17.09.2016

AmokTöten wie Dylan

Sue Klebolds Sohn Dylan war einer der Attentäter des Schulmassakers von Columbine 1999. Er wurde zum Vorbild für Nachahmungstäter wie David Sonboly, den Täter von München. Oder für John LaDue, der gerade noch gestoppt werden konnte. Von Philipp Oehmke
Zwei Wochen nachdem ihr Sohn Dylan am 20. April 1999 um sieben Uhr morgens das Haus heimlich verlassen hatte, um wenige Stunden später zwölf Mitschüler, einen Lehrer sowie schließlich sich selbst zu töten, sah Sue Klebold ihren Sohn auf dem Titelbild der Zeitschrift "Time" wieder. Unter seinem Foto und dem seines Komplizen Eric Harris stand: "Die Monster von nebenan".
Etwas unschlüssig steht sie in der Lobby eines Hotels in Denver, eine Dame mit grauer Kurzhaarfrisur und Funktionsjacke. Sie knetet ihre Finger, es ist ein Freitag Ende März, fast 17 Jahre nach der Tat. Manchmal, so sagt sie später, denke sie noch immer, dass die Leute ihr ansehen können, wofür Dylan verantwortlich war.
Es war ihr Sohn, der zusammen mit seinem Freund Eric Harris die bis heute gültige Blaupause für die Schulamokläufe der folgenden Jahre lieferte. 32 Tote an der Universität Virginia Tech 2007, 5 Tote an der Northern Illinois University 2008, 26 Tote an der Sandy-Hook-Schule 2012: Von den zwölf in den ersten Jahren nach Columbine folgenden großen Schulamokläufen in den USA waren acht offen deklarierte Varianten von Columbine. In Deutschland bezeichnete Sebastian Bosse, der 2006 in seiner ehemaligen Schule in Emsdetten Amok lief, Eric Harris als "Gott". Und auch von David Sonboly, dem Attentäter von München, der am 22. Juli dieses Jahres neun Menschen erschoss, weiß man, dass er die Taten und Lebensläufe von Klebold und Harris studiert hatte, um sich an ihnen zu orientieren.
Klebold und Harris hatten auf der Höhe des Internetbooms der späten Neunzigerjahre nach langer Planung herausgefunden, wie sich ein ursprünglich reiner Gewaltakt in eine Botschaft an die Welt verwandeln ließe, in ein global verstandenes popkulturelles Zeichen, das sie selbst zu den ersten Celebrity-Amokläufern machen würde.
Sie produzierten Videos, in denen sie mit selbst erdachten Alter Egos auftraten (später "The Basement Tapes" genannt), sie schrieben Tagebücher und Manifeste ("The Columbine Diaries"), erfanden eine Ästhetik (lange schwarze Trenchcoats, verkehrt herum getragene Baseballkappen) und entwarfen einen kulturellen Bezugsrahmen für ihre Tat (Deutsche Technomusik, Oliver Stones Film "Natural Born Killers").
Columbine ist die Mutter aller Schulmassaker. Und Sue Klebold ist die Mutter eines der Täter.
Klebold hat die vergangenen 17 Jahre dem Versuch gewidmet, zu verstehen, wie ein aussichtsreiches Leben derart entgleisen, in einer solchen Katastrophe enden konnte. Sie war auf Konferenzen und ist zu Psychologen gereist, zu Neurobiologen, zu Gewaltforschern und Polizeiwissenschaftlern. Sie hat Dylans Freunde befragt und die Verwandten. Sie hat das eigene Familienleben durchleuchtet wie eine Forensikerin, hat Fotos und Tagebucheinträge nach Hinweisen untersucht. Ihre Ergebnisse hat sie nun in dem Buch "Liebe ist nicht genug" zusammengefasst(**); und die zentrale, schmerzhafte Frage, die über dem Buch schwebt, lautet: Wie konnte sie als Mutter nicht merken, dass ihr Sohn seit Jahren unglücklich war, dass er ein Doppelleben führte, einen Selbstmord und einen Massenmord plante?
