10.09.2016

Markus FeldenkirchenDer gesunde MenschenverstandAntifaschistisch im Strandkorb

Gleich nachdem die AfD in Mecklenburg-Vorpommern 20,8 Prozent erzielt hatte, erreichten mich über das Internet Appelle, künftig auf Urlaube in dieser Region zu verzichten. Als Strafe und Erziehungsmaßnahme für die dort ansässigen Nazis, gewissermaßen. Besonders laut waren die Boykottaufrufe gegen die "Rassisteninsel" Usedom, auf der die AfD in einigen Gemeinden mehr als 40 Prozent der Stimmern erhalten hat.
Aufrufe zum Ferienboykott hatte es bereits nach dem guten Abschneiden der AfD in Sachsen-Anhalt gegeben, bis sich herausstellte, dass dort kaum jemand freiwillig Urlaub macht. In Mecklenburg-Vorpommern mit seinen über sieben Millionen Touristen pro Jahr ist das anders. Auch ich gehöre dazu. Ich mag die Mecklenburgische Seenplatte, schwärme von den Inseln, liebe den Darß. Viele Wessis haben bis heute ein Problem damit, dass die Ostsee ihrem Namen alle Ehre macht und im Osten viel schöner ist als im Westen.
Ein Verzicht auf künftige Urlaube würde mich schmerzen. Andererseits stehe ich der Idee des antifaschistischen Urlaubens aufgeschlossen gegenüber. Ich will nicht schuld sein, wenn reaktionäre Parteien mit völkischen Flügeln ihren Siegeszug ausgerechnet in meinem Urlaubsland vorbereiten. Wenn die Hauptstadt der Bewegung in der Nähe meines Strandkorbs entsteht.
Der gewitzte Hinweis darauf, dass es ja paradox sei, wenn ausgerechnet ein Bundesland, das vom Tourismus lebt, fremdenfeindliche Parteien wählt, ist in Wahrheit gar nicht gewitzt. Natürlich hat auch die AfD nichts gegen Touristen, solange sie ähnlich sprechen und aussehen wie sie selbst. Vielleicht ist es kein Zufall, dass inzwischen kaum noch von Fremdenzimmern die Rede ist und die Vermittlungen nicht mehr Fremdenverkehrsbüro, sondern Tourismusverband heißen. Fremde im Sinne von fremd aussehend hat es in den Ferienregionen Mecklenburg-Vorpommerns praktisch nie gegeben. Urlauber aus Algerien, Marokko oder Afghanistan wurden jedenfalls selten im Tretboot auf der Müritz gesichtet. Es stimmt schon: Wenn weiße, getaufte Deutsche wie ich künftig fernblieben, das wäre ein Zeichen.
Andererseits: Sind die Bürger dieses Bundeslandes mit der AfD als größter Oppositionspartei nicht schon gestraft genug? Warum sollte ich die vielen Menschen, die vom Tourismus leben, ohne AfD zu wählen, bestrafen? Man kann vor der nächsten Buchung vom Vermieter ja schlecht ein beglaubigtes Foto des Wahlzettels verlangen.
Ich denke, ich werde weiter nach Mecklenburg-Vorpommern reisen und das antifaschistische Urlauben ein wenig anders interpretieren. Wer sagt denn, dass man die Urlaubszeit rein biedermeierlich verbringen muss? Dass sie ein völliger Rückzug ins Private zu sein hat? Es ist, das wissen viele gar nicht, selbst in den Ferien möglich, Gespräche über Politik und Gesellschaft zu führen. Gerne mit Seeblick.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 37/2016
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