15.10.2016

Bildung„Homesick“? „Hodensack“!

Abituraufgaben seien in Bayern nicht schwerer als in Bremen, sagt Verlegerin Christiane Heidrich. Ungerecht findet sie aber die unterschiedlichen Spielregeln.
Kaum jemand in Deutschland hat wohl so viele Abituraufgaben gesehen wie Heidrich, 47, sie leitet den Münchner Stark-Verlag. Seit 40 Jahren bereiten sich Schüler mit den roten Büchern auf ihre Abschlussprüfungen vor. Darin finden sich die Prüfungsfragen aller Bundesländer aus den vorhergehenden Jahren samt Beispiellösungen, die Verlagsautoren nach den Vorgaben der Bildungsministerien formuliert haben.
SPIEGEL: Frau Heidrich, Ihre Autoren müssen ständig Abituraufgaben lösen. Das klingt nach einem Albtraum-Job.
Heidrich: Da müssen Sie sich keine Sorgen machen, unseren Autoren geht es gut. Wir wetten immer vorher, welche Themen wohl geprüft werden, oft sind tolle, kreative Aufgabenstellungen dabei. In manchen Bundesländern macht das Abi richtig Spaß.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Heidrich: In der bayerischen Deutschprüfung 2014 sollten die Schüler eine Rede verfassen, die eine Ausstellung zum Thema "Die expressionistischen Dichter und der Krieg" eröffnen sollte. Da wurde der Bogen zu Geschichte und Kunst geschlagen. Die Schüler erhielten Material zur Realität des Ersten Weltkriegs, mussten aber auch auf eigene Kenntnisse zum Krieg sowie zum Expressionismus zurückgreifen. Das fand ich spannend.
SPIEGEL: Ist es nicht schwieriger, eine musterhafte Lösung in Deutsch zu entwickeln als etwa in Mathe, wo das Ergebnis klar richtig oder falsch ist?
Heidrich: Deutsch oder Geschichte sind natürlich freier und offener als Mathe. Aber auch Mathematikprüfungen haben sich stark verändert: Es geht weniger um abstrakte rechnerische Fähigkeiten als um konkrete Problemstellungen aus dem Alltag. In Nordrhein-Westfalen musste einmal die Trefferwahrscheinlichkeit des Basketballers Dirk Nowitzki berechnet werden. Selbst in den Naturwissenschaften werden fast ausschließlich Aufsätze geschrieben.
SPIEGEL: Was war die schwerste Aufgabe, die Ihnen je untergekommen ist?
Heidrich: In Deutsch sollte einmal der Monolog einer Kuh, deren Fleisch gerade gegessen wird, analysiert werden. Das finde ich deshalb extrem schwierig, weil es so eklig ist. Das gleiche Problem hatte ich mit einer Englischprüfung, in der es um die Frage ging, ob die Menschheit mehr Insekten essen sollte. Es ist doch für Schüler eine ziemliche Belastung, wenn sie in einer Stresssituation wie dem Abitur emotional aufgeladene Themen behandeln sollen.
SPIEGEL: Woher wissen Sie, dass Ihre Antworten wirklich Lösungen sind, die Bestnoten bekommen würden?
Heidrich: Unsere Autoren kennen den Erwartungshorizont der Kultusministerien und können für die korrekte Beantwortung der Fragen mehrere Wochen grübeln, während den Schülern nur wenige Stunden bleiben. Auch uns passieren natürlich Flüchtigkeitsfehler. Einmal hat unser Autokorrekturprogramm aus dem englischen Wort "homesick" einen "Hodensack" gemacht. Daraufhin erhielt die Redaktion viele heitere E-Mails von Schülern.
SPIEGEL: Macht es Ihren Job schwieriger, dass es weniger eindeutige Lösungen gibt?
Heidrich: Unsere Aufgabe ist komplexer geworden – aber auch spannender. Wir müssen immer mehrere Vorschläge liefern, es gibt nicht mehr die eine richtige Antwort. Wenn etwa in Geschichte eine Frage zur Revolution von 1848 lautet: "Vergleichen Sie die Geschehnisse mit einem Beispiel aus Ihrem eigenen Erfahrungshorizont", könnte man über den Arabischen Frühling schreiben, doch genauso über etwas ganz anderes.
SPIEGEL: Könnte ein Abiturient heute eine Abiturklausur von vor 30 Jahren meistern?
Heidrich: Ich denke nicht. Das liegt aber nicht daran, dass die Schüler heute weniger können. Sie lernen nur anders. Es geht weniger um Fakten, die man auswendig lernt. Es geht darum, theoretisches Wissen auf die Lebensrealität zu übertragen.
SPIEGEL: Andererseits sind die Abschlussnoten im Schnitt über die Jahre immer besser geworden. Eine 1,0 ist keine Seltenheit mehr. Sind Schüler heute schlauer?
