03.09.2016

UrgeschichteDas große Fressen

Knochenfunde aus einer Eiszeithöhle in Belgien belegen: Die Neandertaler betrieben Kannibalismus. Steckte ein Ritus dahinter? Oder war die Not unserer ausgestorbenen Vettern so groß, dass sie einander verspeisten?
Um das Fleisch von Verwandten nicht zu mögen, muss man kein Veganer sein. Der Verzehr von Artgenossen ist in fast allen Kulturen mit einem Tabu belegt.
Wo man das sittliche Urgesetz durchbrach, geschah das meist aus höchster Not oder aus rituellen Gründen. Die Priester der Azteken, die bei Menschenopfern das Herz herausrissen und die Leichname dem Volk ungekocht zum Verspeisen freigaben, wollten so den Kreislauf der Sonne befeuern.
Doch die Anfänge der Anthropophagie wurzeln offenbar weit tiefer in der Vergangenheit. Fielen bereits unsere biologischen Vettern aus dem Neandertal aus kalorischen Gründen über ihresgleichen her? Das jedenfalls vermutet ein 13-köpfiges Team aus Paläogenetikern und Anthropologen im Wissenschaftsmagazin "Scientific Reports".
Die Forscher untersuchten Knochen aus den Grottes de Goyet in Belgien, einem Karsthöhlen-Labyrinth mit hohen Sälen, das ein unterirdischer Fluss durchströmt. Schon im 19. Jahrhundert wurden in einer der Höhlen über 30 000 Skelettreste geborgen. Die meisten Gebeine packten die Ausgräber in Säcke mit der Aufschrift "Tierknochen".
Zu Unrecht, wie sich nun zeigt: Bei der Nachuntersuchung kamen in den Tüten auch 96 Knochen und 3 Zähne von Neandertalern zum Vorschein. "Sie stammen von mindestens fünf Personen, die alle sorgfältig geschlachtet wurden", erklärt Johannes Krause, Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte im thüringischen Jena.
Die Fossilien sind mit Schnitten von Steinmessern übersät. Die meisten Ritzungen befinden sich an den Sehnen- und Muskelansätzen – ein unzweifelhaftes Indiz für Entbeinung. Es gibt auch tiefe Kerben. Solche Hiebspuren entstehen, wenn man versucht, die Knochen zu spalten, um ans Mark zu gelangen.
Datierungen zufolge begann das kannibalische Drama von Goyet vor 45 500 bis 40 500 Jahren – und zwar außerhalb der Höhle: Die Täter weideten zuerst die Brustkörbe aus. Dann zerteilten sie die Toten und schleppten die fleischreichen Arme und Beine in die Felsgrotte. Ausgräber fanden dort sechs Schienbeine und vier Oberschenkelknochen.
Nach dem Schmaus schnitzten die Kannibalen aus den Essensresten Werkzeuge. Vier Skelettteile funktionierten sie zu Geräten zum Schärfen von Flintsteinklingen um.
Wer da so unbarmherzig metzelte, ist nicht bekannt. "Theoretisch könnten es auch unsere Vorfahren gewesen sein", erklärt der an der Studie beteiligte Paläogenetiker Cosimo Posth. "Der anatomisch moderne Mensch war damals gerade im Begriff, Europa zu erobern."
Dagegen spricht allerdings, dass in der Nähe der belgischen Schauerhöhle keine Spuren der Invasoren entdeckt wurden.
So fällt der Verdacht der Menschenfresserei auf jenes robuste Kraftpaket, das Kniegelenke wie Kanonenkugeln hatte und nach der Entdeckung des namengebenden Fossils im Jahr 1856 umgehend in die Doofi-Ecke gestellt wurde: Der Neandertaler, hieß es damals, gehöre zum "Geschlecht der Flachköpfe"; er habe nur lallen können und Aas verspeist.
Derlei Vorurteile sind längst vom Tisch. Auch der "deutsche Weltstar" (wie Gerd-Christian Weniger vom Neanderthal Museum in Mettmann den Zweibeiner mit den Wulstbrauen nennt) konnte bereits artistisch die Zunge bewegen. Er stellte durch Verschwelung unter Luftabschluss Pech aus Birkenrinde her und glättete geschickt Tierfelle.
