03.09.2016

MedizinMutterseelenallein

Psychisch kranke Frauen brauchen in der Schwangerschaft gute Betreuung. Doch viele Ärzte sind überfordert und lehnen Medikamente ab – ein gefährlicher Rat.
Es gab Tage in Elke Neumanns Leben, da fehlte ihr die Kraft für alles. Sie schaffte es nicht einmal mehr, die Wäsche aufzuhängen oder Kartoffeln zu kochen. Ihr Baby schrie, und Neumann saß einfach nur in ihrer Hamburger Wohnung und starrte ins Nichts. "Für andere Menschen ist das schwer nachzuvollziehen", sagt sie, "aber wenn einem zu allem der Antrieb fehlt, das ist die Hölle."
Die Kostümbildnerin hatte zwar auch in ihrer Jugend mit melancholischen Stimmungen zu kämpfen gehabt. "Ich habe das aber immer irgendwie wieder hinbekommen. Lange Gespräche mit Freundinnen, etwas Schönes unternehmen, das hat geholfen", sagt Neumann, hellbraunes, schulterlanges Haar, dunkle Stimme. Erst die Geburt ihrer ersten Tochter änderte alles. Der Babyblues wuchs sich zu einer bedrohlichen Depression aus. Zu lange erkannten weder der Frauenarzt noch die Hebamme, was mit der 32-Jährigen los war; die Krankheit wurde chronisch.
Elke Neumann kam nur mit einem Psychopharmakon gut über den Tag. Immer wieder hatte sie schlechte Phasen. "Das war alles so schlimm", sagt sie. "Ich habe immer von einer großen Familie geträumt." Ihre Tochter sollte kein Einzelkind bleiben, nur weil die Mutter psychisch krank war.
Doch durfte sie mit ihrem Seelenleiden überhaupt wieder schwanger werden? Würde sie durch die Medikamente Fehlbildungen beim Kind riskieren? Wie aber würde sie selbst damit fertigwerden, wenn sie die Tabletten absetzte?
Ihr Medikament Opipramol durfte laut Beipackzettel in der Schwangerschaft "insbesondere in den ersten drei Monaten nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung durch den behandelnden Arzt angewendet werden". Der Psychiater aber, der ihr das Mittel verschrieben hatte, kannte sich mit Schwangerschaften nicht aus. Ihre Hausärztin riet Neumann, besser ganz auf Medikamente zu verzichten. Ihr ungeborenes Kind wünsche sich das sicherlich so.
Neumann fühlte sich mutterseelenallein.
Der Umgang mit psychischen Erkrankungen in der Schwangerschaft überfordert viele Gynäkologen und Psychiater. Nicht wenige Ärzte sind unsicher und schlecht informiert und empfehlen den Schwangeren, die Medikamente abzusetzen – ein gefährlicher Rat.
Darauf weist die bisher noch unveröffentlichte Auswertung "Pharmakotherapie in der Schwangerschaft" der Barmer GEK hin, der mit mehr als acht Millionen Versicherten zweitgrößten gesetzlichen Krankenkasse. Die Experten untersuchten mithilfe von Patientendaten, ob und in welcher Dosis psychisch kranke Frauen ihre Medikamente einnahmen, wenn sie schwanger wurden.
Das Ergebnis: Mit Beginn der Schwangerschaft verzichteten mehr als die Hälfte der Patientinnen auf ihre Antidepressiva. In den letzten drei Monaten vor der Geburt waren es sogar 70 Prozent.
Die eine oder andere Frau mag durch die Schwangerschaft vom Glück beseelt und geheilt worden sein. Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass Ärzte und Patientinnen sich nicht trauten, an der medikamentösen Therapie festzuhalten.
Was wenig bekannt ist: Ein plötzliches Absetzen der Arznei kann nicht nur die werdende Mutter in Gefahr bringen, sondern auch das Baby.
Es gibt Berichte, denen zufolge eine nicht behandelte Depression bei Schwangeren zu erhöhten Frühgeburtsraten sowie zu Wachstumsstörungen und Entwicklungsverzögerungen beim Säugling führen kann.
Die Krankheit der Mutter bringt womöglich auch den Botenstoffhaushalt des ungeborenen Kindes durcheinander, der wichtig ist für die gesunde Entwicklung. Die Babys – wie ihre depressiven Mütter – können einen gesenkten Serotonin- und Dopaminspiegel und ein erhöhtes Stresshormonlevel aufweisen. Verhaltensauffälligkeiten könnten die Folge sein.
Mitunter hätten die Frauen nach der Entbindung mit stärkeren Depressionen als je zuvor zu kämpfen – bis hin zu Suizidgedanken, heißt es in der Analyse der Barmer. Dazu passt das Ergebnis der Untersuchung, dass die mittlere Dosierung der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, einer der gängigsten Wirkstoffgruppen, nach der Schwangerschaft um 20 Prozent anstieg.
"Wir raten dringend davon ab, die Medikamente einfach abzusetzen", warnt Anja Fruth, Oberärztin in der Gynäkologie an der Universitätsklinik Mainz. Im vergangenen Jahr wurden in der Klinik zwei schwangere Frauen eingeliefert, die versucht hatten, sich umzubringen. Beide hatten auf ihre Antidepressiva verzichtet.
