03.09.2016

BriefeWissen, wofür man lernt

Nr. 35/2016 Lasst die Kinder frei – Noten sind nicht alles: Worauf es im Leben ankommt
"An alle optimierungssüchtigen Eltern: Hören Sie auf damit! Das echte Leben besteht nur zu 20 Prozent aus Schul- und Uninoten, viel entscheidender sind emotionale und soziale Intelligenz."
Thomas Brinkmann, Essen

Schön, wenn der SPIEGEL zum Beginn des neuen Schuljahres die Freilassung der Kinder fordert! Obwohl deutlich wird, dass Noten weder nachhaltiges Lernen unterstützen noch Einfluss auf den Berufserfolg haben, bleibt letztlich offen, warum gerade in Deutschland die Schulunlust so groß ist. Dabei wäre nötig, den Finger in die Wunde zu legen: dass es hierzulande bisher kaum möglich ist, die staatliche Lehrerausbildung so zu reformieren, dass sich Lehrkräfte auch über die Grundschule hinaus für alle Kinder zuständig fühlen und Noten durch eine differenzierte Leistungsrückmeldung ersetzt werden könnten. Ein Schulsystem, in dem Kinder Angst vor Abschulung haben, macht nicht nur die Schwachen schwächer, es bleibt selektiv.
Gernot Zeitlinger, Mainz

Über das Titelbild ärgere ich mich, bevor ich überhaupt den Artikel gelesen habe. Genau dieses Kind, dem die Eltern teure fünf Minuten Bungeetrampolinspringen bezahlt haben, während sie im Freizeitpark darauf warten, dass sie weitergehen können, ist eben nicht frei! Zur Freiheit der Kinder gehört für mich die Möglichkeit, allein draußen zu spielen, Fangen, Verstecken, Skaten, Murmeln, Hinkebock, Ballspiele, Räuber und Gendarm. Nur dabei haben wir uns als Kinder ganz frei gefühlt: Spielen ohne Aufsicht! Dieses Risiko können Eltern heute gar nicht mehr eingehen.
Hannelore Schnapauff, Hamburg

Welch ein begrüßenswerter Artikel, und doch, welch ein verpasste Chance. Warum widmen Sie nicht einen Text der Frage, woran es liegt, dass die Bildungsfaschisten in den Kultusministerien, allen voran in Bayern, krampfhaft an übervollen Lehrplänen festhalten und somit die Hauptverantwortung dafür tragen, dass die meisten deutschen Schüler keine Freude an ihrem Schulalltag haben? Wo müsste man ansetzen, um eine spätestens seit der Kürzung auf zwölf Schuljahre überfällige Entschlackung der Lehrpläne zu erzwingen?
Jonas Bauer, München

Selten hat mir ein SPIEGEL-Artikel dermaßen aus dem Herzen gesprochen. Schulnoten sagen wirklich sehr wenig über den späteren Berufserfolg aus. Als Abiturient mit einer 3 vor dem Komma entschied ich mich nach einem Ingenieurstudium der Elektrotechnik (Abschluss 2) für ein Lehramt an beruflichen Schulen (Abschluss 1,3). Außer dem klassischen Berufsschulunterricht sind berufliche Schulen mit ihren verschiedenen Schulformen die Reparaturwerkstatt für gescheiterte Karrieren an allgemeinbildenden Schulen. Oft äußern Schüler dort ihr Erstaunen, dass man hier endlich weiß, wofür man lernt. Unsere Probleme im deutschen Bildungssystem sind in der Hauptsache die Gymnasien, die nach wie vor auf Selektion statt auf Förderung setzen.
Wolf-Rainer Windisch, Studiendirektor i. R.,
Vörstetten (Bad.-Württ.)

Die enorme Zunahme psychischer und psychosomatischer Störungen bei Kindern in den vergangenen drei Jahrzehnten ist vor allem die Folge von Verunsicherungen und sich auflösenden Familienstrukturen. Umso mehr brauchen Kinder und Jugendliche eine Stimme, die sich in der Öffentlichkeit für ihre Belange einsetzt. Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) hat zusammen mit vielen anderen Organisationen im Frühjahr 2015 im Deutschen Bundestag eine Petition für die Einsetzung eines Bundeskinderbeauftragten eingebracht. Bis heute haben sich weder die großen Parteien zu dieser Forderung einigen können, noch hat es die längst überfällige Plenardebatte im Bundestag zur Situation der Kinder gegeben. Unter solchen Voraussetzungen werden es die Kinder in einer zunehmend von den Bedürfnissen alter Menschen geprägten Gesellschaft immer schwerer haben.
Prof. i. R. Dr. Hans Michael Straßburg, stellv. Generalsekretär der DAKJ, Gerbrunn (Bayern)

Ihr Titelbild macht Angst. Denn es zeigt, wie "man" sich ein glückliches Kind vorzustellen hat – und verunsichert Eltern. Dadurch wird noch mehr Druck auf die Kinder aufgebaut: Nun müssen sie nicht mehr nur hochbegabt sein und Bestnoten nach Hause bringen, sondern auch noch lachend und barfuß das glückliche Kind spielen. Gerade heute, wenn durch die Kinder der Beweis erbracht werden soll, dass die Eltern alles können – Karriere und Kinder –, wird auch von den Kindern erwartet, dass sie selbstverständlich alles beherrschen: Erfolg und Glück.
Gudrun Rupp, Wismar

Und deshalb: Weg mit G8!
Sabine Zeitler, Pforzheim

Als Mutter und freiberufliche Sprachdozentin empfand ich dieses staatlich verordnete System der "Lernstoffbulimie" als äußerst destruktiv. Fächerübergreifende, projektbezogene Wissensvermittlung sowie eine praxisbezogene Berufsberatung in den höheren Klassen (nicht diese 08/15-Praktika, die man vorzugsweise in der Firma von Eltern oder deren Freunden ableistet) dürften wesentlich mehr bringen, vor allem mehr Freude an der Schule. Zusätzliche Erschwernis bringen all denen, die ihr Bundesland wechseln, die mit dem Föderalismus einhergehenden verschiedenen Lernstoffe der Bundesländer. Ich kenne Eltern, die sich eine Zweitwohnung nehmen, damit das Kind nicht noch zusätzlichem Stress durch neue Lehrpläne ausgesetzt wird.
Julia Strelow, Hamburg

DER SPIEGEL 36/2016
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