03.09.2016

ElkeSchmitterBesser weiß ich es nichtMousse au Apathie

Abendessen, feine Laune, Ferienstimmung in den verkehrsberuhigten Städten. Die deutschen Kassen voller Gold, der Katastrophenschutz des Innenministers ein pfadfinderfreundlicher Scherz, die Bundesliga läuft sich locker: Das Leben ist schön. Erst beim Dessert kommt Unruhe auf. War da nicht was, in Aleppo, wird da nicht fortwährend gegen die Zivilbevölkerung gebombt? Und kassiert Erdoğan in der Türkei, immerhin eines der beliebtesten Urlaubsziele der Deutschen, nicht gerade die Demokratie mit einer Energie, die wir aus den schlechten Dreißigerjahren kennen? Könnten das nicht gute Gründe sein, den Liegestuhl vorübergehend zu räumen, um mit Transparent und Megafon durch die Städte zu ziehen? Um ein Flugverbot über Syrien zu fordern, um der demokratischen Opposition ein solidarisches Zeichen zu geben? Immerhin könnten dann Steinmeier und Merkel bei ihren Verhandlungen, die so seltsam samten anmuten, den Druck der Straße im Rücken spüren und ihn nach vorne tragen. Und wann gab es das letzte sichtbare Zeichen, dass der Tod im Mare nostrum, an unseren Ferienstränden, uns nicht ungerührt lässt? Mehr als 3000 Menschen sind in diesem Jahr bereits ertrunken. Für alle, die vor Krieg und Zerstörung fliehen, ist die Mittelmeerpassage die gefährlichste Route der Welt.
Aus dem Demonstrationsbericht vom August: Am 17. August, einem traditionellen Aufmarschtermin der Rechten zum Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß, trat die Thügida in Jena an; die Zahl der Gegendemonstranten war deutlich höher. Am 20. August versammelten sich rund 600 Leute gegen den Braunkohleabbau bei Garzweiler, laut Polizeibericht "absolut friedlich", am 31. August 7000 Stahlkocher für ihren Standort in Duisburg. So weit die leibliche Form von Protest.
Das ferne Unglück, wie nahe lässt man es an sich heran? "Die Engländer töten in Indien Tausende von Menschen, die genauso viel wert sind wie wir", sagt der Dichter Canalis in Balzacs "Modeste Mignon", "und in der Minute, in der ich zu Ihnen spreche, verbrennt man dort die hinreißendste Frau. Trinken Sie deswegen zum Frühstück eine Tasse Kaffee weniger?"
Beim Abendessen bleibt die Mousse au Chocolat aus Pietät ein paar Minuten lang unberührt. Was zieht uns noch vom Sofa der informierten Gemütlichkeit? Die letzte große Berliner Bekundung fand im Januar vergangenen Jahres statt, nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo"; eingeladen hatten Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und einige muslimische Verbände. Gauck und andere Offizielle sprachen; am Rande wurden antisemitische Plakate hochgehalten, das gehört in Deutschland dazu wie der Bratwurststand.
Vielleicht ist es nur eine Sommerpause des Mitgefühls? Eine Schockstarre des politischen Denkens? Für den September stehen in sieben großen Städten CETA und TTIP auf dem Protestprogramm. Wenn es nicht gegen die Amerikaner oder die Israelis geht, sagt da einer sinnend über seinem Schälchen, kriegst du für internationale Sachen hier nun mal kaum einen auf die Straße.
An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und Nils Minkmar im Wechsel.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 36/2016
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