17.09.2016

Beschleunigung„Es gibt kein Pardon“

Der Kollaps Hillary Clintons wirft ein Licht auf die Strapazen des politischen Betriebs. Wer Schwäche zeigt, droht auf der Strecke zu bleiben.
Wenn sich Konrad Adenauer nach dem Mittagessen zurückzog, um ein Nickerchen zu halten, musste es still sein im Palais Schaumburg, dem Amtssitz des Bundeskanzlers in Bonn. So hatte es der Alte angeordnet: keine Besucher, keine Telefonate, kein Herumgerenne auf dem knarzenden Dielenboden.
Sogar beim Deutschlandbesuch des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower im Sommer 1959 war Adenauer die Mittagsruhe heilig. Er überließ dem hohen Gast sein Doppelbett im ersten Stock des Kanzleramts und streckte sich selbst für ein Stündchen auf dem Liegesessel im Wohnzimmer aus.
Das Palais Schaumburg dient inzwischen auch als Museum. Und die Zeiten, in denen sich ein Regierungschef zur Mittagszeit hinlegen kann, sind lange vorbei. Angela Merkels Arbeitstag folgt einem Viertelstundenrhythmus. Wenn es ihre Mitarbeiter einrichten können, bleiben ihr 15 Minuten für das Mittagessen und eine kurze Ruhepause.
Kaum etwas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so beschleunigt wie der Takt der Politik. Als Adenauer 1953 seine erste Reise in die USA absolvierte, war er insgesamt 18 Tage unterwegs. Von Le Havre aus fuhr er mit dem Liniendampfer "United States" über den Atlantik. Nach dem offiziellen Besuch in Washington, der drei Tage dauerte, absolvierte der Kanzler noch eine Rundreise durch die USA, inklusive Erholungsaufenthalt in dem malerischen Pazifikstädtchen Carmel.
Als Angela Merkel am Samstag vor zwei Wochen zum G-20-Gipfel nach Hangzhou reiste, flog sie die Nacht durch, um gleich den Sonntagmorgen für ein Gespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan nutzen zu können. Danach war eine Sitzung nach der anderen anberaumt, ihr Arbeitstag endete nach 16 Stunden. Der letzte Punkt im Terminkalender war ein Telefonat mit CSU-Chef Horst Seehofer zur verlorenen Wahl in Mecklenburg-Vorpommern.
Schon am Montagabend trat Merkel die Rückreise an. Sie flog wieder durch die Nacht, am Dienstagmorgen um halb drei landete ihr Airbus auf dem Flughafen Tegel. Finanzminister Wolfgang Schäuble, der Merkel nach China begleitet hatte, musste ein paar Stunden später im Parlament auftreten und den Abgeordneten den Bundeshaushalt 2017 erklären. Ähnlich voll ist der Terminkalender von Außenminister Frank-Walter Steinmeier.
Wer hält das auf Dauer durch? Die Bilder Hillary Clintons, die von ihren Sicherheitsleuten in ein Auto geschleppt werden musste, werfen ein Licht auf die ungeheuren Strapazen des Politikbetriebs. Zu der engen Terminfolge kommen die überall lauernden Handykameras, die jeden Moment der Schwäche einem Millionenpublikum zugänglich machen.
Am 15. November 2005 übernahm Matthias Platzeck das Amt des SPD-Chefs. Bis zu diesem Tag war Platzeck geachteter Ministerpräsident des kleinen Brandenburgs, aber er merkte schnell, was es heißt, im grellen Licht der Bundespolitik zu stehen. "Ein Spitzenpolitiker wird wie durch ein Brennglas beobachtet, da gibt es kein Pardon", sagt er.
Anfangs glaubte Platzeck, er könne die Doppelbelastung als Regierungschef und Parteivorsitzender meistern. Aber das erwies sich schnell als Irrtum. Platzeck, der vorher jeden Tag joggen war, steckte nun in einem Korsett von Terminen, auch am Wochenende blieb keine Freizeit mehr.
Dazu kamen die Kritik der Gegner und die Angriffe in den Medien. "Um ein politisches Spitzenamt durchzustehen, sollte man mit sich selbst im Reinen sein. Man muss einen inneren Mechanismus entwickeln, für sich und seine Familie: Wenig von dem, was man liest, hört und sieht, darf man an sich heranlassen."
Bald nach seiner Wahl zum SPD-Chef erlitt Platzeck einen Hörsturz, Ende März 2006 folgte ein zweiter. Platzeck trat zurück, wegen der Belastung, aber auch weil er seine Krankheit nicht vertuschen wollte. "Wenn man sich zu einem ernsthaften gesundheitlichen Problem bekennt, ist man oft für die große Bühne verbrannt. Es bleibt ein Stigma", sagt er.
