10.09.2016

HeldenKüssen wie bei Habermas

Der Film „My First Lady“ erzählt die Liebesgeschichte der jungen Obamas – und von einem bleibenden Verdienst des Präsidenten: der Neuinterpretation der bürgerlichen Familie.
Die Sache beginnt mit einem Missverständnis: Der Mann freut sich auf ein Date mit einer Frau, die keines will. Sie versteht das Treffen als Verabredung unter Kollegen, möchte mit dem jungen Anwalt, der nur den Sommer über in ihrer Kanzlei arbeitet, die Versammlung eines Nachbarschaftsvereins besuchen. Das Meeting beginnt erst am frühen Abend, er aber holt sie schon Stunden früher ab. Der junge Mann hat für die Zeit dazwischen jede Menge Ideen, doch der Museumsbesuch, der Spaziergang, das Mittagessen, das alles wäre einem ersten Date angemessen, aber wohl kaum einem beruflichen Termin. Fast bahnt sich Streit an. Die Liebe als Himmelsmacht greift zunächst nicht ein. Ihr muss erst der Weg bereitet werden – und das geschieht, indem man Klartext redet.
Gegen den jungen Barack Obama spricht aus Sicht seiner späteren Frau Michelle einiges. Da ist schon mal seine Herkunft: Zwar ist der Vater aus Afrika, die ihn prägenden Großeltern und seine Mutter aber stammen aus dem kulturkonservativen Kansas. Ihr Vater bemerkt kritisch, der Junge sei doch zur Hälfte ein Weißer, er klingt wenig begeistert. Dass Barack eher nonchalant versucht, ihr ein Date unterzujubeln, obwohl sie explizit keines möchte, verbessert seine Lage nicht unbedingt. Es geht, das macht sie ihm bald klar, um ihre Stellung in der Kanzlei. Da werde eine Frau nun mal anders beurteilt als ein Mann: In den Ruf zu geraten, leichtfertig Affären mit Kollegen zu beginnen – das möchte sie nicht riskieren. In der Kanzlei gilt Kollege Obama mitnichten als halber Weißer, sondern als schwarzer Mann, mit dem es als schwarze Frau dann noch mal komplizierter ist, wenn sie den Blick der anderen mitdenken muss.
So wird ein Film, der ganz leicht beginnt, sehr schnell sehr kompliziert. "My First Lady" erzählt die Geschichte eines Nachmittags im Sommer 1989 in der Chicagoer South Side. Obama selbst hat diese Geschichte in Reden und seinem Buch "Hoffnung wagen" oft erzählt. Der Film aber macht es dem Zuschauer insofern schwer, als er die Bedenken von Michelle sehr ausführlich und nahezu unüberwindbar schildert. Tika Sumpter spielt Michelle mit beeindruckender Nachdrücklichkeit, von verzückter Verliebtheit keine Spur. Wie sollen die je ein Paar werden, fragt man sich umso dringender, je lässiger und unbeschwerter der von Parker Sawyers gespielte Barack durch die Straßen schlendert und plaudert.
Der Film folgt einer Moral, die von Habermas sein könnte: Zum Kuss kommt es erst, nachdem die wesentlichen Fragen ausdiskutiert wurden. Liebe ist eine Voraussetzung, aber mitnichten ein Ersatz für die rationale Erörterung von Argumenten über ein gelingendes, gemeinsames Leben. Es geht zwischen den beiden nicht allein um Gefühle oder die Möglichkeiten gegenseitiger Annäherung, sondern schnell auch um die unterschiedliche Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft und am Arbeitsplatz, um Rassenkonflikte und den Sinn des Lebens. Zwar respektiert Barack die Karriereentscheidung seiner künftigen Frau, stellt aber doch infrage, ob es Ziel irdischer Mühen sein kann, Konzerne in Konzernklagen zu vertreten, und ob man überhaupt sein Leben der individuellen Geldvermehrung widmen soll? Sie wiederum rät ihm, sich mit dem Andenken an den verstorbenen Vater zu versöhnen, um nicht als ewig vernachlässigter Sohn über die Erde zu wandeln. Er solle nicht verbittert sein, sondern sich mit dem Erbe auseinandersetzen – aus dieser Idee erwächst später sein Buch "Dreams from My Father".
