03.09.2016

TiereSchwaches Herz

In Norwegen tötete ein Blitz mehr als 300 Rentiere. Vierbeiner haben kaum eine Chance, einem Gewitter zu entkommen.
Die Kadaver lagen teilweise aufeinander, über eine große Fläche verstreut. Ende August hatte sich über dem Hardangervidda Nationalpark im Süden Norwegens ein mächtiges Gewitter entladen. Zwei Tage später stieß ein Mitarbeiter der norwegischen Umweltbehörde auf mehr als 300 tote Rentiere zwischen den Felsen. "Als hätte jemand einen Schalter umgelegt", erzählte ein Jäger. "So etwas habe ich noch nicht gesehen."
Chandima Gomes schon. In seiner Studie, erschienen im "International Journal of Biometeorology", hat der Physiker der Universität Putra in Malaysia analysiert, wie groß die Gefahr für große Säugetiere wie Elefanten, Giraffen und Rinder ist, vom Blitz erschlagen zu werden. Dass eine ganze Herde umkommt, sei nicht ungewöhnlich: "Wahrscheinlich hat ein einzelner Blitz eingeschlagen, der sich dann über den Boden von Tier zu Tier ausbreitete."
Erst im Juni, berichtet Gomes, seien in Kirgistan auf diese Weise 300 Schafe umgekommen. Eines der größten Massensterben geschah 1939 im US-Bundesstaat Utah, wo bei einem Gewitter 850 Schafe verendeten. Sie hatten in den Bergen gegrast, als der Blitz einschlug.
Spektakulär war auch der Fall jener vier toten Seelöwen, die australische Biologen auf einer Insel entdeckten. Der Blitz hatte das Fundament des Leuchtturms aufgebrochen, sein Licht war erloschen. Die Seelöwen hingegen wirkten äußerlich fast unverletzt. Nur auf dem Rücken eines Jungtiers prangte eine gezackte Brandnarbe.
Auffallend oft trifft es Giraffen. Betsy zum Beispiel aus der Disney World in Florida. Oder Hamley, Star der britischen TV-Serie "Wild at Heart". Während der Dreharbeiten zog ein Sturm auf. Betsy stand zu nah neben einem Baum. Der Blitz sprang vermutlich vom Baum auf sie über.
Wie viele Tiere durch Gewitter umkommen, kann niemand sagen. Bei Versicherungen wie der R+V, bei der Landwirte ihr Vieh gegen Blitzschlag absichern können, werden die wenigen Fälle nicht einzeln erfasst.
Vor allem Kühe, Pferde, Schafe und Hühner sind hierzulande betroffen. 2013 fand in Schleswig-Holstein die Familie Clausen zehn ihrer Aberdeen-Angus-Kühe tot unter einem Weißdorn. Der wirtschaftliche Schaden für die Bauern kann Zehntausende Euro betragen – oder mehr: Pech hatte jener australische Züchter, der sein mit 380 000 Dollar Preisgeld gekröntes Rennpferd bei Gewitter im Paddock ließ.
Die meisten Vierbeiner haben keine Chance, einem Unwetter zu entkommen. Füchse etwa mögen sich ins Dickicht verkriechen, Bären in ihre Höhle. Doch was bleibt Rentieren in der Taiga oder Elefanten in der Savanne?
Evolutionär hatten Tiere wenig Anlass, Strategien gegen Gewitter zu entwickeln. Dafür blitze es zu selten, glaubt Sylvia Ortmann vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Kracht es am Himmel, bleiben die meisten Herdentiere einfach stehen. Sie kümmern sich nur darum, Regen und Wind zu trotzen. "Sie drehen sich mit dem Po zum Wind, damit der Regen am Fell abstreift", sagt Ortmann.
Ähnlich erging es jetzt den norwegischen Rentieren, die sich auf 1200 Meter Höhe aneinanderkuschelten. Als der Blitz einschlug, waren sie dem Tode geweiht. Der seit Tagen vom Regen aufgeweichte Boden und das Felsgestein leiteten den Strom Hunderte Meter weit. "Die Rentiere sind wahrscheinlich einfach so, bumm, umgefallen", sagt Ortmann.
Aus anatomischen Gründen sind Gewitter für Huftiere viel gefährlicher als für Menschen; das liegt an dem Abstand der Hufe. Jagt ein Blitz ins Erdreich, breitet sich der Strom in alle Richtungen aus. So trifft der Strom erst auf den einen Fuß, rast durch den Körper und tritt am anderen Fuß wieder aus – dadurch bildet sich ein Spannungsgefälle. Je weiter die Extremitäten voneinander entfernt sind, desto größer ist der Spannungsunterschied. Wer von einem Gewitter überrascht wird, sollte deshalb möglichst in die Hocke gehen und die Füße eng zusammenstellen.
