08.10.2016

Autorennen44 Millionen oder nichts

Der Verkauf der Formel 1 an den amerikanischen Medienkonzern Liberty läuft nicht so reibungslos wie gedacht. Platzt das Geschäft noch?
Wie macht man aus 458 197 Dollar 44 Millionen? Indem man etwas Geduld aufbringt und zum richtigen Zeitpunkt Ja sagt. In dieser Situation befindet sich der Automobil-Weltverband Fia gerade.
Derzeit läuft der Verkauf der Formel-1-Holding Delta Topco von der Luxemburger Investmentgesellschaft CVC an den US-Medienkonzern Liberty. Die Amerikaner investieren acht Milliarden Dollar in die Übernahme, es ist ein Megadeal der Sportgeschichte. Delta Topco vermarktet die Formel 1 und ist deren Geldmaschine. Bernie Ecclestone führt die Geschäfte.
Für die Fia lohnt sich der Liberty-Handel extrem. Sie hält ein Prozent an Delta Topco, diesen Anteil will sie nun verkaufen. Vor drei Jahren noch hatte die Fia dafür den Spottpreis von knapp einer halben Million Dollar bezahlt. Jetzt bekommt sie von Liberty 44 Millionen.
Eine satte Rendite. Und ein anrüchiges Geschäft. Denn die Fia hat sich als oberste Institution nur um den Motorsport als solchen und um dessen Regeln zu kümmern. Eigentlich müsste sie unvoreingenommen prüfen, ob es überhaupt im Sinne der Formel 1 ist, dass Liberty übernimmt – oder ob es dem Sport womöglich schadet. Die Fia könnte den ganzen Handel sogar verhindern, dieses Vetorecht besitzt sie.
Doch wie soll der Weltverband unabhängig entscheiden, was das Beste für das Wohl seiner wichtigsten Rennserie ist, wenn er auf einen Schlag um 44 Millionen Dollar reicher wird, indem er den Deal absegnet? Weigert er sich, sieht der Verband keinen Cent. Eine Klausel besagt, dass die Fia ihren Anteil nur dann verkaufen darf, wenn CVC aus der Formel 1 aussteigt.
Schon Ende August, als sich die Gerüchte vom Verkauf konkretisierten, gab Fia-Präsident Jean Todt zu erkennen, dass er dem Besitzerwechsel nicht im Weg stehen werde. Das Angebot müsse zwar auch für die Fia akzeptabel sein, sagte er, "aber da mache ich mir keine Sorgen. CVC hat gute, talentierte Geschäftsleute. Ich bin überzeugt, dass sie wissen, was sie tun".
Bis vor drei Jahren hätte die Fia wohl gründlicher überlegt, was das Beste für die Formel 1 ist. Bis dahin besaß sie gar keine Anteile. Dann jedoch klagte die Münchner Staatsanwaltschaft Ecclestone wegen Bestechung und Anstiftung zur Untreue an. Außerdem musste er sich in London einem Zivilprozess stellen. Damit scheiterte das Vorhaben von CVC, die Formel-1-Holding an die Börse zu bringen. Wer investiert schon in Aktien eines Unternehmens, dessen Geschäftsführer vor Gericht steht?
Also schwenkte CVC um und aktivierte einen alternativen Plan: den Verkauf abseits der Börse. Es blieb jedoch das Risiko, dass sich die Fia mit einem Veto querstellt und diesen Plan zunichtemacht. Was für ein Zufall: Genau zu jener Zeit erhielt die Fia für läppische 458 197,34 Dollar etwas, dessen wahrer Wert sich leicht im zweistelligen Millionenbereich ansetzen ließ.
Nun scheint für die Fia der Tag gekommen, um abzukassieren. Aber es könnte eine Institution dazwischenfunken: die EU.
Die englische Europaabgeordnete Anneliese Dodds hat in einem Brief an Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager Bedenken geäußert. Sie sehe einen "klaren Interessenkonflikt" bei der Fia und hätte gern zugesichert, dass der Handel nicht gegen europäisches Recht verstoße.
Bereits 2001 hatte die EU-Kommission verlangt, die Fia habe sich als Sportinstanz aus den kommerziellen Angelegenheiten herauszuhalten. Max Mosley, bis 2009 Fia-Präsident, achtete strikt darauf. In der Übernahme des einen Prozents von Delta Topco durch die Fia im Jahr 2013 sieht er darum "einen Bruch des Abkommens mit der Europäischen Kommission".
Und noch etwas sieht nicht ganz zufällig aus. Berichte über die dubiose Rolle der Fia tauchten zuerst in englischen Medien auf, und denen steckt Ecclestone gern mal Informationen, wenn es seinen Zwecken dient. Auch diesmal? Ecclestone ist verstimmt. Die Verkaufsverhandlungen mit Liberty liefen an ihm vorbei, sein Einfluss schwindet unter den neuen Herren der Formel 1. Es käme ihm durchaus gelegen, sollte der Deal noch platzen.
Liberty hat zu erkennen gegeben, dass der neue, von ihr eingesetzte Vorsitzende von Delta Topco, der Amerikaner Chase Carey, 62, eine aktivere Rolle spielen wird. Ecclestone, 85, muss aufpassen, nicht beiseitegeschoben zu werden. Denn Macht teilen, das mag er gar nicht – schon gar nicht mit einem Harvard-Absolventen, wie Carey es ist. Ecclestone ist davon überzeugt, dass die Geschäfte nur dann laufen, wenn er den Rennzirkus allein regiert.
In Singapur, beim Rennen vor drei Wochen, bekam er vorgeführt, wie sich die Verhältnisse drehen. Ecclestone musste mit ansehen, wie der Neuling Carey in der Formel 1 hofiert wurde, während er, Ecclestone, der Pate auf Abruf, nebenherlief. Er bekam mit, dass sich eine Aufbruchstimmung breitmacht. Und ihm konnte nicht verborgen bleiben, dass Carey in einem Interview sagte, die Formel 1 werde nicht als Diktatur geführt, "selbst wenn sich einige hier daran gewöhnt haben".

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Twitter: @DetlefHacke
Von Detlef Hacke

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