03.09.2016

HomestoryTouri, go home!

Wie die Fremden aus aller Welt unseren Alltag behindern
Früher war meine Straße mal das Ende der Welt, fast. Berlin-Kreuzberg, Wrangelkiez, hinterste Reihe Deutschlands.
Hier stand die Mauer. Wohnen wollte hier niemand und Urlaub machen schon gar nicht. Nur wer nicht anders konnte, der war hier. Arme, Alte und türkische Gastarbeiter, die niedrige Mieten schätzten und mit dem Kopf schon wieder in der Heimat waren.
Später kamen die Hausbesetzer. Mit ihnen der Kreuzberger Mythos von Utopia.
Unser Viertel galt dann längere Zeit als Brennpunkt, als Getto der Armen und wütenden Gastarbeiterkinder der dritten Generation. Die jüngste Phase setzte vor rund fünf Jahren ein. Sie brachte Wohnungsmieten, die bis heute um rund 90 Prozent gestiegen sind, die Gewerbemieten stiegen mit. Der kleine Farbenladen ist heute ein indisches Restaurant, der Blumenladen eine Weinhandlung, die Schneiderei ein veganes Café. Und viele der Alten und Armen wohnen heute am Stadtrand.
Meine Freunde und ich sind in ihre Wohnungen gezogen. Vor zwölf Jahren kam ich aus Bremen nach Berlin, ich studierte, zog mit Freunden und Fremden durch die Stadt und durch Kreuzberg. Wir nahmen Berlin als Verheißung, als leeren Raum, der nur darauf zu warten schien, von uns gefüllt zu werden. Dass andere unserer Freiheit weichen mussten, darüber dachten wir lange nicht nach. Wir nahmen uns, was uns gefiel, und kauften Wein im ehemaligen Blumenladen ein.
Wir stellten fest, dass Touristen als Attraktion betrachteten, was für uns einfach nur das Leben war. Rund zwölf Millionen sind im vorigen Jahr durch Berlin gezogen. Mir kommt es so vor, als hätte die Hälfte dieser Menschen mindestens einmal in meiner Straße vorbeigeschaut.
Ich gehe jetzt nur noch morgens einkaufen. Ganz früh, wenn die Touristen noch schlafen, die am Nachmittag mit ihren Mini-Einkäufen die Kassen blockieren werden. Wenn ich etwas aus der Drogerie brauche, muss ich in ein anderes Stadtviertel fahren. Bei mir in der Nähe gibt es keine mehr.
Dafür habe ich jede Menge Restaurants vor der Haustür, in denen die Gerichte unterschiedlich heißen, aber ähnlich schmecken. Der Eismann nimmt jetzt 1,50 Euro pro Kugel.
"Touristification" heißt es, so nennen es Stadtforscher jedenfalls: die Wandlung eines öffentlichen Raums zur Kulisse, hinter der das Leben verschwindet. Venedig kennt das seit Langem. In Barcelona, Prag und Amsterdam gehen Einwohner auf die Straße, um zu demonstrieren, dass es sie noch gibt und dass sie Angst haben, das könne sich ändern.
Das Versprechen des Tourismus war, dass sie profitieren würden von der Anwesenheit der Fremden. Aber wenn ich an Berlin denke, dann denke ich an unseren Postboten, der nach Feierabend nebenan in der Bar sitzt und die Briefe austeilt an Leute, die er tagsüber nicht erreicht hat. Oder an den alten Herrn, der meinem Sohn immer Süßigkeiten zusteckt. Ich glaube nicht, dass sie vom Tourismus profitieren. Aber ich profitiere von ihnen und hoffe, dass das noch lange so bleibt.
Vor Kurzem besuchte ich einen Freund in Lissabon. Ich lief durch kleine Gassen, vorbei an winzigen Häusern, roten Geranien und alten Männern, aus deren Wohnzimmer die Sehnsucht und Traurigkeit des Fado schallte – gemeinsam mit Hunderten anderen Menschen war ich dort unterwegs, die sich ebenso an der Fremde erfreuten wie ich.
Wie diese Menschen auch stieg ich abends auf einen Hügel über der Stadt, trank einen Kaffee und sah die Sonne untergehen. Später spazierte ich genau wie die anderen zurück ins Hotel. Im Kopf das Summen der Laternen und die Lichter Lissabons.
Aus meinem Touristenmodus erwachte ich, als ich an einem Abend versuchte, mich in der Stadt wie ein Einwohner fortzubewegen. Mein Freund hatte mich eingeladen, zum Essen, ans andere Ende Lissabons. Um dorthin zu gelangen, musste ich ein paar Stationen im Holzwaggon der Straßenbahn fahren. Ich wartete 20 Minuten an einer Station, gemeinsam mit einer älteren Dame aus der Nachbarschaft. Bahn um Bahn zog vorbei. Menschen hielten ihre Kameras auf uns. Als ich mich zu wundern begann, erklärte mir die Dame, dass viele der Wagen nur noch Touristen transportierten und dass es schwierig sei, darin Platz zu finden. Sie kenne das schon. Irgendwann gab sie das Warten auf und ging zu Fuß weiter. Ich fühlte mich ihr verbunden.
Als ich schließlich mit meinem portugiesischen Freund beisammensaß, ihm die Tram-Episode und meine Gedanken über Stadtentwicklung vortrug, lachte er nur. Was sei am Wandel schlimm? Er sei glücklich darüber. Seine Stadt sei internationaler geworden, offener. Er erzählte mir von seinen Freunden aus Paris und England, von den neuen Galerien und Bars. Früher hat mein Freund als Kameramann gearbeitet – bis die Krise ihn den Job kostete. Heute verkauft er Wein, in einem kleinen Laden im Zentrum der Stadt. Die Touristen liebten seinen Wein, sagt er. Im Übrigen komme er mich gern bald mal besuchen, in Berlin.
Von Gesa Steeger

DER SPIEGEL 36/2016
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