Helmut Kohl war auch deshalb 16 Jahre lang Kanzler, weil er über eine enorme Zähigkeit verfügte. Den CDU-Parteitag 1989 in Bremen hielt er trotz eines Prostataleidens durch. Ein Arzt hatte Kohl einen Katheter gelegt, den dieser, stundenlang auf dem Podium sitzend, unter seinem weiten Anzug versteckt hielt. Wenngleich "unter ungeheuren Schmerzen", wie Kohl Jahre später bekannte. Doch er wollte gegenüber seinen Parteirivalen, die ihn gern gestürzt hätten, keine Schwäche zeigen.
Auch Merkel ist mit einem großen Durchhaltevermögen gesegnet. Während der Aufzeichnung eines TV-Interviews im Dezember 2014 wurde ihr kurz schwindelig. Von längeren Ausfällen aber ist nichts bekannt. Als sie sich beim Skilanglauf Ende 2013 einen schmerzhaften Bruch zuzog, war sie schon kurz danach wieder auf den Beinen.
Politik ist ein raues Geschäft, und kaum etwas schadet mehr als der Vorwurf, nicht mehr die Kraft zu besitzen, das Land zu führen. "Es gibt bis heute eine Verbindung zwischen Stärke, Fitness und Macht", sagt Platzeck. "In Russland muss der Präsident möglichst jeden Sommer mit Pfeil und Bogen unterwegs sein oder einen Tiger niederringen. Unterschwellig gibt es diese archaischen Muster bei uns auch noch."
Erst in der Rückschau geben viele Politiker zu, wie schlecht es ihnen an manchen Tagen ging. Als der damalige Verteidigungsminister Peter Struck im Juni 2004 einen Schlaganfall erlitt, wurde von seinen Leuten erst einmal verbreitet, der Chef werde von Kreislaufproblemen geplagt. Auch Helmut Schmidt verfügte über eine erstaunlich labile Gesundheit.
Als sich Schmidt 1972 im Bundeswehr-Zentralkrankenhaus in Koblenz untersuchen ließ, stellte der behandelnde Arzt fest: "Körperliche Überforderung, Hast, Hetze, keine Zeit zum Schlafen und Essen, dazwischen banale Virusinfekte, die sich addierten, dazu ein Kieferhöhleninfekt und dann als letztes eine akute Virus-Darmgrippe."
Im Februar 1980 brach der Bundeskanzler im Büro des französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing zusammen, ein Notarzt wurde eilig herbeigerufen. Als Schmidt wieder auf den Beinen war, achtete er peinlich darauf, dass die mitreisenden Journalisten nichts von seinem Schwächeanfall mitbekamen.
Andere Menschen wären nach solchen Vorfällen kürzergetreten, aber Schmidt nicht. Erst Jahrzehnte später gestand er, dass er in seiner Zeit als Spitzenpolitiker wohl bis zu hundert Mal in Ohnmacht gefallen sei, mal für Sekunden, mal minutenlang. Seine Sekretärin habe ihn dann vom Boden auflesen müssen.
"Politik ist ein Job, der mörderisch sein kann", sagt CSU-Chef Horst Seehofer. "Ohne eine gute gesundheitliche Grundkonstitution kann man ihn nicht machen. Aber auch dann muss man aufpassen, dass man sich nicht zu viel zumutet." Seehofer sitzt im Besucherzimmer seiner Staatskanzlei in München, er ist 67 Jahre alt und sieht gesund aus. Das war nicht immer so. Vor 14 Jahren hatte er eine Herzmuskelentzündung, eine schwere Erkrankung, die er wochenlang verschleppt hatte. Er wäre fast daran gestorben.
Seehofer spricht offen über diese Zeit, weil er sie als Mahnung begreift. Er war damals Gesundheitsminister im Schattenkabinett des Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. Er fühlte sich seit einiger Zeit unwohl, aber er wollte im Wahlkampf nicht kneifen. Bis er zusammenbrach.
"Das große Problem ist, dass viele Politiker denken, ohne sie gehe es nicht", sagt Seehofer. "Es gibt aber keinen, ohne den es nicht geht." Seehofer führt das Amt als Ministerpräsident anders als Edmund Stoiber. Der hetzte von einem Termin zum anderen. Wer eine Verabredung mit Stoiber hatte, musste oft warten, weil der Regierungschef im Verzug war.
Seehofer hingegen sagt, er delegiere. "Die Leute freuen sich auch, wenn sie mal jemanden anders sehen." Wenn er in Urlaub ist, dann macht er tatsächlich frei. "Wenn ich zurückkomme, will ich keine Akten auf meinem Schreibtisch sehen."
Nach seiner Erfahrung im Jahr 2002 lässt sich Seehofer regelmäßig untersuchen. Damals ist er nicht zum Arzt gegangen, weil er Angst vor der Diagnose hatte. Jetzt ist das anders: Blutbild, Herz – ihm ist es wichtig, das regelmäßig kontrollieren zu lassen. "Das fällt uns Männern besonders schwer. Wenn es um Gesundheit geht, sind wir ängstliche Hasen."