Obama hält im Film die gleiche Rede, die er sein weiteres Leben lang halten wird: die vom Zusammenhalt der Bürgergesellschaft und der Überwindung der kulturellen Differenzen in den so wohl benannten Vereinigten Staaten.
Dieser sympathische Film ist nur ein Anfang. Die Geschichte der Familie Obama wird uns noch in zahlreichen Versionen und Werken erzählt werden. Wie kein anderer moderner Staatsmann hat Barack Obama daran gearbeitet, seiner Karriere, seinen Entscheidungen, Reden und Auftritten eine zeitgemäße erzählerische Form zu geben. Wenn er mit seinem Redenschreiber und den wichtigsten Beratern die Arbeit an einer großen Rede begann, stellte er zunächst eine einfache Frage: "Welche Geschichte wollen wir erzählen?"
Dabei mutet er dem Publikum durchaus einiges zu. Seine Reden über Rassismus, soziale Ungleichheit oder zur Lage in der arabischen Welt folgen keineswegs dem üblichen Muster, sie sind komplexer. Es gibt bei Obama nicht die obrigkeitliche, paternalistische Figur, die das Los der Untertanen wendet, und auch keine höhere Macht, die den Gerechten zuverlässig zu Hilfe kommt. Er ermahnt seine Zuhörer, nicht zu resignieren und sich auf die Hinterbeine zu stellen. Seine Reden sind Appelle, und sein eigener Fall ist nichts als ein Beispiel zur Widerlegung wohlfeiler Entschuldigungen. Gemeinsam, das ist sein Mantra, können komplexe Fragen gelöst werden, wenn man sich auf die Kraft der Vernunft besinnt und bei der Wahrheit bleibt. So kommt auch Fortschritt in die Geschichte.
Das geht einher mit der souveränen Handhabung der beliebtesten populären Kommunikationsformen. Obama ist ein hervorragender Stand-up-Comedian. Er singt, wenn es der Situation angemessen ist, und verfügt in jedem öffentlichen Augenblick über die Körperspannung eines Schauspielers. Es gibt kaum ein Foto, auf dem er nicht gut aussieht. Doch die von ihm erdachte Geschichte hat noch ganz andere Implikationen. Ein wesentlicher Bestandteil seiner immensen Anziehungskraft, die nach dem Ausscheiden aus dem Amt eher noch zunehmen dürfte, ist die Abwesenheit von Skandalen, die aus menschlichen Schwächen resultieren. Es gab keine Affären, keine Korruptionsvorwürfe, keine bösen Bücher von entlassenen Ministern, keine Skandale. Nicht bei ihm, in seiner Familie und auch nicht unter seinen Mitarbeitern. Seine Amtszeit blieb nicht ohne schwere Fehler – wie sollte sie auch? Die Praxis der gezielten Luftschläge gegen verdächtige Personen via Drohne, der anhaltende Betrieb von Guantanamo, die Spionagepraktiken der NSA und anderer Agenturen, die politische Bevorzugung der amerikanischen Digitalkonzerne und vor allem die zögerliche Haltung im Syrienkonflikt belasten seine Bilanz. Der Verzicht auf jeden autoritären Gestus mag den Eindruck verstärken, in Wahrheit seien Wladimir Putin und seine Freunde die Herren der Lage. Aber es ist noch zu früh für eine endgültige Bewertung dieser Ära.
Interessant ist, dass Obama eine strategische Begriffsverschiebung gelungen ist. Man kann das am Beispiel des Films gut studieren: Zwei eher linksliberale Akademiker nehmen sich vor, die Welt zu verbessern, aber sie suchen keine neuen Formen des Privaten, auch keine innovativen politischen Bewegungen, Themen oder Methoden. Sie nutzen vielmehr die tradierten Formen und Begriffe und geben ihnen eine neue, brisante Bedeutung.
