08.10.2016

TierhaltungQuälerei mit System

Erneut geraten dem Bundestag angehörende Bauernfunktionäre ins Zwielicht: In ihren Betrieben herrschen erschreckende Zustände.
Nach Tierwohl sieht es in den Ställen nicht aus: Schweine schleppen sich mit riesigen Nabelbrüchen über Betonspaltenböden. Viele haben blutig gebissene, kotverschmierte Schwanzstummel. Etliche husten, humpeln oder kommen kaum mehr hoch. In den Gängen liegen tote, verwesende Tiere, bei einem treten Innereien aus.
Es sind schwer erträgliche Filmaufnahmen, die Rechercheure der Tierschutzorganisation Peta im Mai und August dieses Jahres in deutschen Ställen gedreht haben. Doch das Brisante an den Bildern sind nicht nur die Zustände, die sie zeigen, sondern auch die Drehorte. Denn die Aufnahmen kommen ausgerechnet aus den Betrieben dreier führender Landwirtschaftsfunktionäre und Politiker. Von Berufslandwirten, die derlei Bilder gern als bedauerliche Ausnahmen einer sonst flächendeckend funktionierenden Tierhaltung abtun.
Laut Peta stammen die Bilder aus Ställen von Franz-Josef Holzenkamp, Aufsichtsratsvorsitzender beim Agrarmulti Agravis Raiffeisen und CDU-Bundestagsabgeordneter; Josef Rief, lange Jahre im Bauernverband aktiv und für die CDU im Bundestag; sowie von Johannes Röring, dem Präsidenten des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands, ebenfalls CDU-Bundestagsabgeordneter. Gegen alle drei stellte Peta Strafanzeige wegen des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz. Die Zustände auf dem Betrieb im westfälischen Vreden, an dem Röring beteiligt ist, sorgten bereits vorvergangene Woche für Aufsehen. Der NDR und die "Süddeutsche Zeitung" hatten über Aufnahmen der Tierschutzorganisation Animal Rights Watch (Ariwa) berichtet, die erschreckende Zustände in den Ställen zeigten.
Zu sehen waren Ferkel, die brutal getötet wurden, oder stark verletzte Puten. Bei Spitzenfunktionär Röring, der gern über die "wichtige Komponente" Tierwohl spricht, fielen reihenweise kranke und verletzte Schweine auf, darunter auch eines, das offenbar schon länger tot war. Röring sagte dazu, die Haltungsbedingungen seien "einwandfrei" gewesen und das tote Tier wahrscheinlich extra dorthin gelegt worden.
Der Veterinärmediziner Matthias Gauly, Professor an der Universität Bozen und Mitglied des Agrarbeirats des Landwirtschaftsministeriums, hatte einen anderen Eindruck und sprach von der "schlechtesten Form" von Schweinehaltung, die vorstellbar ist.
Die Ariwa-Bilder stammten aus dem vergangenen Jahr und ließen deshalb Raum für Rechtfertigungen. Die Peta-Sequenzen allerdings sind zumeist erst vor wenigen Wochen gedreht worden – verändert hat sich in den Ställen nicht viel. Angesichts der neuen Bilder von röchelnden und verletzten Tieren hält Veterinär Gauly die Lernkurve in Rörings Betrieb für "ziemlich flach". Die Aufnahmen zeigten nicht nur "klassische Systemprobleme", sagt Cornelie Jäger, "sondern auch Rechtsverstöße". Die Veterinärin ist Landesbeauftragte für Tierschutz in Baden-Württemberg.
Röring seinerseits lässt wissen, "keinen Verstoß gegen geltendes Recht" erkennen zu können. Sicher könnten einzelne Tiere mitunter erkranken, aber seine Tierhaltung folge "strengen gesetzlichen Vorgaben".
Das Absurde ist: Röring, der mit gut 1,3 Millionen Euro Nebenverdiensten zwischen 2013 und 2016 einer der Topverdiener im Bundestag war, erhält für seine Tierhaltung auch EU-Subventionen. Allein rund 29 000 Euro sogenannter EGFL-Direktzahlungen weist eine entsprechende EU-Website für den Betrieb aus. Diese Gelder sollen auch die angeblich höheren Umwelt- und Tierschutzstandards in der EU belohnen – ausgerechnet.
Ähnlich wie Röring bestreitet auch Josef Rief Haltungsprobleme in seinen Ställen. Ein Amtsveterinär habe ihm die "Ordnungsmäßigkeit" vorige Woche bestätigt. Etwas vorsichtiger ist Franz-Josef Holzenkamp, in dessen Ställen die Schweine laut den Experten noch am besten aussahen. Er räumt ein, Gelenkentzündungen oder Schwanzbeißen nicht gänzlich verhindern zu können, versuche jedoch, das Wohlbefinden der Tiere zu verbessern.
Tauchen Bilder wie die von Peta auf, verweist der Bauernverband gern darauf, es gebe eben wie in jeder anderen Branche ein paar schwarze Schafe. Diese würden das Gesamtbild verzerren.
Was sagt es dann aber aus, wenn ausgerechnet drei Vertreter der Lobby ihre Tiere so halten? Veterinärin Jäger spricht von einem "Systemproblem, das unsere Gesellschaft billigend in Kauf nimmt". Die Nutztierhaltungsverordnung, eine Regelung, in der viel Lobbyarbeit steckt, sieht pro Schwein 0,75 Quadratmeter Betonspaltenboden als Lebensgrundlage vor. "Mit derartigen Vorgaben können Tiere kaum befriedigend gehalten werden", sagt Wissenschaftler Gauly.
Ein Ausweg aus diesem Qualsystem sollte eigentlich die Initiative "Tierwohl" bieten, die vom Einzelhandel, der Fleischindustrie und dem Bauernverband entwickelt worden ist. Anfangs war sogar der Tierschutzbund dabei, der jetzt jedoch ausgestiegen ist ( SPIEGEL 39/2016). Mit einigen Zentimetern mehr Platz und nicht mal einer Handvoll Stroh die Massentierhaltung salonfähig zu machen – das schien den Tierschützern dann doch etwas unglaubwürdig.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 41/2016
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