Manche vermuten, dass sich der Steinzeit-Schrat mit Bartgeierfedern und Colliers aus Seeadlerkrallen schmückte. Sogar quasisakrale Bauten soll er errichtet haben. In der Höhle Bruniquel (Südfrankreich) formte er aus Stalagmiten zwei Kreise. Die Entdecker werteten die seltsamen Ringe als "Riesenschritt in Richtung Moderne".
Doch das Lobpreisen ist wohl ebenso übertrieben wie das Verunglimpfen von früher. Allzu beherzt – als gälte es, eine Minderheit zu schützen – sind sensible Neandertaler-Versteher dem lange als Kretin Gescholtenen in den letzten Jahren beigesprungen.
Als herauskam, dass auch das wurstfingrige Wesen imstande war, Schmuck aus Muscheln herzustellen, galt es manchen sogleich als Schöngeist. Nach Analyse seiner Gehörknöchelchen (mit denen es Achteltöne wahrnehmen konnte) jubelte der Anthropologe Alfred Czarnetzki: "Der hätte spielend eine Geige gestimmt."
Gute Waffen stellte der haarige Alteuropäer ohne Zweifel her. Nur war er doch eher ein Mann fürs Grobe.
Wollnashörner und Mammuts zum Beispiel jagten die Neandertaler mit Stoßlanzen. Zu dem Zweck mussten sie sich in den Nahkampf mit den Kolossen begeben. Ergebnis: Immer wieder erlitten sie schwere Verletzungen und Knochenbrüche.
Auch mit der Trauerarbeit ist es nicht weit her. Zwar legten die gedrungenen Urmenschen ihre Toten zuweilen gehockt in Gruben ab. In Sima de las Palomas (Spanien) stapelten sie drei Angehörige übereinander und bedeckten diese mit Steinplatten.
Doch oft ging es weniger pietätvoll zu: Dann fledderten die Grobiane ihre Verstorbenen und warfen die Körperteile auf den Müll. Auch ritzten sie an ihnen herum, die Experten sprechen von "anthropogenen Modifikationen". Bei einigen Schädeln wurde wahrscheinlich die Kopfhaut abgelöst.
Und nun auch das noch: Menschenfresserei. Mampfend wie der griechische Gott Kronos, der seine eigenen Kinder roh verschlang, steht der Schützling der Paläo-Romantiker plötzlich da.
Ganz überraschend kommt der Befund allerdings nicht. Bereits 1999 gab es aus Südostfrankreich erste Hinweise auf kannibalische Riten der Neandertaler. Auch in Spanien fand man verdächtig abgeschabte Gebeine.
Doch die könnten ebenso gut von Bären abgenagt worden sein, argumentierten die Gelehrten von der Antidiskriminierungs-front.
Dann aber folgten die schockierenden Befunde aus der Höhle von El Sidrón in Nordspanien – und alle verstummten. In dem düsteren Felsschlauch hatten Neandertaler ein grausiges Mahl zubereitet. Sie verspeisten eine ganze Horde Mitmenschen. Mindestens 13 Personen wurden fachgerecht entbeint, darunter 3 Kinder.
Über 2000 Gebeintrümmer kamen bislang ans Licht. Ständig werden neue entdeckt. "Abgehackte Hände und Füße lagen noch im anatomischen Verband", sagt der Genetiker Krause. Einem der Unglücklichen hatte man die Zunge herausgetrennt.
Warum jedoch diese unappetitliche Orgie? Manche glauben, dass in El Sidrón "Kopfjäger" feindliche Futterneider verspeisten, um sich deren Stärke einzuverleiben.
Denkbar wäre auch, dass die Neandertaler ihre Verstorbenen aufaßen, um sie sicher zu verwahren und vor dem Verwesen zu schützen. Derlei Verschlingungsbegräbnisse wurden noch im 19. Jahrhundert von indigenen Völkern ausgeübt.
"Die Frage ist nicht mehr, ob sie einander aßen oder nicht, sondern, warum das geschah", schreibt die amerikanische Wissenschaftsbloggerin Anne Gilbert. "Verspeisten sie jemanden, weil er zu schwach war (Iss mich, damit der Stamm fortleben kann)? Konsumierten sie Tantchen Sue oder Großpapa Joe, weil sie sie so liebten? Oder aßen sie Teile ihrer Feinde?"
Die neuen Knochenbefunde aus Belgien legen nun noch einen ganz anderen Verdacht nahe. Womöglich ging es den Metzgern schlicht um "Nahrung", wie die Forscher schreiben. Die Opfer von Goyet seien auf "dieselbe Weise" behandelt worden wie die erbeuteten Rentiere und Wildpferde.
