10.09.2016

ErziehungKrank im Verborgenen

Wenn sie ihren Kindern Medikamente gegen ADHS geben, spüren Eltern oft den Vorwurf, ihre Kinder ruhigstellen zu wollen. Viele halten die Behandlung deshalb geheim.
Sie erinnert sich genau an den Moment vor zwölf Jahren, als sie mit ihrem Sohn am Küchentisch saß und das Radio lief. Eine Stimme sang: "Ich finde es irgendwie witzig, ich finde es irgendwie traurig: Die Träume, in denen ich sterbe, sind die besten, die ich je hatte." Christine Barth hatte bis dahin kaum hingehört(*). Dann sagte ihr Sohn Philipp: "Mama, genauso fühle ich mich auch. Es wäre besser, wenn ich nicht mehr da wäre."
Der Zehnjährige hatte seiner Mutter schon vorher erzählt, dass er sich traurig und leer fühle. Sie hatte versucht, es wegzuschieben. Aber nun erzählte ihr Jüngster, dass er daran dachte, sich umzubringen.
Christine Barth und ihr Mann Mathias machten sich Vorwürfe. Sie glaubten, bei der Erziehung versagt zu haben, sie hatten Angst um ihren Jungen. Dann suchten sie mit Philipp einen Kinderpsychiater auf. Der Arzt sprach mit dem Jungen und den Eltern. Er sagte ihnen, dass Philipp an Depressionen leide. Und dass die Krankheit vermutlich durch eine unbehandelte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) entstanden sei.
Die Nachricht war für die Eltern ein Schock. Die Barths wirken wie die klassische deutsche Mittelschichtsfamilie. Die Mutter Grundschullehrerin, der Vater im öffentlichen Dienst, ein Einfamilienhaus in der bayerischen Provinz, Klavier im Wohnzimmer, Kerzen auf dem Esstisch. An den Wänden hängen Fotos ihrer drei Söhne in Schwarz-Weiß.
Christine Barth hatte nur halbtags gearbeitet, solange ihre Kinder noch zur Schule gingen. Sie war da, wenn die Jungs mittags nach Hause kamen. Sie hat mit den dreien gebastelt, mit ihnen Hausaufgaben gemacht und sie zum Fußball gefahren. Philipp, Bastian und Linus haben viel Aufmerksamkeit und Fürsorge bekommen. Und doch erhielten nach Philipp auch die beiden anderen Söhne die Diagnose ADHS. Alle drei haben täglich Medikamente genommen, die auf ihre Psyche wirkten. Ihre Eltern glauben, dass sie sonst auf ihrem Weg gescheitert wären, nicht nur in der Schule.
Bei drei bis sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland wird eine Störung der Aufmerksamkeit festgestellt, es ist eine der häufigsten psychiatrischen Diagnosen im Kinder- und Jugendalter. Laut einer Studie der Barmer GEK die vor einigen Wochen bekannt wurde, nahm zwischen 2011 und 2014 die Zahl der bei ihr versicherten Kinder und Jugendlichen, bei denen ADHS festgestellt wurde, erneut um fünf Prozent zu.
Jungen bekommen diese Diagnose etwa dreimal so oft wie Mädchen. Sie finden es schwieriger als ihre Mitschüler, Schulaufgaben zu erledigen. Sie können sich nicht über einen längeren Zeitraum konzentrieren, sind äußerst impulsiv. Manchmal sind die Symptome begleitet von einer Depression und Angststörungen.
Seit Aufnahme ins internationale Krankheitsverzeichnis 1992 ist die Zahl der Diagnosen explodiert. Vielen Kindern wurde Ritalin verordnet, eine Pille mit stimulierender Wirkung, die zappeligen Kindern hilft, ruhiger und konzentrierter zu werden. In der Öffentlichkeit galt ADHS fortan als Modediagnose. Die oft vorherrschende Einstellung: Hyperaktiven Kindern sei mit einer konsequenten Erziehung und langen Nachmittagen auf dem Fußballplatz geholfen, nicht mit Psychopillen. Damit wollten Eltern nur ihre schwierigen Kinder gefügig machen. Und die Pharmaindustrie samt den von ihr bezahlten Ärzten fördere das nach Kräften, indem sie Müttern und Vätern einrede, eine Krankheit mache ihre Kinder so ungebärdig.