"Diese Frage hat mich fast selbst getötet", sagt sie.
Es ist eines ihrer ersten Interviews. Ein paar Tage zuvor ist sie im Fernsehen gewesen, in der Sendung der Beicht-Talkmasterin Diane Sawyer auf ABC. Es ist nicht gut gelaufen. Sie hat während der Sendung geweint und auch die darauffolgenden Tage.
Wenn ein Kind stirbt, ist das grauenvoll genug, aber es bleiben wenigstens die Er-
innerungen. Wenn ein Kind stirbt, das offensichtlich nicht das Kind war, für das die Eltern es gehalten haben, fühlen sich auch die Erinnerungen falsch an.
Es ist ihr Geburtstag an diesem Tag in Denver, ihr 67., sie sieht jünger aus. Jedes Jahr, sagt sie, müsse sie an ihrem Geburtstag an den vor 17 Jahren denken.
"Es war mein 50. damals, drei Wochen bevor Dylan sich morgens um sieben aus dem Haus schlich und nie wiederkam." Abends waren sie essen gegangen, und auch Dylan war gekommen und der ältere Sohn Byron. Dylan und Byron: Sie hatten ihre Söhne nach britischen Dichtern benannt, Lord Byron und Dylan Thomas. Beim Essen habe Dylan sich, wie häufig in Gesellschaft, unwohl gefühlt. Er war in sich gekehrt, aber höflich. Sie war an diesem Abend so froh gewesen, wie man nur sein könne, schrieb sie in ihr Tagebuch. Auf den Fotos des Abends, die sie erst nach dem Massaker sah, glaubt Sue Klebold später zu erkennen, wie angespannt ihr Sohn wirkte.
Ein Jahr zuvor waren sie verhaftet worden, er und Eric Harris. Die 16-Jährigen hatten ein Auto aufgebrochen und mussten ein Resozialisierungsprogramm durchlaufen, aus dem sie wegen vorbildlichen Verhaltens vorzeitig entlassen wurden.
Sue Klebold glaubte, Dylan habe die Kurve gekriegt. Sie hatten bereits einen Trip nach Arizona geplant mit ihrem Sohn, um sich Universitäten für Dylan anzusehen. Dass er kurz zuvor einen gewaltverherrlichenden Aufsatz geschrieben hatte, woraufhin die Lehrerin Sue alarmierte, hatte sie als Pubertätsgehabe verbucht. Auch den Mantel, den Dylan sich zu Weihnachten gewünscht hatte, fand sie nicht weiter schlimm, wenn auch sehr hässlich, einen langen schwarzen Trenchcoat. Er wird später auf den Überwachungskamera-Aufnahmen vom Amoklauf zu sehen sein.
Bewegte sich irgendetwas davon jenseits normaler jugendlicher Rebellion, jenseits von Leichtsinn oder schlicht Pubertät? Macht all das Dylan Klebold zu einem typischen künftigen Schulamokläufer?
Seit Columbine bemüht sich die Forschung verstärkt, die Psyche der Täter von Schulmassakern zu begreifen. Würde es gelingen, eine Typologie zu erstellen, ließen sich vielleicht Massaker im Vorfeld verhindern. Doch wenn man sich die Täter anschaut, bleibt als Erkenntnis kaum mehr als dieses: Der typische Schulamokläufer ist ein junger, weißer Mann und fast immer Amerikaner. Darüber hinaus ist es schwierig, irgendein Muster zu erkennen.
Sue Klebold hatte zum Beispiel gar nicht gewusst, dass ihr Sohn eine Art Tagebuch führte. Erst seit sie es gelesen hat, weiß sie, dass ihr Sohn schon lange vorhatte, Selbstmord zu begehen. Dass er wahrscheinlich unter Depressionen litt.
