03.09.2016

MemoirenkritikKnausgård im Élysée

In einer Reihe irritierend offenherziger Bücher gibt François Hollande Auskunft über sich selbst.
In seinem 2010 erschienenen Roman "Karte und Gebiet" beschreibt Michel Houellebecq, wie sich ein Schriftsteller in fortschreitendem Sozialekel von der Welt zurückzieht, bis zum bitteren Ende. Und in seinem viel beachteten Zyklus "Mein Kampf" schildert Karl Ove Knausgård, wie sich ein Mann namens Karl Ove Knausgård durch seine moderne Existenz kämpft: Familie, Freunde, Studium, Beruf, die Frauen, die Kinder – jeder Aspekt des Lebens, jeder Gedanke wird in Literatur umgewandelt.
Dieser Trend wird nun vom französischen Staatspräsidenten François Hollande fortgesetzt. Der Bücherherbst in Frankreich ist von Neuerscheinungen geprägt, in denen Hollande Einblick in sein Innerstes gewährt, nichts wird ausgelassen. Wie die Autoren früherer Zeiten bedient er sich dazu diverser Schreiber. Das sind Journalisten, denen der Hausherr des Élysée-Palasts in schon allein zeitlich erstaunlichem Maße zur Verfügung steht. Für das nun erschienene Buch "Conversations privées avec le Président" empfing er die Autoren des Bandes, Antonin André und Karim Rissouli, an 32 Terminen. Ein weiterer Band, der noch nicht erschienen ist, basiert auf den Protokollen von über 60 Begegnungen mit zwei Journalisten der Tageszeitung "Le Monde". Die Autorin des ebenfalls gerade erschienenen Buchs "Ça n'a aucun sens", die Journalistin Elsa Freyssenet, gibt keine genaue Zahl an, beschreibt aber eine dichte Folge von Interviewterminen und Treffen. Und es sollen noch mehr Bücher dieser Art folgen. Ihr Inhalt ähnelt sich. Hollande beschreibt seinen abendlichen Besuchern, wie es François Hollande geht im Élysée-Palast und, ganz generell, auf der Erde. Und da er ein intelligenter Mann ist, der seine Gesprächspartner ernst nimmt, entsteht daraus die Chronik eines mählichen politischen Untergangs. Hollande bekommt die Arbeitslosigkeit nicht in den Griff, tauscht den Premierminister aus, verliert die Unterstützung der Grünen und des linken Flügels seiner Sozialisten, erlebt den Terror, sinkt und sinkt in den Umfragen und sucht eine Möglichkeit, wiedergewählt zu werden. Ab und zu notieren die Journalisten Sätze wie: "Ich erzähle Ihnen das, aber Sie dürfen es nie verwenden." Oder: "Das ist für die Nachwelt!" Aber irgendwann hebt er diese Einschränkung wieder auf.
Nun haben viele Politiker irgendwann über ihre Amtszeit geschrieben oder schreiben lassen, dabei sind schlimme Geschichtsklitterungen wie ehrliche Meisterwerke entstanden. Es hat aber wohl noch keiner derart umfassend ausgepackt, während er noch im Amt war. Es fehlen einem die Worte. Der Leser kann rekonstruieren, wie Hollande seinen treuesten Gefährten, den heutigen Außenminister Jean-Marc Ayrault, austrickst, ihn im Unklaren darüber lässt, dass er als Premierminister abberufen wird, als längst feststeht, dass Manuel Valls seinen Job bekommt. Ayrault kann also nachlesen, wie er über Wochen hinters Licht geführt wurde. Hollande schildert seinen Besuchern, wie der einstige Premier um sein Amt gekämpft habe. Und stellt mit einem gewissen Bekennerstolz fest, dass er "niemandem traue".
Als schonungsloser Zeichner seiner selbst gibt er den Autoren auch reichlich Material, um zu illustrieren, warum auch ihm nicht zu trauen ist. Er verrät all seine Tricks. Hollande pflegt etwa die Kunst der doppelten Bejahung: Äußert der Präsident gegenüber einem Minister ein "Oui, oui", so meint er Nein. Das weiß der Betreffende aber nicht. Ist er in einer politischen Zwickmühle, etwa als es darum geht, die Chefin des Front National, Marine Le Pen, zur großen "Charlie Hebdo"-Demonstration am 11. Januar vorigen Jahres einzuladen, wendet er stets denselben Kniff an: Er überlässt ihr die Initiative. Es stehe ihr frei zu kommen, sagt er ihr, für ihre Sicherheit werde gesorgt – aber er lädt sie auch nicht explizit ein. So scheut sie zurück, demonstriert lieber in der Provinz. Er erzählt detailliert von den Nächten und Tagen des Terrors: wo er war, was er dachte, wie er sich durch Paris bewegt hat.
Hollande gleicht in solchen Passagen einem Zauberkünstler, der den Kindern auf der Geburtstagsparty erklärt, wo das weiße Kaninchen wartet und wie man eine Frau zersägt, ohne dass Blut fließt. Er schildert den Präsidenten Hollande als politischen Überlebenskünstler, dessen Talent in der Improvisation und der flotten Formulierung liegt und der dann glücklich ist, wenn er seinen Tag einem Journalisten erzählen kann. Hollande nutzt das vielleicht als Form der Therapie, demonstriert zugleich, was aus einer Politik wird, der es nur um sich selbst, eigentlich auch nur um die Rede über sich selbst geht: eine selbstreferenzielle Geschichte, mit der sich jeder Wunsch nach einer zweiten Amtszeit erledigt haben dürfte. Offenbar war es dem Protagonisten dieser Bücher völlig unklar, was er im Amt vollbringen sollte. Er stellt seinen Besuchern permanent Bruce Chatwins Frage: "Was mache ich hier?" Die vielen Bücher geben die Antwort: falscher Ort, falsche Zeit, falscher Mann.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 36/2016
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