03.09.2016

EMPFÄNGNISVERHÜTUNGPapst und Pille

Die Antibabypille nahm die Welt im Sturm, seit 1964 sank die Zahl der Geburten auch in Westdeutschland. Auch die Kirchen hatten erkannt, dass da eine „kleine Bombe“ schlummerte, die Frage nach der Zulässigkeit der Empfängnisverhütung stellte sich immer drängender. Papst Paul und die eigens eingesetzte Kommission taten sich mit der Entscheidung schwer.
Grübelnd durchstreifte Papst Paul VI. die Parkanlagen der päpstlichen Sommerresidenz Castelgandolfo. Der 68-Jährige stand vor seiner "wohl schwierigsten und delikatesten Entscheidung": Sollte die Empfängnisverhütung, wie seit Kirchenvater Augustinus gelehrt, als "unerlaubt und böse" bewertet werden? Die Entscheidung drängte, solange der Papst nicht entschieden hatte, waren die Weisungen seiner Vorgänger weiterhin verbindlich, ein Großteil der katholischen Ehepaare begingen fortwährend "Todsünden".
Pauls Vorgänger Johannes XXIII. hatte eigens eine Päpstliche Studienkommission beauftragt, ein Gutachten über die heikle Frage zu erstellen. Die 75 Theologen, Ärzte und Völkerkundler, ja sogar drei Ehepaare waren darunter, konnten sich jedoch nicht einigen: Die Hardliner um Kardinal Ernesto Ruffini aus Palermo und den späteren Papst Karol Wojtyła sahen in einer ehelichen Verbindung, die nicht der Zeugung von Nachkommenschaft dient, "nichts anderes als Schändung und Prostitution". Die Mehrheit der Kommission um den Münchner Kardinal Julius Döpfner hingegen war gegen ein grundsätzliches Verbot der Pille. Die Ehe diente – so hatte auch das Zweite Vatikanische Konzil befunden – nicht nur der Zeugung von Nachwuchs; demnach war "Vermeiden der Zeugung nicht unbedingt ein Verstoß gegen Moral und Natur". Die Beschränkung auf eine verantwortbare Kinderzahl sei geradezu eine Pflicht sittlicher Eheführung.
Beide Lager überreichten dem Papst ihre vielseitigen Gutachten – nun musste Paul VI. entscheiden. Es handele sich "um eine für die Männer der Kirche – sagen Wir – recht fremdartige Materie", sinnierte er, "Gott muss Uns erleuchten". Ob Gott ihn erleuchtet hat, wissen wir nicht, Papst Paul entschied sich am Ende für das Minderheitenvotum, das zur Grundlage für die Humanae Vitae, der sogenannten "Pillenenzyklika" wurde.
Auch unter den Protestanten gärte es. Während der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland noch von den Kanzeln gegen die "Diktatur der Unanständigkeit" wettern ließ, kam der Theologe und Buchautor Siegfried Keil zu der Einsicht, die Empfängnisverhütung sei letztlich Zeichen des gewachsenen Verantwortungsgefühls. Überhaupt sah der Marburger Sozialethiker "manch erfreuliche Tendenz" in den neuen Moralvorstellungen: "Die Frauen sind freier, die Ehen glücklicher und die Paare erotischer als früher." Petting und vorehelicher Geschlechtsverkehr Jugendlicher seien eine begrüßenswerte Errungenschaft der Zeit. "Eindeutig negativ" seien nur hingegen "alle Formen der Selbstbefriedigung und Perversion, aber auch der Homosexualität". Da hörte der Spaß selbst bei den Protestanten dann doch auf.
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DER SPIEGEL 36/2016
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