Vizekanzler Sigmar Gabriel litt im Frühjahr unter einer Gürtelrose, ein typisches Stresssymptom, das Gabriel nicht verhüllen konnte, weil es auch sein Gesicht betraf. Tagelang hielt er sich von öffentlichen Terminen fern. Es durften keine Fotos von ihm gemacht werden, er bemühte sich, die Sache herunterzuspielen. "Politiker schlafen wenig, Väter noch viel weniger", erzählte er in der "Bunten", "da hatte es mich mal für ein paar Tage umgehauen."
Für ein paar Tage umgehauen, das kann jedem passieren – alles halb so wild? Womöglich hat Gabriel seine Lehren aus dem Fall Kurt Beck gezogen, der einer seiner vielen Kurzzeitvorgänger im Amt des SPD-Vorsitzenden war. Beck selbst blickt nüchtern auf seine politische Laufbahn zurück. Einem Spitzenpolitiker würde er nicht raten, Schwächemomente einzugestehen. "Wenn du den Wind ohnehin schon im Gesicht hast, ist Ehrlichkeit für einen Spitzenpolitiker der Todesstoß." Und dann sagt er, und es klingt fast wie ein Hilferuf: "Aber das ist doch unmenschlich – weil doch jeder Mensch seine Schwächephasen hat."
Beck hat die Erfahrung gemacht, dass kleinere Erkrankungen bei Politikern nur dann kein Problem sind, wenn es bei den Amtsgeschäften einigermaßen läuft. Aber wehe, es gibt gleichzeitig harsche Medienkommentare oder Grummeleien in der Partei. Dann wird die Krankheit zum Symbol der Schwäche. Und sie bringt den Betroffenen an seine Grenze: "Auf einmal merkst du, wie leer die Batterien sind", sagt Beck.
Beck hat es erlebt, als er 2008 als Parteivorsitzender in einem Hintergrundgespräch mit Journalisten über mögliche Koalitionen in Hessen spekulierte. Der Inhalt des Gesprächs wurde öffentlich, Beck geriet unter Druck. Zu Hause belagerten Medienleute seine Wohnungen in Mainz und Steinfeld, sein greiser Vater mochte das Haus nicht mehr verlassen.
Beck wollte sich wehren, wurde aber von einer Mandelentzündung und hohem Fieber geplagt. "Ich habe mich nicht ins Krankenhaus getraut", bekennt Kurt Beck heute; ein befreundeter Facharzt kam unerkannt zu ihm nach Hause. Beck beschreibt seine damalige Not so: "Du bist am Ende deiner Kräfte, darfst dir aber keine Schwäche erlauben, sonst steht sofort die Frage im Raum: Wie lange macht er es denn noch? Ist das der Anfang vom Ende?"
Wahrscheinlich würde es Politikern schon helfen, wenn ihnen ein paar Tage Erholung gegönnt würden. Aber wie soll das gehen, wenn die Augen der ganzen Welt auf einen gerichtet sind? Noch vor ein paar Jahrzehnten war es selbst US-Präsidenten möglich, ihre Gebrechen vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
Franklin D. Roosevelt litt an Kinderlähmung und führte die USA dennoch durch den Zweiten Weltkrieg. John F. Kennedy litt unter extremen Rückenschmerzen und lief zeitweise nur an Krücken. Dennoch meisterte er die Kubakrise, in der die Welt am Rande eines Atomkriegs stand. Aber sowohl Roosevelt als auch Kennedy schafften es, Bilder der Schwäche weitgehend aus der Presse herauszuhalten. "Hätte die Nation gewusst, wie krank Kennedy wirklich war, wäre er nie Präsident geworden", sagte sein Biograf Robert Dallek.
Hillary Clintons Schicksal wird jetzt auch davon abhängen, dass sie, obwohl sie sich kaum auskurieren konnte, keinen Rückfall bekommt. Die Öffentlichkeit hat nicht mehr die Geduld wie zu Zeiten Adenauers, der sich mindestens zweimal im Jahr für mehrere Wochen ins italienische Cadenabbia zurückzog.
In seinen späten Amtsjahren litt der Alte häufig an einem fiebrigen Katarrh, und er hatte das Gefühl, die Luft am Comer See tue seinen Bronchien gut. Der greise Kanzler genoss es aber auch, der Bonner Hektik zu entfliehen. 1958 schickte er seinem Fraktionschef Heinrich Krone einen Brief aus dem Italienurlaub: "Ich könnte nicht sagen, dass ich ein dringendes Verlangen nach Arbeit habe", schrieb der 82-jährige Kanzler. "Im Gegenteil: Der Arbeitsdrang der ersten Woche ist sehr stark abgeflaut."
Von Christiane Hoffmann, Horand Knaup, Alexander Neubacher, Ralf Neukirch und René Pfister

DER SPIEGEL 38/2016
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