Die Barths halten die Diagnose und die Behandlung ihrer Kinder bis heute geheim, sie wollen ihren wahren Namen nicht nennen, sie fürchten, verurteilt zu werden, von anderen Eltern, von Freunden und Bekannten. Weil sie zugelassen haben, dass alle ihre Kinder Ritalin bekamen. Christine Barth sagt, selbst im Kollegenkreis höre sie, dass Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit faul und schlecht erzogen seien. "Anders als ADHS sind Depressionen fast schon salonfähig", sagt sie. Es verletzt sie und ihren Mann, wenn sie hören, Eltern würden ihre Kinder ruhigstellen wollen. "Wer nicht betroffen ist, kann sich natürlich leicht ein negatives Urteil über Medikamente bilden", sagt Mathias Barth.
Nachdem bei Philipp ADHS diagnostiziert wurde, begann der Zehnjährige eine Verhaltenstherapie, in der er lernen sollte, sich selbst zu organisieren. Ohne Erfolg. Danach riet Philipps Arzt zu Methylphenidat, dem Wirkstoff in Ritalin, Medikinet und anderen Präparaten. Die Eltern zögerten, aber "die Wirkung war absolut durchschlagend", sagt Mathias Barth.
Sein Sohn fand sich in der Klasse besser zurecht, wurde ruhiger und konnte lesbarer schreiben. Durch die Anerkennung wurde er selbstbewusster und zufriedener. In der sechsten Klasse konnte er von der Realschule aufs Gymnasium wechseln. Das Abitur bestand er ohne Probleme.
In der eigenen Familie weiß nur die Großmutter von der Diagnose. Die Eltern fühlen sich einer Phalanx von Gegnern ausgesetzt. Mütter und Väter berichten in Internetforen davon, wie ihnen Bekannte dazu rieten, ihre Kindern mit homöopathischen Mitteln zu therapieren oder öfter mit ihnen an die frische Luft zu gehen.
"Niemand käme auf die Idee, einem Kind Insulin vorzuenthalten, wenn es Typ-1-Diabetes mellitus hätte", sagt Johannes Hebebrand, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Duisburg-Essen. "Die Diskussion über die Medikamente ist kontrovers. Aber sicher ist, dass sie Kindern, die von der Schule zu fliegen drohen, helfen, sich zu konzentrieren und weniger impulsiv zu sein."
Die Pharmaindustrie hat die negative Sicht auf Ritalin und ADHS befeuert, indem sie die Arznei aggressiv vermarktete, vor allem in den USA. Auch in Deutschland finanzierten die Konzerne Forschung und versuchten, Ärzte zu bewegen, ihre Pillen zu verschreiben. 1994 wurden in deutschen Apotheken um die 40 Kilogramm Methylphenidat im Jahr ausgegeben, 2014 waren es rund 1700 Kilogramm. Immerhin waren die Zahlen im selben Jahr etwas rückläufig.
Mehr als 600 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Deutschland nehmen das Medikament regelmäßig, schätzt die Barmer GEK. 2009 sagte der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg, der ADHS in Medikamentenstudien als Erster genauer erforschte, dem SPIEGEL, er sei entsetzt, wie inflationär diese Diagnose angewandt werde. Viele dieser Kinder litten gar nicht an der Störung.
Tatsächlich kritisieren Ärzte, Psychologen und Pädagogen solche Fehldiagnosen, die meisten bestreiten aber nicht, dass es ADHS gibt.
Den Betroffenen und ihren Eltern bürdet die Diskussion ein zusätzliches Stigma auf. 1978 beklagte die amerikanische Autorin Susan Sontag in ihrem Essay "Krankheit als Metapher", dass Krebs als Krankheit jener Menschen gelte, die unfähig seien, Gefühle auszudrücken und auszuleben. Sontag argumentierte, den Kranken werde damit eine Schuld an ihrem Leiden zugeschoben. Es fällt nicht schwer, heute Parallelen zur Aufmerksamkeitsstörung zu ziehen. Eltern fühlen sich zu Unrecht dem Vorwurf ausgesetzt, durch Vernachlässigung oder Überbehütung problematisches Verhalten ihrer Kinder zu fördern, das sie dann mit Unterstützung der Pharmaindustrie zu einer Krankheit erklärten.
Artikel und Beiträge mit ähnlicher Lesart sind immer wieder in Presse und Fernsehen erschienen. "Berichte über solche Substanzen sind ein wesentlicher Faktor, der Eltern verunsichert", sagt Kinderpsychiater Hebebrand. Eltern würden Hilfe benötigen, wie sie mit kritischen Äußerungen aus ihrem Umfeld umgehen könnten.
Viele Eltern fürchten die Kritik so sehr, dass sie die Krankheit vor der Schule und sogar dem Rest der Familie verheimlichen. Unter dieser Herumdruckserei leiden Eltern und Kinder zusätzlich, weil sie über ihre Sorgen und Nöte nicht mit Lehrern, Bekannten und Freunden reden können.
Dieses Versteckspiel wollten Marita und Nikolaus Houben ihrem Enkel ersparen. Seit vier Jahren lebt Justin bei ihnen, seine Mutter kann sich wegen gesundheitlicher Probleme nicht um ihn kümmern. Justin ist heute zwölf Jahre alt, ein aufgeweckter blonder Junge, der ein Bayern-München-Trikot trägt. Er turnt auf den Möbeln herum und ist lauter als andere Jungs. Manchmal liest er aber auch mit seinem Opa Zeitung. "Das klappt wunderbar", sagt Nikolaus Houben. Vor vier Jahren war das noch unvorstellbar.
Die Houbens besitzen ein Reihenhaus in einem Tausend-Seelen-Dorf nahe Mönchengladbach, vom Esstisch aus schauen sie über Felder. Nikolaus Houben ist Betriebsratsvorsitzender eines städtischen Unternehmens, seine Frau hat als Verkäuferin gearbeitet.
Die beiden merkten schnell, dass ihr Enkel anders war als Gleichaltrige. Er war laut, unkonzentriert, konnte nie still sitzen. Der Kinderarzt verwies sie an eine Klinik in Krefeld, dort sagten die Psychiater, Justin brauche Medikamente, eine Psychotherapie allein reiche nicht aus. Die Großeltern schreckten davor zurück, ihm Psychopharmaka zu geben, aber sie hatten auch Angst, ihm seinen Lebensweg zu verbauen, wenn sie verhindern, dass er Medikamente erhält. Seit drei Jahren bekommt er jeden Morgen zum Frühstück: Brot, Käse und Tabletten, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.
Er kommt damit besser im Alltag zurecht als früher, aber er ist immer noch laut und impulsiv. "Hinter unserem Rücken reden die Leute, wie ungezogen der Junge ist", klagt Marita Houben. Anfangs habe sie noch versucht, die Krankheit zu erklären, doch selbst Freunde hätten das als Ausrede abgetan.
Selbst die eigene Familie habe wenig Verständnis. Marita Houben hörte Sprüche von "Früher gab es das auch nicht" bis zu "Der braucht nur mehr Bewegung". Als sie den Freunden bei der freiwilligen Feuerwehr erzählten, dass Justin Medikamente nehme, "waren alle verständnislos", sagt Houben. "Die hielten das für Quatsch und sagten, wir würden unserem Jungen Drogen geben." Dabei, so erzählt sie, "hoffen wir so sehr, dass er die Medikamente eines Tages absetzen kann und einen Beruf erlernt, der ihm Spaß macht".
Was es heißt, ADHS zu haben, kann der dreifache Vater Mathias Barth vermutlich am besten verstehen. Bei ihm wurde ADHS diagnostiziert, weil er wie sein Sohn Philipp depressiv wurde. Seit er behandelt wird, fühlt er sich besser, er hat die Veranlagung zu der Störung offenbar an alle seine Söhne weitergegeben.