Also kalorischer Kannibalismus? Schlichte Befriedigung von Hunger? Der Artgenosse als Beutetier?
Auffällig ist jedenfalls, dass die Neandertaler ihre üblen Tafelsitten vor allem in der Phase ihres Niedergangs ausübten. Als in Belgien das große Fressen anhob, befanden sich die alten Platzhirsche Europas in der Abenddämmerung ihres Daseins. Ein anderer Zweibeiner, flink und hochgewachsen, drängte auf den kalten Kontinent – der moderne Mensch.
Womöglich machte der Neue den Alteingesessenen die Nahrung so sehr streitig, dass sie aus schierer Verzweiflung zu Kannibalen wurden.
Sicher ist, dass die beiden Menschenarten vor rund 55 000 Jahren im Nahen Osten aufeinanderstießen. Dabei kam es auch zu sexuellen Kontakten. Ein Unterkiefer aus einer rumänischen Höhle ("Oase 1") entpuppte sich als Kopfteil eines Mischlings. Der junge Mann trug sechs bis neun Prozent Neandertaler-DNA in sich.
Durch Romanzen am Lagerfeuer kamen die Kreuzungen aber wohl kaum zustande. Die Liebe war eher erzwungener Sex.
Die US-Expertin Michelle Sugiyama hat Berichte von 45 Naturvölkern untersucht, die auf fremde Jagdgruppen trafen. Jede zweite Begegnung führte zu Kämpfen, die mit "Verschleppung und erzwungenem Konkubinat beziehungsweise Raubheirat" der Frauen endete.
In der Steinzeit herrschte erst recht ein Mangel an Mitgefühl. Für Minnesang war in den Mammutsteppen kein Platz. Ein Überlebenskampf tobte dort. Das spürten auch rasch die Neuankömmlinge.
Die ersten modernen Menschen, die Europa erreichten, trafen vor rund 45 000 Jahren ein. Einige kamen wahrscheinlich per Inselhopping übers Mittelmeer (der Meeresspiegel lag deutlich tiefer als heute). Andere marschierten Richtung Norden nach Russland. Und die Fossilien aus der Peștera cu Oase (Knochenhöhle) in Rumänien legen nahe, dass diese Leute entlang der Donau in Kanus vorstießen.
Alle diese Pioniere starben jedoch aus. Sie wurden getötet, erkrankten oder zeugten keine Nachkommen mehr.
Auch die Neandertaler litten große Not. Kaum 20 000 der vierschrötigen Genossen lebten damals in den Kältezonen zwischen Portugal und Russland. "Aus Mangel an Heiratspartnern betrieben die Gruppen in hohem Maß Inzucht", sagt Genetiker Krause. Onkel paarten sich mit Nichten, Schwestern mit Cousins.
Die Folge: Die Fruchtbarkeitsrate der Neandertaler sank, ihre genetische Fitness nahm um 40 Prozent ab. Die Spezies war demnach in schlechter Verfassung, als vor rund 37 000 Jahren eine weitere Welle von anatomisch modernen Menschen auftauchte und sich mit Erfolg auf dem Kontinent festsetzte. Diese Leute konnten bereits Flöten aus Schwanenknochen schnitzen. Sie formten Harpunen und bemalten im Licht von Fettfunzeln die Höhle von Chauvet, genannt die Sixtinische Kapelle der Vorzeit.
Diesen Genies aus der Art Homo sapiens hatten die gedrungenen Altsiedler offenbar wenig entgegenzusetzen. Auch mit dem Sex war es nun wohl vorbei. Eine Vermischung von Neandertalern und den Vertretern der zweiten Siedlungswelle lässt sich bislang nicht nachweisen.
So öffnet sich die Bühne des Pleistozäns für ein tragisches Schlussbild. Elend und einsam, mit knurrendem Magen und von feindlichen Einwanderern aus den angestammten Jagdgründen verscheucht – so kann man sich den Untergang der Neandertaler vorstellen.
Womöglich war es diese Notlage, welche die Spezies in den Kannibalismus führte.
Anzeichen dafür gibt es. Die Kinder aus der Menschenfressergrotte von El Sidrón weisen Mangelerscheinungen an den Knochen und den Zähnen auf. Die Kleinen hatten sich über Monate nicht satt essen können – bevor sie selbst als Speise dienten.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 36/2016
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