01.10.2016

DichterDer Ein-Mann-Deutschlandroman

Sein Leben ist viel zu groß für einen einzelnen Menschen: Nun wird Wolf Biermann 80 und legt seine Autobiografie vor.
Die entscheidende Frage, die stellt er sich gleich selbst: "Wie kommt es, dass ich kleiner, asthmatischer Mensch mit meinen kurzen Beinen in diese Heldenrolle reingeraten bin?", fragt sich der weißhaarige Schnauzbartträger am Tisch in der Kantine des Berliner Ensembles. Ja. Wie konnte das passieren? Dass Wolf Biermann zu jenem Dichter und Sänger wurde, der die DDR ins Wanken brachte?
Wolf Biermann hat sein Leben aufgeschrieben. Seine Autobiografie heißt "Warte nicht auf bessre Zeiten!", und dass sie nur etwas mehr als 500 Seiten hat, das nennt Biermann an diesem Nachmittag in Berlin abwechselnd "einen Witz", "verrückt" oder "lächerlich", 10 000 Seiten hätte das Buch haben müssen, sagt er. Und das klingt bei einem Mann, über dessen Leben die Staatssicherheit der DDR einen Aktenberg von mehr als 30 000 Seiten aufgeschichtet hat, nicht einmal nach Hybris.
Es ist ein großer, ein überwältigender Deutschlandroman, sein Leben. Es ist viel zu groß für einen einzelnen, kleinen Menschen. Das ganze verdammte deutsche Jahrhundert ist durch diesen Wolf hindurchgegangen. Mit dem Ausruf "Der hat ja 'ne kleine Judennase!" wurde er bei seiner Geburt am 15. November 1936 von der Hebamme begrüßt. Die Familie rätselte: "War das nun die Diagnose einer erfahrenen Geburtshelferin? Oder der blinde Affekt einer missgelaunten Nazi-Hippe?" Noch jetzt im Gespräch wundert er sich: "So ein Kind hat doch noch gar keine Nase."
Und Jude war dieser frische, kleine Wolf auch nicht. Sein Vater Dagobert war Jude, die Mutter Emma nicht, und somit ist der Sohn nach jüdischem Verständnis kein Jude. Für die Nazis war er immerhin Halbjude. Doch in seiner Familie spielte das sowieso keine Rolle. Ihre Religion war der Kommunismus, ihr Ziel: die Rettung der Menschheit. Die Eltern gehörten einer Widerstandsgruppe an, im März 1937 wurde Dagobert Biermann von der Gestapo verhaftet, Emma, die auch inhaftiert werden sollte, zeigte auf den winzigen Wolf in der Wiege und wurde verschont. Seine ersten Schritte übte der kleine Junge vor dem Gefängnisfenster des Vaters. Als dieser wegen Hochverrats vor Gericht stand und der Richter beim Verlesen des Lebenslaufs "Religion: keine" sagte, fiel Dagobert Biermann dem Beamten ins Wort: "Ich! bin! Jude!", hat er gerufen. Und Wolf Biermann schreibt in seinem Buch: "Meine Mutter hat sich zeitlebens gefragt, wie ihr Leben weitergegangen wäre, wenn er diesen Satz nicht rausgehau'n hätte."
Dagobert Biermann jedenfalls hat mit diesen drei Worten sein Todesurteil gesprochen. "Aus Daffke", sagt Biermann, Aus Frechheit, Übermut. Einfach weil er nicht feige sein wollte, nicht feige war. Klar, sein Judentum war ihm egal, aber einen unverdienten Vorteil wollte er aus den falschen Unterlagen des Richters auf keinen Fall ziehen. Er wird nicht mehr freikommen, einige Jahre später, am 7. Februar 1943, wird Emma Biermann zum ersten Mal das Wort Auschwitz hören, von einem Gefängnisbeamten, der ihr sagt, dass ihr Mann dorthin gebracht worden sei. Als sie ihm einen Brief schreiben will, sagt ihr der Postbeamte, er könne den nicht annehmen, er wisse gar nicht, wo das liege. Am nächsten Tag weiß er es: "Gefunden! Auschwitz! Das liegt in Oberschlesien, da, Richtung Pooln!"
