01.10.2016

HomestorySuperhits der Achtziger

Die einen haben Lieblingslieder, die anderen Musikgeschmack.
Neulich fuhren wir mit der Kita-Gruppe meines Sohnes auf einen Bauernhof. Es war ein Ausflug mit Übernachtung, damit sich die Eltern besser kennenlernen. Es gab Traktorfahrten, Ponyreiten und später, als die Kinder allein spielten, machten die Erwachsenen einen Ausflug in die Pubertät. Wir spielten nicht Flaschendrehen, das wäre nett gewesen. Wir taten etwas Schlimmeres.
Wir hörten Musik.
Jemand hatte einen Lautsprecher dabei, den man an ein iPhone anschließen kann. Die Idee kam auf, dass jeder reihum einen Song aus seiner Playlist vorspielen solle. Eine gute Idee. Sehr gut sogar, wenn man Musikgeschmack hat. Leider habe ich keinen.
Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass es in unserer Kita eine Art Promi gibt. Der Vater einer Tochter ist der Chef einer bekannten Indie-Band aus den Neunzigern. Mein Freund, der sich auskennt, sagt, die Band sei ein "Wegbereiter des Postrock" gewesen. Das sagt mir gar nichts, sie könnten von mir aus auch Wegbereiter einer Meningoenzephalitis sein. Aber Musikkenner wie mein Freund reden gern von Wegbereitern, und dabei nicken sie dann wissend.
Der Indie-Band-Mann jedenfalls und seine Frau sind objektiv cool. Sie ist Französin, er Brite, die Tochter wächst dreisprachig auf, sie haben in ihrer Wohnung Tausende LP, und wenn sie einen Film schauen, dann so was wie "Daft Punk's Electroma".
An diesem Abend auf dem brandenburgischen Bauernhof also, während die Kinder Hühner jagten, kam dieser Vorschlag, dass jeder einen Song vorstellen solle. Er kam ausgerechnet von der Französin.
Es ist nicht so, dass ich Musik nicht mag. Ich kenne mich nur überhaupt nicht aus. Ich kenne die Sachen, die in den letzten 20 Jahren im Radio liefen. Ende. Ich kenne keine ganzen Alben, sondern meist nur einen Hit. Manchmal kenne ich nur Cover-Versionen und habe von den Originalen noch nie gehört. Ich kenne Bands nur dann, wenn sie schon erfolgreich sind oder waren. Ich bin der Mensch, für den Radiosender den Slogan "Die Superhits der Achtziger, Neunziger und das Beste von heute" erfunden haben. Ich habe so eine Art Grauen Star für Musik. Alles, was groß und präsent ist, erkenne ich. Für den Rest bin ich blind.
Richtig bewusst wurde mir das mit 14. Unser Musiklehrer wollte, dass jeder sein Lieblingslied in den Unterricht mitbringt, damit wir eine Stunde lang Musik hören können. Er hat es sicher gut gemeint. Aber mein Lieblingslied war damals "Listen to Your Heart" von Roxette. Mein zweites Lieblingslied war "It Must Have Been Love" von Roxette. Dann mochte ich noch Westernhagen, ich hatte eine Kuschelrock-Kassette und eine Tracy-Chapman-Platte, die meine Schwester bei ihrem Auszug zu Hause vergessen hatte.
Nichts davon hätte man einer Horde 14-Jähriger präsentieren können, die Ramones hörten und NirvanaT-Shirts trugen.
Ich fragte meinen Vater um Rat, er versuchte, mir zu helfen. Er habe eine Idee. Er habe sich gerade eine ganz aktuelle Scheibe gekauft. "Carmina Burana", eingesungen von fränkischen Mönchen. Es muss in den Genen liegen.
Seither verstecke ich mich, wenn es um Musik geht. Wenn ich gezwungen bin, doch darüber zu reden, sage ich: "Ich mag XY, aber nur die frühen Sachen." Das scheint immer Musiksachverstand zu signalisieren. Nur bei wirklich inakzeptabler Musik muss man vorsichtig sein. "Ich mag Helene Fischer, aber nur die frühen Sachen" geht nicht.
An diesem Abend auf dem Bauernhof war es schwer, sich zu verstecken, denn es wurden Fakten geschaffen. Diese alte Grenze aus der Kindheit zwischen cool und nicht cool war wieder da, wahrscheinlich war sie nie weg gewesen.
Die Frau des Indie-Band-Manns fing an. Sie suchte ein Lied aus, das sehr gut klang und mir gar nichts sagte. "Oh, die Breeders", sagte jemand anerkennend. Mutter Nummer zwei spielte MC Hammer, der gut ankam, allerdings vor allem, weil sie dazu tanzen konnte wie der junge MC Hammer selbst.
Ich hingegen machte einen großen Fehler. Justin Timberlake. Die Indie-Band-Ehefrau sah mich milde an, weil wir uns mögen. Aber weil sie Musik liebt, entfuhr ihr: "Nun ja. Mainstream."
Ein Kollege erzählte mir, dass Vögel, solange sie noch nicht geschlechtsreif sind, verschiedene Melodien singen. Erst eine erwachsene Amsel legt sich fest, klingt fortan wie eine Amsel und ignoriert Finken für ihr Piepen, das sie vor wenigen Wochen noch mochte.
Ich glaube, in Sachen Musik sind die Menschen, jedenfalls diejenigen, die ich kenne, wie Vögel. Wer sich sicher ist, welche Musik er mag und welche nicht, gilt als gefestigt und erwachsen. Wenn es dann noch Musik ist, die nicht jeder kennt, hat er sich seinen Geschmack hart erarbeitet und ist somit anti-establishment und cool.
Ich habe es in 37 Jahren nicht geschafft, anti-establishment und cool zu sein. Inzwischen wäre es ein Fulltime-Job für mich. Ich müsste kündigen und nur noch Musik hören. Ich lasse es lieber und mach weiter wie immer. Wenn im Radio "Time of My Life" läuft, drehe ich es laut. Zum Schreiben höre ich den Soundtrack von Twilight. Und ich liebe Michael Jackson. Vor allem die ganz späten Sachen.
Von Britta Stuff

DER SPIEGEL 40/2016
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