Heidrich: Die Aufgaben sind kleinschrittiger, die Schüler werden besser angeleitet. Bei uns früher hieß es: "Analysieren Sie diese Szene aus Goethes Faust." Das war alles. Heute steht da in einigen Bundesländern: "a) Fassen Sie den Inhalt der Szene zusammen. b) Charakterisieren Sie Gretchen aufgrund ihres Gesprächsverhaltens. c) Erörtern Sie die These, dass Goethe in seinem Drama ein reaktionäres Geschlechterbild vertritt." So eine Aufgabe ist für den Schüler viel leichter abzuarbeiten. Er kann Teilpunkte sammeln, das wirkt sich möglicherweise positiv auf die Abschlussnoten aus.
SPIEGEL: Das Abitur in Bayern sei schwer, in Hamburg leicht, heißt es – stimmt das?
Heidrich: Das kann man nicht vergleichen, die Rahmenbedingungen sind sehr verschieden. In einigen Ländern wie Nordrhein-Westfalen gibt es Schwerpunktthemen. Da weiß der Schüler genau: Kafkas "Prozess" kommt dran. In Bayern etwa ist nur klar, dass es ein Werk aus einer bestimmten Epoche sein wird. In Mathe dürfen manche Schüler grafische Taschenrechner benutzen, die Funktionen darstellen können, andere nicht. In dem einen Land gibt es in Biologie vier Aufgaben zur Wahl, anderswo nur zwei.
SPIEGEL: Für Sie müsste der Bildungsföderalismus doch ein Segen sein. Immerhin bringt Ihr Verlag deshalb jedes Jahr 340 neue Prüfungsbücher heraus – eines für jedes Fach in jedem Bundesland.
Heidrich: Es stimmt, das dezentrale Abitur, die starke Regionalisierung, das ist unser Kerngeschäft. Wobei es natürlich sehr aufwendig ist, innerhalb weniger Monate 340 Bücher zu veröffentlichen.
SPIEGEL: Es gibt in Deutschland zwar noch immer kein Zentralabitur, aber ab diesem Schuljahr immerhin einen gemeinsamen Aufgabenpool für Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch, aus dem sich die Bundesländer bedienen können.
Heidrich: Das ist ein erster Schritt: der Versuch, bei einem System, das nicht auf Gleichheit ausgerichtet ist, gemeinsame Grundlagen zu schaffen.
SPIEGEL: Fürchten Sie, dass die Bildungsminister Ihnen irgendwann das Geschäftsmodell kaputt machen?
Heidrich: Ich glaube nicht, dass es wirklich ein bundesweites Zentralabitur geben wird, und ich halte es auch nicht für sinnvoll. Bildung wird von Menschen gemacht, und Menschen sind verschieden. Das sollte man nicht vereinheitlichen.
SPIEGEL: Das erklären Sie mal jemandem, der sein Wunschstudium nicht antreten kann, weil seine Prüfung schwerer war als in einem anderen Bundesland.
Heidrich: Wichtiger ist doch, dass man erst die formalen Vorgaben regelt: Welche Leistung geht wie ins Abitur ein? Was wird in der Prüfung erwartet? Und dann müssen sich die Schüler passgenau auf das vorbereiten, was in ihrem Land gefordert wird.
SPIEGEL: Wie fühlt es sich an, Bücher zu verlegen, die niemand gern lesen möchte?
Heidrich: Unsere Bücher sind wie Kopfschmerztabletten: Sie wirken. Es geht darum, dass die Aufgaben darin genauso aussehen wie in der Prüfung. Bunte Bildchen sind da eher hinderlich.
SPIEGEL: Sie bieten Lernhilfen auch für die Grundschule an. Müssen Viertklässler schon so hart für Prüfungen büffeln?
Heidrich: Es gibt die Nachfrage, gerade bei uns in Bayern. Der Übertritt auf die weiterführende Schule mit den starren Notengrenzen wird ja oft als "Grundschulabitur" bezeichnet. Auch wenn ich das selbst schrecklich finde. Es ist nicht gut für die Kinder, dass sie den Druck so früh spüren.
SPIEGEL: Trotzdem verdienen Sie daran.
Heidrich: Wir machen kein Geschäft mit Angst. Wir bieten lediglich die Möglichkeit, sich gut vorzubereiten. Wenn, dann verdienen wir an Beruhigung. Und wenn Grundschüler merken, dass unsere Bücher ihnen helfen, greifen sie vielleicht später bei der Abschlussprüfung wieder zu.
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, dass Grundschüler von heute als Abiturienten noch gedruckte Bücher kaufen?
Heidrich: Solange die Prüfungen mit Papier und Stift geschrieben werden, wird es auch noch Lehrbücher geben.
SPIEGEL: In den USA etwa sind computergestützte Lernmittel selbstverständlich. Haben deutsche Schulbuchverlage die Digitalisierung verschlafen?
Heidrich: Die Politik muss zunächst einmal die Rahmenbedingungen dafür schaffen. An vielen Schulen gibt es nicht mal Breitbandinternet. Wenn wir unsere Bücher um interaktive Elemente erweitern wollen, müssen wir nach wie vor CDs beilegen. Die werden anderswo höchstens noch als Kaffeeuntersetzer verwendet.
Interview: Anna Clauß, Miriam Olbrisch
Von Anna Clauß und Miriam Olbrisch

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