Einmal, als sein Vater noch im Lager Teufelsmoor bei Bremen inhaftiert war, hatte Wolf Biermann seinen ersten Auftritt als Sänger. Es war im Winter 1940/41, seine Mutter hatte ihn mit auf Haftbesuch genommen, und der vierjährige Wolf, den die Leute im Hamburger Hinterhaus, wo er mit seiner Mutter wohnte, den kleinen Sänger nannten, weil er die zwei Stunden am Morgen, die er allein in seinem Bett lag, nachdem seine Mutter zum Putzen gefahren war, fröhlich durchsang, der kleine Wolf also sollte für seinen Vater singen. Und er schmetterte: "Booomben! / Booomben! / Bomben auf Engellant, Bumm! Bumm!"
Er hat sich später oft gegrämt, dass er dem Kommunisten Dagobert bei seinem einzigen Auftritt ausgerechnet dieses Nazilied vorgesungen hatte. Aber die Mutter hat ihn getröstet: "Dein Vater hat gegrinst. Der war froh, dass er so ein waches Kind hat. Er wusste, dass ich dir schon die richtigen Lieder beibringe. Unsre!"
Er hat den Vater nie wiedergesehen. Der Kummer um seinen Vater, schreibt Biermann, "ist das Gesetz, nach dem ich angetreten bin". Dieser Kummer "war mein Luftholen seit 1937, war mein asthmatisches Japsen seit den Bombennächten 1943. Dieser eine Grundkummer ist mein Schreien, mein Quasseln, mein Stottern, all mein Singen, mein Mut, mein Übermut, mein Gelächter, mein Schweigen. Dieser polit-genetisch gezeugte Kummer wurde all mein vegetativer Hass, aber auch meine angelernte Lust am Leben".
Er war das Schwungrad seines Lebens. Dass er den Vater rächen müsse, hat ihm seine Mutter immer wieder gesagt. Und den Kommunismus aufbauen, für ihn und für sie alle. Und wenn man ihn jetzt fragt, ob das nicht eine schwere, allzu schwere, luftabschnürende Last für einen kleinen Jungen sei, zieht er die Brauen hoch und sagt: "Nein! Das war der Wind unter meinen Flügeln." Obwohl Emma Biermann Dagoberts Schicksal gern auch zu alltagspädagogischen Zwecken einsetzte. Kam er mit einer schlechten Note nach Hause, weinte die Mutter und sagte unter Tränen: "Dafür ist dein Vater in Auschwitz gestorben!" Und dann bekennt er: "Das war 'ne große Last. War doch klar. Ich sollte die Welt retten und hatte 'ne Fünf in Mathematik."
Sie hat ihn dann in die DDR in die Oberschule geschickt. Im Mai 53, zwischen Stalins Tod und dem Aufstand des 17. Juni, kam Wolf Biermann in der Hälfte Deutschlands an, von der Emma und ihr Sohn wussten, dass es die bessere Hälfte ist. "Ich war aus meiner Vaterstadt Hamburg endlich! in meinem Vaterland angekommen, in meinem eigenen Deutschland." Es dauert nur eine Woche, bis er zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommt, dass jenes bessere Deutschland auch merkwürdige Seiten hat. Die Schüler seiner Schule sind zusammengekommen: An die 20 Mitglieder der sogenannten Jungen Gemeinde, junge Christen also, werden aufgerufen, um öffentlich ihren Austritt aus der Jungen Gemeinde zu erklären. Atmosphäre der Angst, Demütigung, der junge Biermann wundert sich, dass das hier so gar nichts mit jenem kommunistischen Paradies zu tun hat, das er im Auftrag der Mutter errichten soll. Schließlich steht ein Mädchen auf, Margot Ullerich, 9. Klasse, und sagt mit leiser Stimme: "Ich glaube an Gott." Und: "Ich trete nicht aus der Jungen Gemeinde aus."
Der Saal erstarrt. Lähmende Stille. Bis die FDJ-Sekretärin ihr rhetorisches Maschinengewehr auf das Mädchen richtet und das ganze Magazin entleert. Keiner steht dem Mädchen bei, bis der frisch aus dem Westen übergewechselte Wolf Biermann, 10. Klasse, sich erhebt und stottert: "Ich bin Kommunist ... Ich bin gegen die Kirche ... Aber das, was hier gemacht wird, das ist ... kein Kommunismus! ... Dafür ist mein Vater nicht in Auschwitz gestorben!"
So steht es im Buch. Und jetzt, hier in der Kantine, sitzt der schnauzbärtige Mann und lacht: "Da sehen Sie, wie schnell ich die Auschwitz-Keule brauchen konnte, die mir Emma in die Hand gedrückt hat." Der tote Dagobert war eben nicht nur der Wind, der Wolf Biermann durch sein Leben fliegen ließ, sondern auch die Waffe, die er nach Belieben seinen Gegnern über den Kopf ziehen konnte.
Was für ein sonderbares, unglaubwürdiges Heldenmärchen ist dieses Leben. Ein deutscher Schelmenroman, in dem der Held gegen seine eigentlichen Neigungen, gegen seine Fähigkeiten besetzt wurde. "Ich hatte immer Angst", sagt Wolf Biermann, "aber die Angst hatte nicht mich." Man muss nicht weit gehen, um die Stationen dieses Lebens, in der Zeit, in der der kleine Sänger mit der Gitarre zum DDR-Staatsfeind Nummer eins geworden war, abzuschreiten. Es ist genau ein Kilometer: vom Tränenpalast, am ehemaligen Grenzübergang Friedrichstraße, über die Weidendammer Brücke, über die er sein berühmtes Lied, "Ballade vom preußischen Ikarus" dichtete, zum Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm, wo er bei der Brecht-Witwe Helene Weigel Regieassistenz lernte und etwas Schauspielerei, schließlich zu der berühmten Wohnung in der Chausseestraße 131, wo er, während der Jahre seines Auftrittsverbots von 1965 bis 1976 sein Tonstudio hatte und Sänger, Künstler, Dichter und Frauen der ganzen Welt empfing und, wie er schreibt, in seiner staatlich verordneten Isolation "der am wenigsten isolierte Mensch in der DDR" gewesen ist, und am Ende dann zum Dorotheenstädtischen Friedhof, wo so viele seiner Freunde und Feinde liegen und vor allem er, sein großer Lehrmeister, sein Vorbild Bertolt Brecht.
Wenn man mit Wolf Biermann durch sein Leben geht, wird die Straße zu seiner Bühne. Man kann es sich sofort vorstellen, wie das war, als er im Sommer 1973 auf dem Alexanderplatz stand und anfing zu singen, einfach so, und sich dann langsam, ganz langsam eine Traube von Zuhörern um ihn herum versammelte. Er wird ständig erkannt. Meist von Damen um die sechzig, zunächst zweifelnd, verwundert: "Sind Sie etwa Wolf Biermann?" Eine Frau vor dem Berliner Ensemble: "Das gibt es nicht. Ich hab eben an Sie gedacht." Eine andere auf der Weidendammer Brücke: "Ich war Praktikantin an einer Schule in Grunewald, ich hab mit den Schülern Ihre Lieder gesungen und habe Berufsverbot wegen Ihnen bekommen", sagt sie, fassungslos vor dieser Erscheinung stehend. Er sagt: "Aha", man merkt, dass er so was wohl öfter hört. Sie fotografiert ihn, dann sich selbst mit dem Sänger. Wolf Biermann stellt sich auf vor dem eisernen preußischen Adler, die Flügel wachsen ihm aus den Schultern. Er erzählt, wie er hier mit dem amerikanischen Beat-Poeten Allen Ginsberg stand, dem er seine Welt zeigte, 1975, und Biermann schlug einen Dichterwettstreit vor. Wer das beste Gedicht über diese Brücke, diesen Adler schreibe, habe gewonnen. Und Biermann schrieb daraufhin eines der berühmten Gedichte der deutschen Nachkriegsliteratur, das er bei seinem Konzert in Köln, kurz vor seiner Ausbürgerung, als Zugabe singen wird: "Da, wo die Friedrichstraße sacht / Den Schritt über das Wasser macht / da hängt über der Spree / Die Weidendammerbrücke." Ginsberg hat sein Gegengedicht leider nie geschrieben. Oder zumindest haben die Welt und Wolf Biermann nie davon erfahren.
Wolf Biermann redet, als führte er sein Leben als Theaterstück auf. Er ist ein Ganzkörperredner, boxt die Luft, boxt den Gesprächspartner, verteilt Luftkinnhaken, streckt den Mittelfinger in die Luft, wenn er von alten Feinden spricht, deklamiert, singt. Jetzt stellt er nach, wie ihn ein Schauspieler, den er hier am Ufer der Spree traf, als er sich aufmachte zum Konzert in Köln, wie der ihn hochhob, der Dichter rechts und links je eine Gitarre im Arm, und ihn fragte, ob er sicher sei, dass die ihn auch wieder zurücklassen würden, wenn er jetzt ausreise. Biermann war nicht sicher, er hatte ein flaues Gefühl im Bauch, aber sein Lebensfreund, der mutige, vor Selbstbewusstsein, Optimismus und Furchtlosigkeit strotzende Robert Havemann hatte ihn ermutigt, hatte ihm gesagt: "Klar lassen die dich zurück, Wolf! Die sind doch nicht verrückt! Die haben doch viel zu viel Angst vor den Folgen, wenn die dich rauswerfen."
Es ist anders gekommen. Viereinhalb Stunden hatte er am 13. November 1976 in Köln gespielt. Es war, so schreibt er in seinem Buch, "der ungetrübteste Glückstag" in seinem Leben. Als das Konzert einige Tage später in der ARD übertragen wurde, schaute die ganze DDR, dort wo man Westfernsehen empfangen konnte, zu. "In dieser durchwachten Nacht waren die Städte der DDR hell erleuchtet", schreibt Wolf Biermann. Schon nach fünf Minuten hatte er ins Publikum gesprochen: "Die deutsche Einheit, wir dulden nicht, dass nur das schwarze Pack davon spricht! Wir wollen die Einheit, die wir meinen, so soll es sein, so wird es sein." Und am Ende jene Ikarus-Ballade, in der es weiter heißt: "Und wenn du wegwillst, musst du gehn / Ich hab schon viele abhaun sehn / aus unsrem halben Land / Ich halt mich fest hier, bis mich kalt / Dieser verhasste Vogel krallt / und zerrt mich übern Rand."
Drei Tage nach dem Konzert fummelt er im Auto am Radio herum, Nachrichten, Deutschlandfunk, erste Meldung: "Biermann ausgebürgert." Er schreibt: "Ich war wie in die Tonne getreten. Mir wurde elend vor Angst, dunkel vor Augen. Aus! Alles aus! Biermann hinüber! Ausgesungen! Ausgedichtet! Aus der Traum!"
Es war sein Land, immer noch. Er war Kommunist, immer noch. Wenn schon ausgebürgert, dann wäre er lieber in die Sowjetunion gegangen. Aber doch nicht in das Land, aus dem ihn seine Mutter einst fortgeschickt hatte, um das Werk seines Vaters zu vollenden. Viele haben danach geschrieben, dass dies der Moment war, in dem die DDR auseinanderbrach. Biermann wedelt den Zeigefinger und sagt: "Das dürfen sie nicht sagen! Weil es nicht wahr ist!" Nicht seine Ausbürgerung, sondern die gigantische Solidarisierungswelle habe das Land entzweigerissen und den Herrschern die moralische Grundlage entzogen. "Kein Hahn hätte danach gekräht, wenn die mich nur ausgebürgert hätten. Der kleine Biermann ist weg, mit seiner Gitarre. Lass ihn doch. Idiot!"
Die Parteielite hatte sich getäuscht, wieder einmal. Wie bei Biermann eigentlich von Anfang an. Sie hatte ihn nicht früh genug zum Schweigen gebracht, eingesperrt, ruhiggestellt, von Anfang an. Oder eben groß gemacht, ihn an die kommunistische Mutterbrust gedrückt und ihm gesagt: Junge! Du bist einer von uns! Auch das hätte ihn ja kleingemacht. In seiner Populärballade hatte er es ihnen geraten: "Wenn ihr mich wirklich schaffen wollt / Ihr Herren hoch da droben / Dann müsst ihr mich ganz öffentlich / Nur LOBEN – LOBEN – LOBEN."
Eine der verrücktesten deutschen Szenen in diesem an verrückten Szenen so ungeheuer reichen Buch ist der Besuch Margot Honeckers in Wolf Biermanns verwanzter Wohnung in der Chausseestraße 131. Hier nimmt er seine Lieder auf, die in Westdeutschland auf Platte erscheinen. Seine Mutter hatte ihm ein Sennheiser-Mikrofon über die Grenze geschmuggelt. Das liegt heute als Museumsstück im Tränenpalast. Es war ein viel zu gutes Mikrofon. "Es nimmt den Husten einer Fliege auf", sagt Biermann. Und so nahm es auch den Straßenlärm der Chausseestraße mit auf.
Es ist Frühjahr 1964, Margot Honecker, Ministerin für Volksbildung der DDR, steigt die zwei Stockwerke empor. Sie hatten sich schon mal getroffen, mehr als 20 Jahre zuvor in Hamburg, zufällig genau in jenem Moment, als Wolf Biermann und seine Mutter erfahren hatten, dass sein Vater tot ist. Margot Feist hieß sie damals noch, war die Tochter von Kommunisten aus Halle. Sie hatten sich dann 20 Jahre nicht wiedergesehen, jetzt steigt sie die Treppe empor, die Ministerin im Pelz. Mutter Emma hatte ihr aus Hamburg einen Brief geschrieben. Sie mache sich Sorgen, sie höre, es gebe in der Partei Kritik an Wolfs Gedicht "An die alten Genossen". Sie bittet die Ministerin: "Diskutiere mit ihm ehrlich und offen, damit er nicht falsche Wege geht, mit falschen Freunden."
Sie hockt sich auf das zerschlissene Polster seines riesigen Ohrensessels. Sie warnt, sie droht, "sie redete mit mir, aber ohne Ohren". Er trägt ihr das "Gedicht an die alten Genossen vor", das im Politbüro für helle Aufregung gesorgt hatte und in dem er am Ende die alte Kommunistenkaste zum Abtreten auffordert: "Setzt eurem Werk ein gutes Ende / Indem ihr uns / Den neuen Anfang lasst". Und sie sagt: "Das Gedicht ist schön ... wunderbar. Da haste aber noch viel dran verbessert!" Und er dagegen: "Nein, Margot! Kein einziges Wort hab ich verändert!"
Sie redet weiter. Sie verstehen sich nicht. Und am Ende sagt sie, so schreibt es Biermann in seinem Buch, diese zwei großen Sätze: "Ach Wolf, wenn du weiter den falschen Weg gehst, werden wir Feinde. Aber wenn du den richtigen Weg gehst, mit uns, dann kannst du unser größter Dichter werden." Die ganze Hybris eines totalitären Staates in einem Satz: Wer ein großer Dichter ist, bestimmen wir.
Wir sind weitergelaufen durch sein Leben, die Friedrichstraße hoch, bis sie Chausseestraße heißt. Wir kommen in den Hinterhof des Hauses Nummer 131. Biermann zeigt hoch in den zweiten Stock. "Dort war das Badezimmer. Da habe ich eine Ziege geschlachtet." Er erzählt von der Zeit, als die Welt hierher zu ihm kam, Joan Baez aus New York, Erich Fried aus London, Rudi Dutschke aus Westberlin. Er erzählt von Brigitte, französisch Brischit natürlich ausgesprochen, seiner ersten Frau, die ihn zu einem französischen Chansonnier machen wollte und ihm erklärte, dass er dazu erst mal einen Schnauzbart brauche. Erzählt vom ersten Vorsingen bei Hanns Eisler, dem Vorsprechen bei Helene Weigel im Berliner Ensemble. Von dem fantastischen Größenwahn, der damals dort an Brechts Theater herrschte, als ihm der Regisseur Benno Besson erklärte, sie hier könnten aus jedem Dahergelaufenen auf der Weidendammer Brücke einen King Lear machen. "Die ideale Fehlbesetzung. So war das auch bei mir: Der Schisser macht den Helden. Wissen Sie, es ist eine große Chance in Konflikt mit den Verhältnissen zu kommen. Im Grunde bin ich doch feige und will essen und gemütlich rummachen mit Frauen und singen. Aber nein. Zum Glück hat man dieses Glück nicht. Dieses falsche Glück. Dieses Idiotenglück. Man ist gezwungen zu springen, und manche brechen sich natürlich die Knochen dabei und sind kaputt."
Wir gehen weiter zum Dorotheenstädtischen Friedhof, wo Brecht und all die anderen begraben sind. Die Freunde, die Feinde. Unterwegs begegnen wir noch einem älteren Ehepaar aus San Francisco, ihr Berliner Freund, der sie durch die Stadt führt, hatte ihnen gerade von Biermann erzählt. Nun steht er vor ihnen. Sie können es nicht fassen. Biermann freut sich, erzählt von Ginsberg, zieht eine neue Ballade aus der Tasche, signiert sie sogleich, Handyfoto, ungläubiges Staunen. Sie sind deutscher Geschichte begegnet, mit Schnurrbart und guter Laune. Wir gehen weiter zum Grab von Bertolt Brecht.
