03.09.2016

AnalyseMitleid mit Lucy

Nichts verrät so viel über das Leben wie der Tod.
Paläoanthropologen aus Texas haben jetzt aufgeklärt, wie die berühmte Vormenschenfrau Lucy zu Tode kam. Unvermittelt scheint es, als wären ihre 3,2 Millionen Jahre alten Knochen zum Leben erwacht: Man sieht es geradezu vor sich, wie sie aus ihrem Nest hoch im Geäst zu Boden stürzte.
Wieder einmal erweist sich damit, dass selbst gründlich untersuchte Fossilien noch Geheimnisse preisgeben können. Besonders lehrreich ist es, wenn sich Forscher den alten Knochen mit den Mitteln der Gerichtsmedizin nähern.
So war es schon beim "Kind von Taung", dem ersten Vormenschenfund Afrikas. 1924 wurde dieser berühmte Schädel eines dreijährigen Homininenkindes entdeckt, doch vergingen 70 Jahre, bis ein Forscher in Johannesburg die letzten Augenblicke von dessen Leben rekonstruierte: Am Schädel fand er charakteristische Male von Adlerkrallen. Ein mächtiger Greifvogel hatte den Kleinen gepackt und in seinen Horst verschleppt.
Immerhin zehn Jahre dauerte es im Fall der Gletschermumie Ötzi, bis Forscher dessen gewaltsamen Tod aufklären konnten. Im Jahr 2001 fiel den Wissenschaftlern auf einer Röntgenaufnahme die Pfeilspitze auf, die hinter Ötzis Schulterblatt steckte. Jäh zeichnete sich nach dieser Entdeckung der Mord ab, der sich vor 5200 Jahren am Tisenjoch zugetragen hatte.
Nun also Lucy: Ihre Oberarm- und Hüftknochen weisen Kompressionsbrüche auf, wie sie nach Stürzen aus großer Höhe entstehen. Für die Forscher ist dies von Bedeutung, weil es ein wichtiges Indiz dafür ist, dass Mitglieder der Gattung Australopithecus vermutlich noch einen beträchtlichen Teil ihres Leben in den Bäumen verbrachten. Zugleich aber kommt in der Anteilnahme an Lucys schreckvollem Tod tiefe Verbundenheit mit dieser fernen Menschenverwandten zum Ausdruck.
Von Johann Grolle

DER SPIEGEL 36/2016
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