Sein mittlerer Sohn Bastian hat die schwächsten Symptome. Er kam immer gut mit anderen Kindern aus, aber in der siebten Klasse des Gymnasiums sackten seine Leistungen ab. Die Tests waren nicht eindeutig, doch aufgrund der Vorgeschichte seines Bruders entschieden sich seine Eltern, auch ihm Medikamente zu geben.
Bei Linus, dem Jüngsten, sprach ein Lehrer die Barths an. Der Junge suche dauernd die Konfrontation mit den Pädagogen. Bei ihm waren die Tests klar. Nun nimmt er ebenfalls die Pillen.
Johannes Streif ist Psychologe und im Vorstand der Selbsthilfegruppe ADHS Deutschland. Die Gruppe nimmt, wie viele in Deutschland, auch von der Pharmaindustrie Spenden, knüpft diese Unterstützung aber nach eigenen Angaben an konkrete Projekte und legt die Zahlungen offen.
Streif unterscheidet in der Diskussion um die Krankheit zwei Gruppen. Die eine akzeptiere ADHS als Störung, die sich auch neurobiologisch zeige, also durch Veränderungen im Gehirn. Die andere Gruppe mache die rastlose moderne Gesellschaft mit ihren hohen Anforderungen an das Individuum verantwortlich. Streif sagt, Medikamente könnten ein wirksamer Teil in der Behandlung sein, doch viele Eltern zögerten, sie ihren Kindern zu geben, "weil die Debatte eine derartige Heftigkeit entwickelt hat".
Bernd Ahrbeck leitet die Abteilung Verhaltensgestörtenpädagogik der Berliner Humboldt-Universität. Der Psychoanalytiker sagt, ADHS sei keine rein organische Krankheit, an der niemand Schuld habe. Das Kind werde wegen seiner Lebenspraxis krank. "Die ganze Gesellschaft ist unruhiger geworden, Kinder sind mehr Hektik ausgesetzt und werden von Reizen überflutet, früher hatten Kinder keine Handys und Fernseher." Nähmen sie ständig Pillen, warnt der Psychologe, verinnerlichten die Kinder, dass sie nur so funktionieren könnten.
"Außenstehende haben oft keinen Einblick in die Tragweite einer solchen Symptomatik", sagt dagegen Kinderpsychiater Hebebrand, der seit 26 Jahren fast täglich betroffene Kinder behandelt. Er ermutige seine Patienten jedoch, das Mittel probeweise abzusetzen.
Immer wieder haben Wissenschaftler die Wirksamkeit von Methylphenidat untersucht. 2015 veröffentlichten dänische Forscher eine Metastudie, die nahelegt, dass der Stoff womöglich weniger wirkt als ursprünglich angenommen, Nebenwirkungen wie Schlafstörungen oder Appetitmangel treten dagegen häufiger auf als vermutet. Die Studie ist jedoch unter vielen Therapeuten, die ADHS-Patienten behandeln, umstritten, auch weil der Behandlungszeitraum in den meisten Studien kürzer als sechs Monate war. Einig sind sich die meisten Experten darin, dass eine fachgerechte Behandlung von ADHS nicht ausschließlich auf Medikamente bauen solle, sondern Verhaltenstherapien miteinschließen müsse.
Philipp Barth setzte den Stoff nach der Abiturprüfung ab. Er zog von zu Hause aus, um zu studieren. Doch der unstrukturierte Alltag bekam ihm nicht. Er spielte stundenlang am Computer und brach sein Studium nach drei Semestern ab. Dann nahm er wieder Methylphenidat, ging zu seinen Eltern zurück und begann eine Ausbildung. Es geht ihm wieder besser, aber die Medikamente nimmt auch er heute noch.

Eltern zögerten, Arzneien zu geben, weil die Debatte "eine derartige Heftigkeit entwickelt hat".

* Namen der Familie geändert.
Von Anna Reuß

DER SPIEGEL 37/2016
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