Huftiere haben diese Möglichkeit nicht. Zudem verläuft der Stromkreis – anders als beim Menschen – über ihren gesamten Körper und damit durch Leber, Lunge und Herz. Schon schwache Stromstöße enden daher tödlich.
Auch Gehege können Weidetieren zum Verhängnis werden. Landwirte erzählten Blitzforscher Gomes, dass sich Rinder und Pferde bei Gewitter an den Zaun drängten. So traf im Hochwildpark Rheinland Mechernich-Kommern 2004 ein Blitz den Maschendrahtzaun. 40 Hirsche wurden hinfortgeschleudert. Bauern sollten daher die Weidezäune erden, empfiehlt Physiker Gomes. Leben retten könne auch eine nicht leitende Schotterschicht unter Bäumen.
Fische werden seltener vom Blitz getroffen, da sich der Strom nur an der Wasseroberfläche ausbreitet. Einmal aber wurde Gomes zu einer Koi-Farm in Bangladesh gerufen. Immer wieder schwammen dort tote Fische an der Oberfläche der Teiche.
Blitze schlugen in einen nahen Mobilfunkturm ein, von dem aus der Strom über den tonhaltigen Boden ins Wasser geleitet wurde. Seltsam war, dass vor allem die Kois starben und nicht die anderen Fische im Teich. Gomes vermutet, dass die Karpfen häufiger an die Oberfläche kommen, um nach Luft zu schnappen.
Allein von Vögeln, die vom Blitz erschlagen wurden, hat der Physiker noch nie gehört. Gomes war aber auch noch nie in Ostfriesland.
Eines Tages stürzten bei Veenhusen 68 Nonnengänse vom Himmel. Jäger, die die Kadaver aufsammelten, berichteten hinterher von versengten Federn und Brandgeruch. Und tatsächlich: Fährt ein Blitz vom Himmel hinab, heizt er die umliegende Luft auf bis zu 30 000 Grad auf.
Aber die wahre Todesursache war womöglich eine andere. Nonnengänse haben ein schwaches Herz.
Der Knall des Donners, so vermuteten Biologen, habe ihnen einen tödlichen Schock versetzt.

Kontakt

Von Laura Höflinger

DER SPIEGEL 36/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Tiere:
Schwaches Herz

Video 06:10

FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt Die Videofalle

  • Video "Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat" Video 02:03
    Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Video "Webvideos der Woche: Einfach umgedreht" Video 03:14
    Webvideos der Woche: Einfach umgedreht
  • Video "ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher" Video 02:00
    ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher
  • Video "Genug ist genug: Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video" Video 03:03
    "Genug ist genug": Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video
  • Video "Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel" Video 00:43
    Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel
  • Video "US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet" Video 02:09
    US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet
  • Video "Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück" Video 02:20
    Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück
  • Video "Video: Proteste in Österreich" Video 00:52
    Video: Proteste in Österreich
  • Video "Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor" Video 02:04
    Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor
  • Video "Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten" Video 03:36
    Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten
  • Video "Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird" Video 00:29
    Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird
  • Video "Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm" Video 00:46
    Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm
  • Video "Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden" Video 02:38
    Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden
  • Video "Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley" Video 01:12
    Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley
  • Video "Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um..." Video 01:27
    Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um...
  • Video "FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle" Video 06:10
    FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle