03.09.2016

AnalyseDie große Mexiko-Show

Es gibt keinen „neuen“ Donald Trump, nur den alten.
Es war ein Spektakel, wie man es bisher nur aus besonders unrealistischen Folgen amerikanischer Politserien kannte: Donald Trump besteigt ein Flugzeug nach Mexiko-Stadt. Dort angekommen, steht er auf einem Podium neben Präsident Enrique Peña Nieto, der ihn einmal mit Hitler verglich, aber nun aus unerfindlichen Gründen in seinen Palast eingeladen hat. Es könnte viel schiefgehen bei solch einem Treffen. Trump hat Mexikaner pauschal als Vergewaltiger bezeichnet und fordert eine Mauer an der Grenze, für die im Übrigen Mexiko bezahlen soll. Doch nun liest Trump brav von einem Blatt ab, versucht, präsidentenhaft zu wirken, und übersteht das Ganze ohne Blamage. Als Peña Nieto später im Fernsehen sagt, er werde selbstverständlich nicht für eine Mauer zahlen – da ist Trump längst zurück in den USA, wo er nach seiner zahmen Mexiko-Visite die bisher aggressivste Anti-Einwanderungs-Rede des ganzen Wahlkampfs hält: Er werde eine Mauer bauen, er werde alle Kriminellen abschieben. Präsidentenhaft ist da gar nichts mehr. Dabei hatten viele erwartet, er werde sich nun mäßigen. Trump liegt in den Umfragen zurück, und wenn er gewinnen will, braucht er die Unentschiedenen, die Gebildeten, die Vorstädter, die Frauen. Bisher macht er aber keine Anstalten, um sie zu kämpfen. Es zeigt sich: Trump ist ein Entertainer, der vor allem das Bad in der Menge seiner fanatischsten Anhänger sucht, die ihn gerade für seine Hardliner-Positionen lieben. Die Wähler, die er gewinnen müsste, schreckt er damit ab, einen "neuen" Donald Trump wird es nicht geben. Das Verblüffende ist, dass sich der zeitweise enorme Rückstand Trumps auf Hillary Clinton in den vergangenen Wochen trotz allem verringert hat. Das liegt aber nicht an Trumps Strategie, sondern in erster Linie daran, dass sie bei den Wählern fast genauso unbeliebt ist wie er – für die meisten ist Clinton nur das geringere Übel.
Von Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 36/2016
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