03.09.2016

TrendsWas ist so hip am Flamingo, Herr Müller-Thomkins?

Gerd Müller-Thomkins, 58, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts, über den Flamingo als Trendmotiv der Saison
SPIEGEL: Auch schon Hemden mit Flamingomuster anprobiert?
Müller-Thomkins: Nein, auch keine Krawatten. Jedoch komme ich aus der Generation Schlaghose, bin also mit Flamingomotiven groß geworden.
SPIEGEL: Jetzt sieht man den rosafarbenen Vogel überall: auf Kleidung, Tapeten, Möbeln, auf der Berliner Fashion Week und auf T-Shirts von H&M. Warum?
Müller-Thomkins: Weil Flamingos so sind, wie die meisten von uns heute gern sein würden: wendig und faszinierend, besonnen und reflektiert, Solisten, aber gruppenkompatibel. Der Flamingo steht auf nur einem Bein im Leben, strahlt dabei aber große Ruhe aus. Er ist ein unaufgeregtes Wesen in einer sehr aufgeregten Zeit.
SPIEGEL: Das klingt so ernst. Denken Sie nicht zuerst an "Miami Vice" und Cocktails mit Schirmchen?
Müller-Thomkins: Exotik und Eskapismus spielen eine große Rolle. Der Flamingo ist ein Sehnsuchtstier, mit sexueller Farbe und langen Beinen, die aussehen, als würden sie aus Hotpants schießen. Es gibt sogar eine Kolonie in Nordrhein-Westfalen. Ein moderner Migrant ist er also auch noch.
SPIEGEL: Wer trägt Schuhe mit Flamingoaufdruck?
Müller-Thomkins: Selbstbewusste Menschen mit Hang zum Plakativen. Frauen spielen mit Unschuld, Männer mit ihrer Genderrolle. Manche wollen vielleicht sagen: "Ich könnte genauso gut schwul sein oder eine Bar in Florida betreiben."
SPIEGEL: Das letzte Trendtier war die biedere Eule. Wie passt das zusammen?
Müller-Thomkins: Die Eule stand für Beständigkeit, aber damit ist jetzt Schluss. Jedes Tier in der Mode ist eine Anspielung auf gesellschaftliche Zustände.
SPIEGEL: Worin erkennen wir uns also als Nächstes wieder?
Müller-Thomkins: Wahrscheinlich im Igel. Der lebt in sich zurückgezogen, öffnet sich nur selten und lauert ständig darauf, sich gegen irgendwen zu wehren.
Von Rel

DER SPIEGEL 36/2016
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