die allgemeine Kopfbedeckung der Bevölkerung der Türkei ist der Hut, und die Regierung verbietet die Fortdauer einer gegenteiligen Gewohnheit." Für Frauen wurden Kopftuch und Schleier aus dem öffentlichen Leben verbannt, an Schulen, Universitäten und im Staatsdienst wurden sie verboten. Die Rückkehr des Kopftuchs unter Erdoğan ist deshalb nicht nur ein Zeichen von Islamisierung. Das Kopftuch war auch Zeichen des Protests gegen einen autoritären laizistischen Staat.
Im vergangenen Jahrhundert war der Kampf ums Kleid eine Auseinandersetzung zwischen Tradition und Moderne, jetzt wird sie überlagert vom Gegensatz zwischen Islam und Westen. Außerhalb des Westens war Kleidung oft mit der Suche nach einer eigenen, nichtwestlichen Identität verbunden. Es ging darum, Traditionen zu bewahren oder eine eigene Moderne zu entwickeln. Dafür stehen die Mao-Jacke oder das Nehru-Hemd, ebenso die moderne islamische Frauenmode. Mit der Globalisierung kam der weltweite Siegeszug westlicher Modemarken. Hemd und Anzug, Jeans, T-Shirt und Turnschuhe – der westliche Kleidungsstil scheint universal geworden zu sein. Die Globalisierung bringt allerdings auch die umgekehrte Bewegung mit sich: Fremde Kleidung taucht auf unseren Straßen und in den Schulen auf, wir verstehen sie als Abgrenzung und Provokation, als Zeichen scheiternder Integration. Wir streiten über das Kopftuch.
Nirgendwo wurde die Kopftuch-Debatte so erbittert geführt wie in Frankreich. Schon 1989 wurden in der Kopftuch-Affäre drei Mädchen der Schule verwiesen, weil sie sich weigerten, ihr Kopftuch abzunehmen. Im Jahr 2004 erließ der Staat ein allgemeines Kopftuch-Verbot für Schülerinnen, 2011 wurde die Burka verboten. Auch in Deutschland regeln inzwischen Gesetze, wo Frauen ein Kopftuch tragen dürfen und wo nicht. Der Streit um das Kopftuch zeigt uns die Grenzen der eigenen aufgeklärten Liberalität. Plötzlich wissen wir nicht mehr, wie liberal wir eigentlich sein wollen. Wir tarnen die eigene Illiberalität mit dem Anspruch, die Frauen der anderen zu befreien.
Am Ende wird vielleicht der Kapitalismus siegen, und das ist ausnahmsweise gar nicht so schlecht. Westliche Mode-Labels entwerfen inzwischen islamische Mode. Als eines der ersten stellte DKNY 2014 seine "Ramadan-Kollektion" vor. Und umgekehrt beeinflusst orientalische Mode westliche Mode-Designer. So entsteht vielleicht eine globale Kleiderunordnung, in der so gut wie alles erlaubt ist, auch für Frauen. Twitter: @HoffmannSpiegel

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Von Christiane Hoffmann

DER SPIEGEL 36/2016
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