24.09.2016

KolumbienSchüsse in den Rücken

Der Präsident und die Guerilla Farc wollen Frieden schließen – aber dieser Frieden hat viele Feinde.
Er kam ganz in Weiß, um für den Frieden zu werben. Auf seiner Brust prangte eine Friedenstaube, und der Präsident hielt seine Rede vor zwei Wochen dort, wo der Krieg besonders furchtbar gewütet hatte: in Apartadó im heißen Nordwesten Kolumbiens. Jahrzehntelang hatten die linke Guerilla Farc, rechte Paramilitärs und Drogenbanden dort um die Vorherrschaft gekämpft. Tausende wurden ermordet, ganze Ortschaften vernichtet. Nun aber, so Kolumbiens konservativer Regierungschef Juan Manuel Santos, könne alles gut werden. Frieden solle einkehren, es sollen Schulen gebaut werden, den Bauern werde geholfen, Kolumbien werde ein normales Land – wenn die Menschen es wollen und mit Ja stimmen.
Am kommenden Montag will Santos in Cartagena das Friedensabkommen mit den Farc unterschreiben, sechs Tage später soll die Regierung das Dokument zur Volksabstimmung vorlegen. Die Kolumbianer können dann entscheiden, ob sie das Vertragswerk annehmen.
Es ist ein historischer Moment in der Geschichte Südamerikas. Seit mehr als 50 Jahren kämpfen die Farc in den Bergen und im Dschungel Kolumbiens den längsten Guerillakrieg des Kontinents. Rund 220 000 Menschen starben, mehr als fünf Millionen flüchteten vor der Gewalt.
Vier Jahre lang haben Regierungsvertreter und eine Delegation der Farc-Kommandeure in Havanna verhandelt; in kritischen Momenten halfen der Papst und Fidel Castro. Zur Unterzeichnung des Abkommens werden der Uno-Generalsekretär, US-Außenminister John Kerry und 14 Staatschefs in Cartagena erwartet. Juristen feiern das Vertragswerk als Modell für Friedensprozesse in der ganzen Welt, Santos könne den Friedensnobelpreis bekommen, glauben manche.
Doch in Kolumbien ist von Euphorie wenig zu spüren. Viele wollen wohl der Abstimmung fernbleiben. Deshalb ist Santos seit Wochen auf Friedensmission im Land unterwegs. Aber als die Zuschauer nach seiner Rede in Apartadó aufstehen, zischt einer aus dem Publikum: "Vergesst diese Show, redet mit den Leuten!"
Selbst wenn die Kolumbianer den Vertrag bestätigen sollten, an den Frieden glaubt kaum jemand. Denn der Kampf um das Erbe der Farc hat begonnen. Wer übernimmt die Macht in den Kriegsgebieten? Sind Militär und Polizei stark genug, um zu verhindern, dass andere Rebellen sich breitmachen? Werden die Farc wirklich alle Waffen abgeben?
Überall im Land bilden sich neue bewaffnete Gruppen. Und alte Konkurrenzorganisationen wie die marxistische Guerilla ELN erhalten verstärkt Zulauf.
Viele Kolumbianer wollen zudem nicht akzeptieren, dass die meisten Farc-Kämpfer nun – so sieht es der Friedensvertrag vor – praktisch amnestiert werden und auch noch politischen Einfluss bekommen: "Die Farc sind das größte Drogenkartell der Welt", tönt Santos' Amtsvorgänger Álvaro Uribe. "Aber sie müssen nicht ins Gefängnis, der Staat ermöglicht ihnen sogar den Einzug in den Kongress."
Uribe ist der Wortführer des "No"-Lagers, das gegen den Vertrag kämpft. Im Volk ist er beliebter als Santos. Während seiner Amtszeit bekämpfte er die Farc erbarmunglos. Santos hingegen verkündete nach seinem Wahlsieg die Aufnahme von Friedensgesprächen.
"Das Duell zwischen Santos und Uribe spaltet die Gesellschaft", sagt Ángela Giraldo. "Die Einberufung des Plebiszits war ein Fehler, sie hat den Streit um den Frieden politisiert." Die Zahnärztin aus Cali ist eine Symbolfigur für die Opfer des Konflikts und ihre Angehörigen.
Ihr Bruder starb im Krieg. Der junge Mann war Abgeordneter im Regionalparlament von Cali. 2007 ermordete die Guerilla ihn mit mehreren Schüssen in den Rücken. Verantwortlich wurde Kommandeur Pablo Catatumbo gemacht, einer der Verhandlungsführer der Farc in Havanna.
Das Friedensabkommen sieht vor, dass Kriegsverbrecher, wenn sie geständig sind, nur mit einer "Beschränkung der Fortbewegungsfreiheit" für bis zu acht Jahre bestraft werden – eine schwammige Formel, die Farc-Leute vor allem vor dem Zugriff des Internationalen Strafgerichtshofs schützen soll.
Ángela Giraldo wird trotzdem mit "Sí" stimmen. Zweimal war sie mit einer Delegation in Havanna, beide Male traf sie sich mit Pablo Catatumbo: "Ich habe ihn für den Tod meines Bruders verantwortlich gemacht. Er sah mir in die Augen und bekannte: Alles, was du gesagt hast, ist wahr. Es hätte nie geschehen sollen."
Doch nicht alle Farc-Kämpfer zeigen Reue. Die Kleinstadt Toribío war immer besonders umkämpft, Hunderte Gefechte gab es dort, 14-mal nahmen die Farc Toribío ein. Vor drei Wochen tauchten auf Hauswänden dann die ersten Graffiti der ELN auf. Die Rebellentruppe, die etwa 2000 Mann unter Waffen haben soll, war in der Region bislang nicht präsent.
Die Indigenen wollen ihren Ort verteidigen. Edgar Tumiña gehört zu den jungen Männern, die Tag und Nacht Patrouille gehen. Sein Bruder starb einst bei einem Angriff der Farc, Edgar wurde von einer Kugel am Handgelenk verletzt.
Vor drei Wochen stieß er bei einem seiner Rundgänge zum ersten Mal auf Guerilleros der ELN. "Ich kannte sie, sie gehörten früher zu den Farc", sagt er. Sie hatten nur ihre Uniformen gewechselt.

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Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 39/2016
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