Schon das Wissen, keine Medikamente mehr zu nehmen, kann einen negativen psychologischen Effekt haben – und das in einer Lebensphase, in der sich viele Frauen ohnehin verletzlich fühlen.
Anke Rohde, die lange die Gynäkologische Psychosomatik an der Universität Bonn leitete, kennt die Problematik nur zu gut. In ihrer Sprechstunde waren häufig Frauen, die nach einem positiven Schwangerschaftstest in Absprache mit dem Arzt ihre Arzneimittel abgesetzt hatten und fast verzweifelt wären. Häufig hätten sie auch aus ihrem Umfeld zu hören bekommen, dass Medikamenteneinnahme während der Schwangerschaft verantwortungslos sei.
"Dies ist wohl noch immer eine Auswirkung des Contergan-Skandals in den Sechzigerjahren", sagt Rohde. Tausende Kinder kamen damals mit Fehlbildungen zur Welt, weil ihre Mütter in der Schwangerschaft das Schlafmittel Contergan geschluckt hatten.
Auch bei Ärzten wirkt die tragische Geschichte nach. Zudem ist kein Antidepressivum in Deutschland für Schwangere zugelassen. Die Hersteller wollen eine Haftung ausschließen. Aus ethischen Gründen können auch keine Studien an Schwangeren durchgeführt werden, die Pharmakonzerne testen die Präparate nur in Tierversuchen.
Das entlässt die Ärzte aber nicht aus ihrer Verantwortung. Sie dürften sich nicht davor drücken, eine Risikoabwägung vorzunehmen. Für die gängigen Antidepressiva gibt es ausreichend Erfahrungswerte und Empfehlungen von Pharmakologen, die leicht zu recherchieren sind.
So betreibt die Berliner Charité die Website Embryotox, auf der die Verträglichkeit von Medikamenten in der Schwangerschaft ausführlich beschrieben wird. Zudem gibt es eine offizielle Leitlinie für Ärzte zur Behandlung von Depressionen, die erst im vergangenen Jahr aktualisiert wurde.
Das Risiko für starke Fehlbildungen liegt normalerweise bei rund drei Prozent. Durch äußere Faktoren wie Arzneimittel erhöht sich das Risiko maximal auf sechs Prozent. Zudem liegen für die meisten in der Psychiatrie verwendeten Medikamente keine substanziellen Hinweise vor, dass sie bestimmte Fehlbildungen beim Embryo verursachten.
"Generell ist bei der Gabe von Psychopharmaka natürlich eine sorgfältige Schwangerschaftsüberwachung durch den Frauenarzt unerlässlich", sagt Rohde.
Die Barmer empfiehlt in ihrer Studie, dass "die behandelnden Arztgruppen kontinuierlich zusammenarbeiten" und Gynäkologen und Psychiater gemeinsam eine individuelle Behandlungsstrategie entwickeln.
Neumann jedoch konnte jahrelang keinen Arzt finden, der sich mit dem Thema auskannte. Auf der Suche nach Hilfe landete sie in einer Notfallambulanz, die ihr eine Liste mit Telefonnummern von Spezialisten gab, die über Monate ausgebucht waren. Sie besuchte eine Therapeutin, die immer nur zuhörte und selten etwas sagte, und einen Psychiater, der versuchte, eine Angststörung zu behandeln, obwohl sie keine Angst hatte.
"Das war alles so zermürbend", sagt Neumann, von deren Leidensgeschichte nur wenige wissen. Deshalb ist ihr Name in diesem Text geändert.
Mittlerweile ist sie 44 Jahre alt und Mutter dreier Kinder. Die Unterstützung, die Elke Neumann brauchte, fand sie am Ende über den Verein "Schatten & Licht" mit seinem bundesweiten Netz an Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. "Wir beraten nicht selbst zum Thema Medikamente, aber wir kennen die richtigen Fachstellen", sagt die Vereinsvorsitzende Sabine Surholt.
So kam Neumann an die Kontaktadressen von Spezialisten in der Umgebung. Endlich saß die Frau einer Psychotherapeutin gegenüber, bei der sie das Gefühl hatte, "ich bin in guten Händen". Neumann bekam schließlich ein Antidepressivum verordnet – und einen genauen Medikamentenplan.
Auch ihre beiden jüngeren Töchter sind gesund zur Welt gekommen, obwohl sie während der Schwangerschaft weiter ihre Medikamente einnahm. Eines der Mädchen war nach der Geburt sehr unruhig. Die Kinderärzte vermuteten, dass es Entzugserscheinungen hatte. Nach wenigen Tagen war davon aber nichts mehr zu spüren.
Die Depressionen ist Neumann nie wieder ganz losgeworden. Es gibt Zeiten, in denen sie sich gesund fühlt, aber sie erlebt auch immer wieder Rückfälle. "Ich habe mittlerweile gelernt, damit umzugehen", sagt sie. Eine Verhaltenstherapie, aber auch Yoga helfen ihr.
"Manchmal denke ich zwar, ich muss verrückt gewesen sein, mit meiner Depression noch zwei Kinder zu bekommen", sagt Neumann. "Aber meistens bin ich einfach nur sehr stolz und glücklich, dass ich mich das getraut habe."

Wird die Depression der Mutter nicht behandelt, können ihre Kinder verhaltensauffällig werden.

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Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 36/2016
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