In Eric Harris wiederum, der ebenfalls ausführliche Aufzeichnungen hinterlassen hat, erkannten Gutachter einen klassischen Psychopathen. Er war charmant, anziehend und manipulativ, besessen von Weltherrschafts-, Sadismus- und Vergewaltigungsfantasien und frei von Mitgefühl. Seine Motive für die Tat lagen also völlig anders als die von Dylan Klebold.
Eric wollte andere töten, Dylan eigentlich nur sich selbst.
Adam Lanza hingegen, der 2012 zunächst seine Mutter, dann 20 Grundschüler und 6 Angestellte der Sandy Hook Elementary School in Connecticut tötete, war immer ein schwieriges Kind gewesen. Als er 13 war, diagnostizierten die Ärzte bei ihm das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus. Doch im Bericht der Staatsanwaltschaft steht, dass keiner seiner Therapeuten Anzeichen für sein künftiges Verhalten erkannt hat. Das Problem Sue Klebolds, der Ermittler, aber auch der Psychologen und Amoklaufforscher besteht darin, dass sie die Täter meist nicht mehr befragen können: Adam Lanza hat sich, wie Dylan Klebold, Eric Harris und fast alle anderen Amokläufer auch, am Ende selbst umgebracht.
Deswegen war es ein doppelter Glücksfall, als drei Polizeibeamte am 29. April 2014 in Waseca, Minnesota, einen Teenager namens John LaDue in einem Lagerraum überraschten, umgeben von Munitionsschachteln und unfertigen Bomben. Ein Glücksfall für dessen Mitschüler, weil LaDue in den Vorbereitungen für einen Schulamoklauf steckte. Und ein Glücksfall für die Forschung, weil sich aus den späteren Vernehmungen des Jungen tiefere Einblicke in die Seele eines Schulattentäters gewinnen ließen. Antworten aus erster Hand, nach denen auch Sue Klebold sucht und die sie von ihrem Sohn nicht erhalten kann.
In den Gerichtsunterlagen zu John LaDue finden sich die Abschriften zweier mehrstündiger Verhöre. LaDue scheint das Gespräch zu genießen. Er betrachtet es als Austausch unter Experten über Bomben, Waffen, Angriffstaktiken.
LaDue erzählt den Polizisten, dass sich in dem Lagerraum, in dem man ihn antraf, noch viel mehr befinde, ein Dampfkochtopf zum Beispiel, den er mit Metallkugeln laden wolle, um so eine ähnliche Bombe zu schaffen, wie sie auch die Boston-Marathon-Attentäter verwendet haben. Ebenfalls nicht entdeckt hätten die Polizisten Rohre für die Rohrbomben, sieben Kilogramm Kaliumperchlorat sowie Magnesiumband und Eisenoxid, woraus er Thermit herstellen wolle, das, wie er meint, "bei 5000 Grad Celsius verbrennt".
Der Polizist fragt John LaDue, was er denn genau vorgehabt habe.
"Okay", sagt LaDue. "Mein Plan war, irgendwann vor Ende des Schuljahres eine Recycling-Tonne in der Schule zu stehlen und eine meiner Dampfkochtopfbomben darin im Schulflur hochgehen zu lassen. Wenn die Leute fliehen, wollte ich an den Fluchtwegen weitere Bomben zur Explosion bringen, genau wie die Bostoner Attentäter. Daraufhin wollte ich selbst reingehen und die Molotowcocktails und Rohrbomben schmeißen und jeden zerstören, und wenn das mobile Einsatzkommando kommt, hätte ich mich selbst zerstört."
Aber was habe ihn dazu gebracht?
"Also erst mal, ich wurde nicht gegängelt. Ich habe gute Eltern. Ich lebe in einer guten Stadt. Ich glaube, ich bin einfach psychisch richtig krank. Und niemandem ist es aufgefallen."
Ob er sich auch selbst habe umbringen wollen?
"Ich hatte nicht vor, diesen Tag zu überleben, ich wollte aber auch kein Feigling sein wie all die anderen, wie Adam Lanza, der sich selbst erschossen hat. Ich wollte vom Einsatzkommando erledigt werden, um zu zeigen, dass ich die Auseinandersetzung auf Augenhöhe mit Einsatzkräften nicht scheue."
"Hast du Geschwister?"
"Eine Schwester. Sie ist ein Jahr älter."
"Und du hättest dein Ding gemacht, während auch sie in der Schule gewesen wäre?"
"Ach so. Ich habe ein Detail vergessen zu erwähnen. Ich hatte geplant, meine Familie vorher zu beseitigen."
"Was haben sie getan?"
"Sie haben nichts falsch gemacht. Ich wollte bloß so viele Opfer wie möglich."
Dieser 17-Jährige hatte sich offenbar fast schon wissenschaftlich mit diversen vorherigen Schulmassakern auseinandergesetzt. An den meisten Amokläufen hatte er Kritik, aber er bewunderte, wenn eine Tat taktisch und logistisch gekonnt ausgeführt worden war. "Ziemlich beeindruckend", sagte LaDue dann. Auch für ihn war Columbine das Vorbild, und Dylan Klebold und Eric Harris waren seine Helden.
Als die Polizisten zu John LaDues Eltern fuhren, hatten sich diese schon Sorgen gemacht. John komme nie nach neun Uhr nach Hause. Und als sie den Eltern mitteilten, dass ihr Sohn vorgehabt habe, die ganze Familie mit einem Gewehr mit Kaliber 5,6 Millimeter zu töten, schüttelte der Vater David LaDue den Kopf: Es sei ihm unbegreiflich, dass so etwas "an ihm vorbeigeslippt" sein könne. Außerdem wisse er auch nicht, ob sie überhaupt noch Kaliber 5,6 Millimeter im Haus hätten.
Wieder beginnt die Suche nach Erklärungen, im Ausschlussverfahren.
Bei seinem Sohn, sagt der Vater, seien nie Depressionen oder eine andere psychische Störung diagnostiziert worden, nie habe er irgendwelche Medikamente nehmen müssen. Als wäre es nichts, berichtet der Vater dann dem Polizisten, sein Sohn habe einen Vorderlader, eine Schrotflinte, einen SKS-Karabiner sowie ein weiteres Gewehr in seinem Zimmer, außerdem eine Pistole, die aber nicht funktioniert habe und die er seinem Sohn zu Weihnachten habe reparieren lassen. Bei der Suche nach Gründen ist viel von äußeren Einflüssen wie Popmusik und Videospielen die Rede. Wenig aber davon, dass John LaDue in einem Haushalt aufwächst, in dem sich mindestens vier Schusswaffen im Kinderzimmer eines 17-Jährigen befinden und sich der Vater nicht wundert, wenn die Post Päckchen mit Sprengpulver liefert, die der Sohn im Internet bestellt hat.
Ist es die Schuld der Eltern, wenn das Kind zum Mörder wird? Als der Autor und Psychiatriedozent Andrew Solomon Sue Klebold und ihren Mann Tom 2005 zum ersten Mal besuchte, erwartete er, auf Eltern zu treffen, deren Erziehungsfehler er als Fachmann schnell erkennen würde.
Westliche Gesellschaften glauben an die Unschuld des Kindes und daran, dass die Kinder nicht als Kriminelle geboren werden, sondern die Eltern sie erst zu solchen machen, durch ihre Nachlässigkeit, ihre Faulheit, die eigenen Seelenschäden, durch Stress oder Suchtprobleme. Denn wäre es nicht die Schuld der Eltern, wessen Schuld wäre es dann? Dann könnte es plötzlich jedem passieren, dass das eigene Kind zum Mörder wird.
Solomon, so schreibt er es im Vorwort zu Klebolds Buch, erkannte keine Fehler bei den Eltern, er mochte sie sogar. Und so kam er "zu dem Schluss, dass der Horror des Columbine-Massakers aus jedem Zuhause hätte entspringen können".
Als Dylan ein Kind war, nannte Sue Klebold ihn "Sunshine Boy", weil ihm alles leichtzufallen schien. Dylan spielte Baseball und gewann am Ende der achten Klasse eine Auszeichnung in Mathematik.
Eric Harris hatte diese Auszeichnung ebenfalls erhalten, er war gerade erst nach Littleton gezogen, nachdem sein Vater als Offizier der U. S. Air Force pensioniert worden war. Sie gingen zum Bowling, spielten Computerspiele und guckten "tonnenweise Videofilme", darunter auch Oliver Stones "Natural Born Killers".
Wie LaDue fand auch Dylan, er komme aus einer intakten Familie. Als Eric Harris in den "Basement Tapes" anregt, dass beide über ihre Eltern schimpfen, flüstert Dylan: "Meine Eltern waren gut zu mir. Ich möchte da nicht rumwühlen."
Lange war Sue Klebold überzeugt, ihr Sohn könne nicht freiwillig an den Morden teilgenommen haben. Das hörte erst auf, als ihr die Ermittler sechs Monate nach dem Amoklauf die "Basement Tapes" zeigten. Sue Klebold sagt, auf den Videoaufnahmen habe sie ihren Sohn gesehen, wie sie ihn sich nie hätte vorstellen können. Großkotzig, menschenverachtend, voller Tötungsfantasien. In dieser Welt hieß ihr Sohn nicht Dylan, sondern "VoDka", oder einfach nur "V".
Auf den Bändern war jener Dylan zu sehen, wie ihn auch manche seiner Mitschüler kannten, wie Brooks Brown, der später in einem Buch versucht hat, die Taten seiner Freunde zu begreifen. Dylan trank, er rauchte und ließ meistens den Unterricht ausfallen. Nachts ging er mit Eric auf "Rebel Missions", bei denen sie kleine vandalistische Akte begingen oder selbst gebastelte Sprengsätze testeten.
Dieses zweite Leben ihres Sohnes kommt bei Sue Klebold kaum oder nur am Rande vor. Sie kann nur über das Kind schreiben, das sie kannte. Auch wenn sie ahnt, dass dieses Bild nicht die ganze Wahrheit sein kann.
Sie schreibt: "Es schmerzt mich, dass es Dylan so leicht gelang, die Wahrheit über seinen Schulalltag vor mir zu verbergen. Ich träume immer noch davon, wie ich sein heimliches Leid entdecke. In einem dieser Träume ist er noch ein Kleinkind, und ich ziehe ihn aus, um ihn zu baden. Als ich ihm das Shirt über den Kopf ziehe, sehe ich, dass sein ganzer Oberkörper mit einem blutigen Netz von Schnitten überzogen ist. Noch heute, während ich dies zu Papier bringe, kommen mir die Tränen."
Die Version, das Bild ihres Sohnes, mit dem Sue Klebold in all den Jahren neu gelernt hat zu leben, beruht auf drei Erkenntnissen. Erstens: Ihr Sohn litt unter Depressionen, die nicht erkannt wurden. Zweitens, der entscheidende Aspekt seiner Tat war der Selbstmord, über den er seit Jahren in seinem Tagebuch geschrieben hatte. Und drittens: Es ist unmöglich, sein eigenes Kind zu kennen, wenn das Kind beschlossen hat, sich zu verstellen. Der böse Fremde, den man immer in seinen Urängsten gefürchtet hat, könnte das eigene Kind sein, so fasst es Andrew Solomon zusammen.
Anfang Mai dieses Jahres ist John LaDue, inzwischen 19 Jahre alt, wieder nach Hause gekommen. Die letzten zwei Jahre hat er im Jugendarrest, in Untersuchungshaft und unter psychiatrischer Beobachtung verbracht, während der Prozess gegen ihn lief. Am Ende hat John LaDue sich des Besitzes von Sprengstoff schuldig bekannt. Die dafür vorgesehene Haftstrafe gilt durch seine Zeit in Untersuchungshaft als abgesessen.
