03.09.2016

Modernes Leben¯\_("/)_/¯

Plaudernde Programme überschwemmen das Internet und verwickeln die Nutzer in sinnfreie Dialoge. Wer braucht solche „Chatbots“?
"Poncho, ist es heute windig in Berlin?"
"Nein, später regnet es in Berlin."
"Aber was ist mit dem Wind?"
"Unmöglich, das Wetter ist klar in Berlin."
"Nein, draußen ist es bewölkt."
"Also, ich kann ganz gut übers Wetter sprechen. Über andere Dinge weniger."

So klingt es, wenn Menschen mit Maschinen reden. Genauer: mit Poncho, einer interaktiven Wetterauskunft, die seit ein paar Monaten im Nachrichtendienst Facebook Messenger anzutreffen ist und die Nutzer in Gespräche verwickelt.
Poncho ist ein "Chatbot" (Kurzform von Chat-Roboter), der so begriffsstutzig ist, dass es eine sadistische Freude ist, ihn in Sackgassen-Dialoge zu verstricken. Selbst harmlose Fragen genügen, schon rutscht er auf seinen eigenen Worten aus – faszinierend:

"Poncho, wann geht die Sonne unter in Berlin?"
"Nö, du brauchst deinen Poncho nicht in Berlin."
"Aber ich dachte, es wird noch regnen."
"Ja, es wird heute Abend noch regnen in Berlin."

Poncho hat keine Ahnung von Wind, Sonne oder Logik. Genau das macht ihn so spannend: Der Chat-Roboter sagt weniger über das Wetter, aber viel über den Stand der künstlichen Intelligenz im Jahre 2016: heiter bis wolkig.
Poncho und Konsorten wurden mit viel Tamtam gefeiert, als Facebook im Frühjahr in das Chatbot-Rennen einstieg: Die plaudernden Maschinen sollen beim Shoppen helfen oder Flüge reservieren. Sogar "Conversational Banking" ist im Gespräch. Poncho als Butler oder gar Banker? Das klingt nach dem Stoff für eine Internet-Slapstickkomödie.
"Facebook hat eine große Menge Bots total überstürzt veröffentlicht", kritisiert der KI-Experte Bruce Wilcox, verehrt als Bot-Vater, weil er mehrfach den Loebner Prize gewonnen hat. Die neuen Billig-Bots seien schlampig programmiert; und schon die Software, welche die Nutzerabsichten erkennen soll, sei dürftig.
So wiederholt die Computergeschichte selbst Scherze noch einmal als Farce. 1966 entwickelte der Computerwissenschaftler Joseph Weizenbaum am MIT das legendäre welterste Chatprogramm "Eliza", das simpel nach Schlüsselwörtern wie "Vater" oder "Mutter" suchte, um darauf mit Phrasen aus der Psychotherapie zu kontern. Kostprobe:

"Eliza, Krieg ist der Vater aller Dinge."
"Was fällt Ihnen noch ein, wenn Sie an Ihren Vater denken?"

Obwohl die Nutzer wussten, dass Eliza nur ein einfach gestricktes Computerprogramm ist, beichteten ihr einige manch intimes Geheimnis.
Nun bricht das akademische Experiment von einst über den Massenmarkt herein. Millionen Bots twittern bereits über Politik, suchen Flüge heraus oder fassen die Nachrichten zusammen, zum Beispiel so:

"CNN Bot, was gibt es Neues vom Präsidentschaftskandidaten Donald Trump?"
"Okay, Minenräumung an Jesu Taufort."

Der anschwellende Bot-Gesang ist einfach zu erklären: Websites, E-Mails und selbst Facebook wirken auf Jugendliche so antiquiert wie Postkutschen. Für sie steht das Internet vor allem für Messaging-Dienste wie Snapchat oder WeChat.
Dafür sind Bots wie gemacht. Ihr Vorteil: Sie sind pflegeleichter als eine Hotline, man kann sie anfragen, während man gleichzeitig mit Freunden chattet. Der Ton ist locker, und wenn ein Bot eine Frage nicht versteht, zeigt er das manchmal mit einer Grafik, die aussehen soll wie ein Männchen, das fragend seine Arme hebt:

¯\_("/)_/¯

Wie aber kann es sein, dass Poncho und Konsorten nicht einmal Elizas 50 Jahre alte Schlagwortskripte beherrschen? Und das, obwohl Sprachassistenten wie Siri auf dem iPhone längst aufs gesprochene Wort hören – und das IBM-System Watson bereits 2011 den menschlichen Meister im Wissensquiz "Jeopardy" schlug?
Wer für Poncho nur Hohn und Spott übrighat, übersieht die eigentliche Pointe. Die Billig-Bots bedeuten eine technische Kulturrevolution: die Demokratisierung der künstlichen Intelligenz. Websites wie Chatfuel.com locken sogar Kunden, die noch nie programmiert haben: "Bauen Sie einen Chatbot in nur 7 Minuten".
"Bots sind die neuen Apps", schwärmt Microsoft-Chef Satya Nadella. Doch sogar sein Riesenkonzern hat seine liebe Mühe mit der unerträglichen Leichtigkeit der Programmierung: Das Microsoft-Chatprogramm namens Tay plauderte zunächst freundlich los. Doch nach nicht einmal 24 Stunden in freier Wildbahn begann es plötzlich mit rassistischer Hetze.
Die Erklärung: Tay imitierte einfach die Eingaben der Nutzer, wie ein brabbelndes Kleinkind. Wer mit derlei lernenden Chatbots plaudert, "trainiert" sie, ohne es zu merken. Das macht Bots so billig, ihren Einsatz aber auch riskant: Sprache kann wie ein Virus wirken. Wir Nutzer sind selbst die Bot-Master, ohne es zu wissen:

"Poncho, wer sind deine Eltern?"
"Nichts überstürzen, es ist noch viel zu früh, um uns unseren Eltern vorzustellen."

Ein Instant-Bot zum Artikel: https://wit.ai/Chatbothausen
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 36/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Modernes Leben:
¯\_("/)_/¯

Video 06:10

FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt Die Videofalle

  • Video "Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat" Video 02:03
    Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Video "Webvideos der Woche: Einfach umgedreht" Video 03:14
    Webvideos der Woche: Einfach umgedreht
  • Video "ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher" Video 02:00
    ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher
  • Video "Genug ist genug: Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video" Video 03:03
    "Genug ist genug": Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video
  • Video "Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel" Video 00:43
    Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel
  • Video "US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet" Video 02:09
    US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet
  • Video "Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück" Video 02:20
    Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück
  • Video "Video: Proteste in Österreich" Video 00:52
    Video: Proteste in Österreich
  • Video "Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor" Video 02:04
    Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor
  • Video "Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten" Video 03:36
    Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten
  • Video "Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird" Video 00:29
    Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird
  • Video "Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm" Video 00:46
    Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm
  • Video "Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden" Video 02:38
    Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden
  • Video "Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley" Video 01:12
    Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley
  • Video "Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um..." Video 01:27
    Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um...
  • Video "FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle" Video 06:10
    FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle