08.10.2016

Zeitgeschichte„Verstiegen und unsinnig“

BND-Gründer Reinhard Gehlen ließ Hunderte Politiker, Wissenschaftler, Militärs bespitzeln – von einer Gruppe schwer belasteter Altnazis.
Der linke Philosoph Theodor W. Adorno und der konservative Kanzleramtschef Hans Globke hatten nichts gemeinsam. Der Frankfurter Sozialphilosoph war als Jude von den Nazis verfolgt worden. Globke, Mitverfasser eines Kommentars zu den Nürnberger Rassengesetzen, hatte im Reichsinnenministerium für das Regime gearbeitet. Doch in der Nachkriegszeit standen beide plötzlich auf derselben Seite – als Opfer der Organisation Gehlen, des Vorläufers des Bundesnachrichtendienstes (BND).
Hunderte Namen von Politikern, Journalisten, Intellektuellen und Militärs hat der Berliner Historiker Gerhard Sälter auf Karteikarten und in Unterlagen im Archiv des BND entdeckt. Sie alle galten der Truppe um den ehemaligen Wehrmachtsoffizier Reinhard Gehlen, den die Amerikaner mit dem Aufbau eines Geheimdienstes beauftragt hatten, als verdächtige Ostagenten.
Sälter gehört zur "Unabhängigen Historikerkommission" (UHK), die für den BND seit 2011 dessen Frühgeschichte erforscht und besonderen Zugang zum BND-Archiv hat. Seine Funde legt er nun in einem spektakulären Buch dar(*).
Bei seinen Recherchen in Pullach stieß Sälter auf die "Operation Fadenkreuz", die um 1947 begann und unter dem Namen "Wildgatter" bis in die Sechzigerjahre lief. Gehlen und Mitarbeiter gaben sich überzeugt, die westdeutsche Gesellschaft sei von Sowjetagenten durchsetzt, obwohl sie in keinem Fall gerichtsfeste Beweise vorlegen konnten. Wie ein kritischer Gehlen-Mitarbeiter später einräumte, seien die Verdachtskonstruktionen "verstiegen" und "unsinnig" gewesen.
Zwar ist lange bekannt, dass der BND über Politiker Informationen einsammelte, doch das Ausmaß blieb bislang verborgen. Zu den Spitzelopfern gehörten prägende Persönlichkeiten der Bundesrepublik, darunter der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann, Justizminister Thomas Dehler, Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, Otto Lenz, Chef des Kanzleramts, Adolf Grimme, Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks, der Sozialphilosoph Max Horkheimer und der Publizist Eugen Kogon. Sogar Konservative waren darunter wie der CDU-Mitbegründer Jakob Kaiser und der CSU-Gründer Josef Müller. Gehlen ließ fast kein Milieu der Gesellschaft aus, Ministerpräsidenten wie Reinhold Maier (Baden-Württemberg) nahm er ins Visier, Militärs wie den späteren Generalinspekteur der Bundeswehr Jürgen Brandt oder die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann.
Die Agenten horchten Behörden und Nachbarn nach den Verdächtigten aus und heuerten V-Leute an. Die Quellen sind lückenhaft, aber in einigen Fällen haben die Geheimdienstler Briefe geöffnet und mindestens eine Wohnung verwanzt. Was sie zusammentrugen, wurde in Karteien abgelegt und floss in Auskünfte an andere Behörden ein. Nach dem Plan eines Referatsleiters sollten die Karteien sogar Grundlage für Verhaftungen im Kriegsfall bilden.
In Verdacht geriet vor allem, wer in der Nazizeit zum Widerstand gezählt hatte oder mit Widerständlern befreundet oder verwandt war. Kein Wunder – an "Fadenkreuz" waren überwiegend NS-Täter beteiligt, die nach Ende des "Dritten Reichs" beim Geheimdienst untergekommen waren und "Blut an den Händen" (Sälter) hatten. Es handelte sich um ehemalige Gestapo-Beamte, Exangehörige der mordenden Einsatzgruppen, Verantwortliche für Judendeportationen.
Sie trugen weiter, was schon die Gestapo fälschlicherweise verbreitet hatte: Viele Widerstandskämpfer hätten einem sowjetischen Spionagering angehört, der sogenannten Roten Kapelle. In Pullach hieß es nun, die "Rote Kapelle" bestehe weiter, deren Mitglieder würden in westlichen Ländern spionieren oder als Schläfer auf ihren Einsatz warten. Die Täter in Gehlens Diensten hatten ein persönliches Interesse daran, dass Gegner des NS-Regimes nicht in Führungspositionen aufstiegen, damit ihnen nicht Strafverfolgung oder Jobverlust drohte.
Gehlen wollte mit dem Spähprogramm offenbar die Arbeit seiner Behörde legitimieren. Manchen Verdacht nutzte er aber auch, um Rivalen zu schwächen oder sich in machtpolitischen Auseinandersetzungen Vorteile zu verschaffen. Nur so ist es wohl zu erklären, dass er ausgerechnet seinen langjährigen Förderer Globke 1954 bei der CIA als möglichen Ostagenten denunzierte – das Verhältnis zwischen dem Kanzleramtschef und Gehlen war damals abgekühlt.
Es ist unklar, ob Globke wusste, dass auch er ins Visier geraten war. Nach Sälters Recherchen gibt es jedoch keinen Zweifel daran, dass das Kanzleramt die "Operation Fadenkreuz" grundsätzlich billigte.
Mitunter kam es zu peinlichen Verwechslungen. So habe es in der Sowjetischen Besatzungszone einen Staatssekretär beim "Amt für Enteignungen" namens Ernst Noelle gegeben, angeblich ein Bruder von Noelle-Neumann. Doch Ernst Noelle war der Vater und arbeitete in der Anzeigenannahme der "Berliner Zeitung".
Kurioserweise wurden später mehrere BND-Mitarbeiter mit NS-Vergangenheit, die an "Fadenkreuz" beteiligt waren, als Ostspione enttarnt. Möglicherweise haben KGB oder Stasi die Operation mitgesteuert, damit der BND seine eigentliche Aufgabe, die Spionage, vernachlässigte.
Sollte sich der Befund bestätigen, würde es das Bild von Gehlen und dem frühen BND trotzdem nicht aufhellen. Neben die Vorwürfe, willkürlich unbescholtene Bürger denunziert, Altnazis gefördert und Mittel verschwendet zu haben, träte nur ein weiterer – dass sie sich von der Konkurrenz hereinlegen ließen.
* Gerhard Sälter: "Phantome des Kalten Krieges. Die Organisation Gehlen und die Wiederbelebung des Gestapo-Feindbildes ,Rote Kapelle'". Ch. Links; 555 Seiten; 50 Euro.
Von Klaus Wiegrefe

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