Im Prozess haben drei psychologische Gutachter ausgesagt. Alle stellten fest, dass LaDue unter dem Asperger-Syndrom litt, der gleichen Krankheit, die auch beim Sandy-Hook-Attentäter Adam Lanza diagnostiziert wurde. Das schien zu passen: Der Mangel an Empathie, die Fixierung auf Rationalisierung und eine gewisse intellektuelle Überheblichkeit, die LaDue in Gesprächen zeigte, können eine Folge von Asperger sein.
Doch bald stürzte auch diese Gewissheit wieder ein. Die letzten Monate vor seiner Entlassung hat LaDue unter einer psychologischen Rundumüberwachung des Staates Minnesota verbracht. Es sollte festgestellt werden, ob er noch eine Bedrohung darstellt. Überraschenderweise haben die Ärzte dabei die Asperger-Diagnose zurückgenommen. LaDue habe eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, er habe außerdem unter einer schweren Depression gelitten, die aber inzwischen abgeklungen sei. Die zuständige Staatsanwältin Brenda Miller zeigte sich besorgt über LaDues Freilassung und die revidierte Diagnose. Denn was wissen wir jetzt überhaupt noch?
"Viele Teenager leiden unter Depressionen, aber nur sehr wenige zeigen diese Art von Verhalten", sagte Miller nach dem finalen Gerichtstermin. Die psychologische Gutachterin des Prozesses habe ihr gesagt, sie habe "Bedenken, dass die Depression allein sein Verhalten nicht erklärt". Die Experten haben das gleiche Problem, mit dem auch Sue Klebold seit 17 Jahren kämpft. Es scheint keine externe Erklärung für die Taten und das Verhalten dieser Kinder zu geben.
Der amerikanische Psychologe Peter Langman, der in seinem Buch "Why Kids Kill" verschiedene Amokläufertypen einschließlich Harris und Klebold untersucht hat, kommt zu dem Schluss, dass es keine verlässlichen Indikatoren für einen Amoklauf gibt. Den Eltern Klebold – und vor allem LaDue – würde er raten: "Know your Kids", kennt eure Kinder, guckt nicht weg.
Denn auch der Attentäter selbst, so er denn überlebt oder an der Tat gehindert wird wie John LaDue, scheint im Nachhinein das eigene Verhalten nicht rationalisieren zu können. Das zeigt ein Brief, den John LaDue ein paar Wochen nach seiner Freilassung an die Lokalzeitung geschickt hat. Er wollte sich erklären: "Ich hatte das verzerrte Verlangen nach Größe. Ich dachte, groß würde bedeuten, ein Herrscher zu sein, jemand, der über anderen steht in seinen Fähigkeiten. Meine Obsession hat mich dazu getrieben, gewalttätig zu sein, ich wollte andere dominieren und ein Eroberer sein."
John LaDue hat seine Therapie beendet. Er sagt, er könne sich selbst besser therapieren. Er, der vor zwei Jahren noch Rohrbomben zusammengebaut hat, beginnt jetzt eine Ausbildung zum Schweißer. Anschließend will er Rohrleger werden. Twitter: @oehmke

Der böse Fremde, den man in seinen Urängsten fürchtet, könnte das eigene Kind sein.

Über den Autor

Philipp Oehmke, Jahrgang 1974, begann vor 20 Jahren bei "Tempo", studierte in Hamburg und den USA und wurde dann Redakteur beim "Süddeutsche Zeitung Magazin". Seit 2006 ist er beim SPIEGEL, derzeit als Korrespondent in New York.
Twitter: @oehmke
* Videostandbild aus einem Schulprojekt, Dezember 1998.
** Sue Klebold: "Liebe ist nicht genug – Ich bin die Mutter eines Amokläufers". Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main; 432 Seiten; 16,99 Euro. Erscheint am 22. September.
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 38/2016
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