03.09.2016

SommermärchenFinale in Bern

Erstmals wird in der WM-Affäre gegen Franz Beckenbauer ermittelt. Dabei hatte ihn der deutsche Fußball schon wieder voll resozialisiert.
In den vergangenen Wochen sah es so aus, als könnte die Zeit mal wieder alle Wunden heilen oder wenigstens die Erinnerung daran einschläfern, dass gar nichts heil ist. Bei der "Bild"-Zeitung war Franz Beckenbauer vom gejagten wieder zum gefragten Kaiser geworden, zum Weisen, der den Lesern die Welt des Fußballs erleuchtet. Und schon während der Europameisterschaft hatte DFB-Chef Reinhard Grindel dem gefallenen Idol Absolution erteilt; der Franz habe in der Affäre um die deutsche Fußball-WM 2006 aufgeklärt, was er habe aufklären können, mehr könne man doch wirklich nicht verlangen.
So schien im Kaiserreich des deutschen Fußballs wieder alles beim Alten zu sein. Bei Franz Beckenbauer. Selbst von der Frankfurter Staatsanwaltschaft, die einer ominösen 6,7-Millionen-Euro-Zahlung aus dem Topf des deutschen WM-Komitees nachgeht, war kaum etwas zu hören. Nun aber beenden Schweizer Ermittler das sanfte Entschlummern der Affäre. Am Donnerstag sammelte die Berner Bundesanwaltschaft bei Razzien und Hausbesuchen in der Schweiz und Österreich Papiere ein. Sie klingelte nicht nur bei Beckenbauer in Salzburg, sondern auch bei seinem Kumpel Fedor Radmann, Spitzname "Schiebor", der ein intimes Wissen über die Vorgänge rund um die WM-Vergabe 2006 haben dürfte.
Ermittelt wird jetzt gegen Beckenbauer, den zurückgetretenen DFB-Chef Wolfgang Niersbach, dessen Vorgänger Theo Zwanziger und den ehemaligen DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Alle saßen im WM-Organisationskomitee, alle beteuern ihre Unschuld, aber alle waren sie befasst mit einem Millionentransfer, bei dem bis heute nicht klar ist, wo das Geld am Ende geblieben ist. Mit Sicherheit jedenfalls nicht dort, wo es nach offizieller Lesart gelandet war, bei einer Eröffnungsgala für die WM. Dass die Beschuldigten das früher oder später wussten und eine falsche Fährte gelegt wurde, um die echte Geldspur zu verwischen, das haben sie auch längst eingeräumt.
Die Ermittler in Bern prüfen deshalb den Verdacht des Betrugs, der ungetreuen Geschäftsbesorgung, der Geldwäsche und der Veruntreuung. Den Schaden soll der DFB haben, die Rede ist von "arglistiger" Irreführung des Verbands, der ahnungslos 6,7 Millionen Euro in ein schwarzes Loch gekippt haben soll. Und während in Deutschland der Straftatbestand der Geldwäsche mit kurzen Verjährungsfristen und hohen Anforderungen ein stumpfes Schwert ist, sieht die Sache in der Schweiz anders aus. Für Beckenbauer sowieso: Erstmals laufen Ermittlungen gegen ihn persönlich. Den Frankfurter Fahndern war er entgangen, weil er mit der Steuererklärung des DFB nichts zu tun hatte, in der die 6,7 Millionen später versteckt wurden. Das Schweizer Auswärtsspiel dürfte umso härter für ihn werden.
Dass in der Schweiz nun der Turbo in der deutschen WM-Affäre gezündet wird, ist einem Zufall zu verdanken: Franz Beckenbauer war schon 1977 vor dem deutschen Fiskus in den Kanton Obwalden geflüchtet und ließ sich dort von einer Kanzlei in Steuerfragen beraten. Als 2002 – zwei Jahre nach dem Zuschlag für die deutsche WM – plötzlich 10 Millionen Schweizer Franken flossen, spielte dieselbe Kanzlei wieder eine Rolle: Von einem Konto, das Beckenbauer und dessen Manager Robert Schwan gehörte, liefen über das Anwaltsbüro 6 Millionen Franken nach Katar. Der Empfänger: eine Firma, die einem der damals größten Strippenzieher im Weltfußball zuzurechnen ist, Mohamed Bin Hammam. Kurz danach überwies Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus 10 Millionen Franken an die Schweizer Kanzlei; 6 Millionen gingen an Beckenbauer zurück, die restlichen 4 Millionen wieder an die Bin-Hammam-Firma. Machte insgesamt 10 Millionen Schweizer Franken für den Katarer.
Drei Jahre später zahlte das deutsche WM-Komitee Louis-Dreyfus die nur geliehenen 10 Millionen Franken mit Zinsen wieder zurück, umgerechnet nun 6,7 Millionen Euro. Damit die Öffentlichkeit davon nichts mitbekam, ließ man sich eine Tarnung einfallen: Der DFB überwies nicht an den französischen Milliardär, sondern an die Fifa, die das Geld an ihn durchsteckte.
Und auch den Zweck kaschierten die WM-Macher um Beckenbauer: kein Hinweis auf Bin Hammam, keiner auf den Kredit von Louis-Dreyfus. Stattdessen gab es einen DFB-Beschluss, wonach sich die Deutschen mit der Summe an einer WM-Gala der Fifa beteiligt hätten.
Beckenbauer behauptet, sich an die Einzelheiten nicht erinnern zu können – legendär sein Satz, er habe blind alles unterschrieben, was man ihm vorgelegt habe, insbesondere der 2002 gestorbene Schwan. Die 6,7 Millionen, so viel gibt er zu, seien aber nicht für die Gala geflossen. Seine Version: Es habe sich um eine Provision an die Fifa gehandelt, um im Gegenzug von ihr einen 250-Millionen-Euro-Zuschuss für die deutsche Weltmeisterschaft zu sichern. Was der Empfänger Bin Hammam damit angestellt habe, das wisse er wirklich nicht.
Die Schweizer fragen sich, ob sich Beckenbauer nur nicht erinnern will. Und weil die Gelder über die Schweiz liefen, dürfen sie ermitteln. Sollten die Beamten bei Beckenbauer nicht weiterkommen, obwohl seine Anwälte den vollen Kooperationswillen ihres Mandanten beteuern, dann möglicherweise beim langjährigen Buddy Radmann. Auch er war Mitglied des WM-Komitees und das Gehirn der Operation WM 2006.
Während in Deutschland die Beschuldigten Niersbach, Zwanziger und Schmidt nicht gefilzt wurden, tauchten am Donnerstag Polizisten vor Radmanns Anwesen im schweizerischen Teufen auf. Radmann wird als Zeuge geführt, wie Beckenbauer hat er bisher jeden Verdacht weit von sich gewiesen, dass mit der Millionenzahlung nach Katar nachträglich Stimmen für die WM-Vergabe belohnt werden sollten.
So offensiv die Schweizer ihren Fall vorantreiben und so still die Frankfurter – auch das deutsche Verfahren könnte noch Licht in die Affäre bringen. Schon im Frühsommer sind Frankfurter Staatsanwälte mit einem Rechtshilfeersuchen in die Schweiz gereist und haben Vernehmungen durchgeführt. Die Zeit des Vergebens und Vergessens, sie ist vorbei.
Von Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch, Fidelius Schmid und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 36/2016
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