03.09.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteEt kütt, wie et kütt

Eine Rentnerin füllt ein Rätsel im Museum aus und schreibt damit Kunstgeschichte.
Die Kunst kann unter Umständen ein Rätsel sein und ein Rätsel unter Umständen Kunst, jedenfalls steht in Nürnberg am 13. Juli Hannelore K. vor einer Fluxus-Collage, erschaffen von einem Künstler namens Arthur Köpcke, 1928 bis 1977. Frau K. ist Teilnehmerin eines Schreibkurses, die Leiterin dieses Kurses hat die Gruppe ins Neue Museum geführt, wo im oberen Stockwerk dieses Werk hängt, "Reading/Work-Piece" heißt es, entstanden 1965, darauf viel Schwarz, ein paar Zahlen, ein Frauenkörper und dann – in der linken Hälfte – die leeren Kästchen eines Kreuzworträtsels, ausgeschnitten aus einer Zeitung. Natürlich könnte Frau K. jetzt Rätsel Rätsel und Kunst Kunst sein lassen. Es ist ihr aber nicht danach. Sie fragt also eine Freundin nach einem Kuli. Und was dann passiert, ist – ja, was eigentlich?
Eine Kunst-Katastrophe in bester Fettecken-Tradition?
Eine Straftat?
Eine Fortführung des Kunstwerks im Sinne des Künstlers?
Der kann sich, da tot, nicht mehr äußern. Für Frau K. aber ist die Sache klar: "Es war Schicksal. Anders kann ich das nicht beschreiben." So wird sie das ein paar Wochen später sagen, als sie mit knallroten Sandalen und hellwachen Augen im Büro ihres Anwalts sitzt und zu erklären versucht, wie aus einer Rentnerin mit über 90 Jahren noch eine berühmte Vandalin werden konnte.
Schicksal war es, also unvermeidlich, weil erstens ihre Freundin am 13. Juli tatsächlich einen Stift dabeihatte, obwohl doch alle Taschen und Jacken abzugeben waren. Schicksal, weil da zweitens eine Anweisung auf dem Bild stand, "insert words so it suits", "bitte passende Worte eintragen", so winzig geschrieben, dass sich Frau K. sicher war, sie habe die Aufforderung einfach als Erste erspäht.
Frau K., an jenem Tag, greift also zum Stift. Der erste Buchstabe eines Begriffs mit vier Buchstaben steht schon da, ein W, Frau K. entschließt sich, das zu Wall zu ergänzen, Mauer, waagerecht. Und senkrecht passe nun so schön Italy in die Kästchen. Es sind Wörter, die Frau K. frei wählt, denn der Künstler hat nur die leeren Kästchen ausgeschnitten, nicht aber die dazugehörigen Fragen.
Willst du nicht noch mehr ausfüllen?, fragt die Freundin. Frau K. winkt ab. Vielleicht wollen ja auch die anderen Besucher noch.
So denkt sich das Frau K., bis ein Aufseher zu ihr kommt und sie bittet, ihn in das Büro der Direktorin zu begleiten, wo Frau K. zu hören bekommt, dass das Kunstwerk keinesfalls zum Ausfüllen gedacht sei. Von 80 000 Euro Versicherungssumme ist die Rede. Und von einer Anzeige. Na gut, denkt sich Frau K., dann bekommt sie es eben mit der Polizei zu tun, aber deswegen noch lange nicht mit der Angst. Frau K. hat sich geschworen, sich nicht mehr über das Leben aufzuregen. Und weil Frau K. die Kölner Mundart mag, sagt sie sich: "Et kütt, wie et kütt."
Und es kommt so: Frau K. verlässt das Büro der Direktorin. Sie geht ins Literaturhaus-Café schräg gegenüber, wo die anderen Frauen des Schreibkurses schon beisammensitzen. Sie bestellt einen Flammkuchen. Ein Streifenwagen fährt in die Fußgängerzone. Drei Polizisten in Uniform führen Frau K. ab. Das Museum zieht eine Restauratorin zurate, die reparieren soll, was zu reparieren ist. Und Frau K. kommt bald zu dem Schluss, dass sie wohl einen Anwalt braucht.
So klingelt in der Toskana das Mobiltelefon von Heinz-Harro Salloch, der zuerst glaubt, einen Witz zu hören. Im Fall von Frau K. geht es um den Paragrafen 304 Strafgesetzbuch, "Gemeinschädliche Sachbeschädigung", strafbar mit bis zu drei Jahren Freiheitsentzug. Aber für Salloch geht es um die viel interessantere Frage, ob überhaupt jemand zu Schaden gekommen sei. Respektive ob nicht viel eher jemand profitiert habe. Denn der Wert eines Kunstwerks hänge doch davon ab, wie bekannt es ist. In einem Interview hat er im Spaß gesagt, der einzige Köpcke, den er vor dieser Geschichte gekannt habe, sei der Nachrichtensprecher Karl-Heinz gewesen. Das möchte er inzwischen revidieren, er hatte den Torwart Andy Köpke vergessen.
Jedenfalls, was der Anwalt wohl damit sagen möchte: Hat nicht Frau K. das Werk des Herrn K. überhaupt erst berühmt gemacht? Denn die Meldung von der 91-Jährigen und dem Kreuzworträtsel hat es quer durch das Internet geschafft, bis nach Australien und wer weiß wohin.
Frau K. sagt heute, ihr komme es manchmal vor, als ginge es bei moderner Kunst nur darum, "etwas anders zu machen, damit die Leute reden". Es kommt ihr auch so vor, als würde zur modernen Kunst durchaus die Mitarbeit des Betrachters gehören, die Interaktion, wie das doch immer heißt. Auch deshalb sind ihr die alten Meister lieber. Da weiß man, was man hat.
Salloch, der Anwalt, rechnet stark mit "einer 153 oder 153a". Das bedeutet, dass das Verfahren wohl eingestellt wird, aber sicher weiß man das nie, et kütt, wie et kütt.
Und es kommt so: Die Restauratorin kann alle Kuli-Spuren entfernen. Die Museumsdirektorin lässt verkünden, dass sie sehr erleichtert sei, dass das Bild aussehe wie zuvor. Arthur Köpckes Collage wird wieder an ihrem alten Platz aufgehängt. Da hängt sie seitdem. Und wer sie betrachtet, kann etwas lernen über einen gewissen Köpcke und die Kunst. Und wer von Frau K. weiß, erkennt überdies: Es reicht manchmal ein einziger unvernünftiger Moment, um Kunstgeschichte zu schreiben.
Von Maren Keller

DER SPIEGEL 36/2016
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