03.09.2016

AnalyseGiftig und wortgewandt

Wie schwer wiegt die Tötung des Chefpropagandisten Abu Mohammed al-Adnani für den „Islamischen Staat“? Von Christoph Reuter
Unspektakulär war die Nachricht von seinem Ende. Weder wurde er vielfach fälschlich totgesagt wie sein "Kalif", noch gab es zuerst Erfolgsmeldungen des US-Militärs, sondern nur ein Statement des "Islamischen Staates" (IS), garniert mit den üblichen Racheschwüren: Abu Mohammed al-Adnani – das Gesicht und vor allem die eifernde Stimme des IS – sei bei einem amerikanischen Raketenangriff nahe der syrischen Stadt al-Bab ums Leben gekommen. Adnani sei mit einem Leibwächter im Auto unterwegs gewesen, so ein lokaler Informant des SPIEGEL innerhalb des IS. Insgesamt drei Drohnen seien am Himmel über der Umgebung geflogen, als der Wagen plötzlich im Feuerball einer Explosion zerrissen wurde.
Wie schwer wiegt dieser Ausfall für den IS, zumal in einer Zeit, da die Dschihadisten an fast allen Fronten zurückgedrängt werden?
Adnani, geboren 1977 im nordsyrischen Binnisch, hatte sich schon 2003 im Irak der Vorläuferorganisation des "Islamisches Staats" unter dem Jordanier Abu Musab al-Zarqawi angeschlossen und war später als einer von sehr wenigen Nichtirakern in die Führungsspitze aufgestiegen. Seine Suaden gegen Schiiten, den Westen und die Konkurrenz von al-Qaida machten ihn zur prominentesten Figur des IS neben Abu Bakr al-Baghdadi, dem "Kalifen" des selbst erklärten Staats. 2014 rief er zu Terrorattacken im Westen auf: Wer immer einen ungläubigen Amerikaner oder Europäer töten könne, solle es tun, und sei es mit einem Stein oder einem Messer.
Dass er eine wichtigere operative Rolle spielte, als bloß fortwährend alle Welt zu bedrohen, kam in den vergangenen Monaten ans Licht. Nach den Attentaten von Paris und Brüssel und der Verhaftung europäischer Rückkehrer zeigte sich, dass es innerhalb des Orbits voneinander abgeschotteter Geheimdienste des IS eine Organisation für "externe Operationen" gab, zuständig für Anschläge im Westen. Verantwortlicher: Abu Mohammed al-Adnani. Unter seiner Führung habe der Chefplaner der Angriffe auf mehrere Ziele in Paris im November 2015, der Belgier Abdelhamid Abaaoud, Kandidaten aus dem Strom der ausländischen Ankömmlinge ausgewählt, trainiert und wieder zurück nach Europa geschickt.
Dennoch: Dass Adnani "die zentrale Rolle in der militärischen Planung" des IS gespielt habe, wie ein US-Regierungsvertreter am Dienstag mitteilte, dürfte massiv übertrieben sein. Denn genau dort hat er zumindest in den Jahren bis 2014 keine nennenswerte Rolle gespielt.
Viele Beobachter des IS erliegen der Annahme, mediale Präsenz mit Wichtigkeit gleichzusetzen. Dem ist beim IS aber nicht so. Die wichtigsten – irakischen – Strategen und Entscheider bei der schrittweisen Infiltration und Eroberung Nordsyriens operierten klandestin, hielten erst die Existenz des IS und nach April 2013 ihre eigene Rolle geheim. Bei den entscheidenden Treffen zwischen dem nominellen Anführer der mit al-Qaida alliierten Nusra-Front und den IS-Oberen war Adnani nie dabei. Den Blitzfeldzug auf Mossul im Juni 2014 führten einstige Offiziere aus Saddam Husseins Armee.
Adnanis Rolle als treibende Kraft der Anschläge in Europa war eine Fortsetzung seiner Propaganda mit mörderischen Mitteln. Der Terror sollte die westlichen Staaten destabilisieren, deren Regierungen abschrecken, sich am Kampf gegen den IS zu beteiligen. So immens die politische Wirkung der Attacken in Europa auch war: Von ihrem planerischen Aufwand her waren sie simpel, verglichen mit der Eroberung der Millionenstadt Mossul in nur drei Tagen, der intelligent koordinierten Unterwanderung und Einnahme Nordsyriens – oder der logistischen Fähigkeit, all die eingenommenen Gebiete inklusive Stromversorgung, Ölraffinerien und mehrerer Millionen Menschen verwalten zu können.
Adnanis Rolle war nicht nach innen gerichtet. Er war einer von wenigen in der Führungsspitze, die keine militärische oder geheimdienstliche Ausbildung und Praxis besaßen, sondern einer, der sich seit dem Erwachsenwerden nur im Feld des islamistischen Terrors bewegt hatte. Seine Rolle war es, wortgewandt und giftig dem Rest der Welt die Feindschaft zu verkünden und Anhänger nach Syrien zu locken.
Doch in der bedrängten Lage, in der sich der IS gegenwärtig befindet, dreht sich diese Art der Propaganda zunehmend im Leerlauf. Die Wege ins geschrumpfte "Kalifat" sind versperrt, und an der Stoßrichtung der militärischen Feinde, allen voran die USA, ändern weitere Bombenanschläge nichts. Der IS verliert laufend Territorium. Nur wenn sich seine Gegner untereinander bekämpfen – wie in diesen Tagen die von den Türken unterstützten gemäßigten Rebellen und die syrischen Kurden –, erhält er eine kleine Verschnaufpause.
Für viele IS-Kämpfer steht nicht die von Adnani beschworene Entscheidungsschlacht zwischen den Heeren der Muslime und der "Kreuzfahrer" an, sondern das diskrete Abtauchen: Südlich von Mossul sind viele Straßen für Dschihadisten lebensgefährlich geworden. Der IS hat nun in großem Stil Esel aufgekauft, um sich unbehelligt von der Luftüberwachung von Ort zu Ort bewegen zu können. Die Tiere sind laut lokalen Quellen seither so knapp geworden, dass ihr Preis auf mehr als hundert Dollar pro Tier hochgeschnellt sei. ■
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 36/2016
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