Die Sonne scheint. Eine Schulklasse trottet lustlos ihrem Lehrer hinterher. Der kleine Findling mit Brechts Namen, daneben, noch etwas kleiner, der von Helene Weigel auf dem Grab. Biermann erzählt, wie seine Mutter Emma hier einmal jede Menge Gräser aus dem Boden rupfte, um ihre aus dem Westen mitgebrachten Stiefmütterchen zu pflanzen. Helene Weigel kam dazu und jammerte, sie habe diese fantastischen Gräser in der ganzen Welt für dieses Grab gesammelt und jetzt dieses Stiefmütterchen! Es sei eine Schande.
Die Klasse nähert sich, ein Lehrer hat Biermann erkannt. Es passiert dann einfach, dass sich die Klasse im Halbkreis um den Sänger gruppiert. Er redet über Brecht, fragt, woher sie kommen, "Duisburg", murmelt der Schülerchor. "Oh, Duisburg! Da habe ich mal ein Gedicht drüber geschrieben!", ruft Biermann. Ob er es aufsagen könne, fragt der Lehrer. Er schaut kurz in die Luft, denkt nach. Nein, er weiß es gerade nicht. Aber das schönste Brecht-Gedicht, das möchte er den Schülern wenigstens kurz vortragen. "An die Nachgeborenen" deklamiert er. Danach noch die "Kinderhymne": "Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand / Dass ein gutes Deutschland blühe / Wie ein andres gutes Land." Er redet kurz über Deutschland, über die Zeilen "Und nicht über und nicht unter / Andern Völkern wolln wir sein", schlendert weiter zur Nebenabteilung, "kenne ich alle".
Zu beinahe jedem Grab hier hat er was zu sagen, eine Geschichte, ein Urteil, eine Erinnerung. Als er im Buch die Momente schildert, als er nach dem Mauerfall zum ersten Mal wieder in Ostberlin gewesen ist, beschreibt er das Gefühl von damals mit Worten aus einem Grimmschen Märchen: "Alles meins! Alles meins!" So ist das auch heute, wenn man mit Wolf Biermann durch diese Stadt und am Ende durch diese Gräberreihe geht: alles seins! Tief erlebt, eingeatmet, ersungen, erdichtet und erkämpft.
In einer anderen Zeit. Einmal, an diesem Nachmittag, spricht er über seinen Freund Robert Havemann, er sagt: "Der war so begeistert von sich, das war ja unerträglich. Aber eine solche Charakterschiefheit ist in der Diktatur etwas ganz Kostbares. Wenn dir jeden Tag gesagt wird, dass du eine Laus bist, die zerdrückt werden kann, ein Nichts, ein kleines Arschloch, dann ist es wichtig, dass man auch von sich selber begeistert ist. Problematisch wird es nur, wenn das Unglück passiert, und die Diktatur bricht zusammen, dann bleibt man übrig, mit dieser Charakterschwäche."
Irgendwann am Abend, mehr als acht Stunden lang hat er geredet, man musste fast keine Fragen stellen, man durfte zuhören, diesem großen Fluss der Geschichten, am Abend also, er zeigt nicht das kleinste Anzeichen von Erschöpfung, liest er noch sein bislang letztes Gedicht vor. "Bilanzballade im achtzigsten Jahr", er liest mit seiner schönen, tiefen Stimme, jede zweite Zeile erläutert er etwas – "die Knochen knirschen" steht da zum Beispiel –, "Sie werden es gehört haben. Es knirschen gar keine Knochen bei mir, aber ich brauchte das, für den Reim". Dann die Zeilen: "So viele gingen an Schlägen zugrund / Die sie leider nicht ausgeteilt haben", da schaut er wieder auf und erzählt von der Bundeskanzlerin, mit der ist er befreundet, sie treffen sich öfter, bei diesen Zeilen jedenfalls, sagt er, da habe er gesehen: "Das war für sie ein Kuss in die Seele", und weiter geht es bis zum Schluss: "Mag sein, ich hab zu viele Worte gemacht / Im Nichts, wo ich bald meiner Wege geh / Im Ewigen Frieden, in ewiger Nacht / – wird Biermann die Schnauze halten."
Wolf Biermann: "Warte nicht auf bessre Zeiten!". Propyläen ; 576 Seiten; 28 Euro.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 40/2016
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