Die Obamas sind genau genommen eine Spießerfamilie: Die Eltern, miteinander und in erster Ehe verheiratet, erziehen gemeinsam ihre beiden Töchter und pflegen einen ausgeprägten Bildungs- und Leistungsethos. Sie agieren als politische Bürger im Rahmen des Systems, mit den real existierenden Parteien und Institutionen. Der Umsturz findet statt – von der diskreditierten Bush-Regierung zu Obama ist es ein politischer Quantensprung –, aber er kommt in vertrauten Formen als eine renovierte, familienzentrierte Bürgerlichkeit daher. Das dient aber nicht der Aus- und Abgrenzung, sondern wird bei den Obamas, vor dem Hintergrund rassistischer Spannungen und diverser anderer kultureller Vorurteile, zum Ausweis einer universell gültigen, fortschrittsoptimistischen Botschaft: Weltweit wächst die Mittelklasse, überall sollten sich die Menschen auch als Bürger mit gewissen Rechten verstehen dürfen, so wird die schwarze Familie im Weißen Haus zum weltweit identifizierbaren, aber nie bedrohlichen Sinnbild für gesellschaftlichen und politischen Wandel. Die Obamas leben wie Konservative, schätzen gute Kleidung, Selbstbeherrschung, Bildung und ein intaktes Familienleben.
Das war der Clou von Michelle Obamas Rede vor dem Parteitag der Demokraten im vergangenen Juli: Die First Lady übt kein Mandat aus, niemand hat sie gewählt. Sie machte sich diese Beschränkung zunutze, indem sie fast ausschließlich Geschichten über ihre Familie erzählte. Durch mächtige Bilder – zwei schwarze Mädchen spielen mit ihrem Hund auf dem Rasen des Weißen Hauses – gelang es ihr, die Vorstellungen von Familie, Rassengleichheit und historischem Fortschritt zu versöhnen. Ihr Motto, auf unfaire Anwürfe nicht ebenso, sondern mit höherem Ethos zu antworten, "when they go low, we go high", könnte ebenso gut aus einem Benimmbuch für höhere Töchter stammen. Es gelang Michelle Obama, einen Begriff von Familie zu vermitteln, in dem nicht die Herrschaft eines weißen Paterfamilias, sondern die gemeinschaftliche, feministisch inspirierte Förderung der Kinder im Zentrum steht, gegenseitige Treue und Respekt sowie die staatsbürgerliche Arbeit an universellen Freiheits- und Gerechtigkeitsidealen.
Die Obamas haben diese Neuinterpretation dessen, was heute eine bürgerliche Familie ist, so konsequent demonstriert, dass der anderen politischen Seite ihr hergebrachtes Anti-68er-Kulturkampfargument abhandenkam. Hippies, Linksradikale, genusssüchtige Egomanen mit wechselnden Partnern – nichts davon passte auf das Lager der Obamas. So drängte Barack Obama die Republikaner konsequent auf das Feld der extremen Rechten. Ihnen bleibt nur noch der Rassismus, die Verachtung von Kultur, Bildung und Wissenschaft und eine nur für das rechte Publikum relevante Medienszene, die wie eine überhitzte Gerüchteküche arbeitet. Es ist ein Nischenprogramm, sie müssen sich erstmals aus einer strukturellen Minderheitenposition herauskämpfen. Das sind sie nicht gewohnt. In Donald Trump fanden sie den passenden Verkäufer dieser Ladenhüter – einen Mann, der bürgerliche Kreise anwidert. Diese Synthese aus fortschrittlicher Politik und einer am Ideal der von Michel Foucault beschriebenen antiken "Sorge um sich"-orientierten Selbstdisziplin sowie der Fähigkeit, davon spannend zu erzählen, das alles findet sich in der Geschichte des Films, der mit einem nach Schokoeis schmeckenden Kuss endet.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 37/2016
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