22.10.2016

JanFleischhauerDer schwarze KanalHeterosexuelle Aneignung

Viele Menschen finden es beleidigend, wenn man schlecht über sie spricht. Das wusste ich. Was ich nicht wusste: Manche Leute fühlen sich schon diskriminiert, wenn jemand sagt, er finde dies oder das gut, ohne dass sie dabei ausdrücklich erwähnt werden. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat vor ein paar Tagen über sein Familienbild gesprochen. Jeder solle nach seiner Fasson glücklich werden, sagte er. Aber die meisten Menschen würden eben immer noch die klassische Ehe bevorzugen, und das sei auch gut so.
Kretschmann ist 68 Jahre alt, katholisch und seit vier Jahrzehnten mit derselben Frau verheiratet. Das Bekenntnis zur Ehe sollte bei jemandem wie ihm also nicht allzu sehr überraschen. Trotzdem haben sich in seiner Partei, den Grünen, einige Leute wahnsinnig aufgeregt, weil Kretschmann es unterlassen hatte, homosexuelle Paare als Vorbild zu nennen. Die Grüne Jugend warf ihm vor, er befeuere den "gesellschaftlichen Rollback", indem er den Kampf der Schwulen und Lesben um Gleichberechtigung hintertreibe. Genau genommen schließt das Lob der Ehe gleichgeschlechtlich liebende Menschen nicht aus. Auch Lesben und Schwule können heute in Deutschland heiraten, aber das ging in der Aufregung irgendwie unter.
Der Nachsatz "und das ist auch gut so" wurde Kretschmann besonders übel genommen. Der Satz stammt von Klaus Wowereit, dem ehemaligen Bürgermeister von Berlin, der damit sein Schwulsein öffentlich machte. Dass Kretschmann den Ausspruch entlehnte, um die Ehe zu rechtfertigen, wurde von den Kretschmann-Kritikern als Affront aufgefasst.
Aus Amerika kommt der Begriff der "kulturellen Aneignung", wonach die Nachahmung der Ausdrucksweisen einer Minderheit einen Akt der Herabwürdigung darstellt. Die Diskriminierung beginnt damit, dass man sich zu Halloween einen Sombrero aufsetzt und einen Mexikaner imitiert. Auch eine Perücke bei einem Mann kann verletzend wirken, weil das den langen Kampf der Transgenderpersonen um Anerkennung verächtlich macht. Die "New York Times" hat Beispiele gegeben, welche Verkleidungen unbedenklich sind (Malstift, Starbucks-Becher) und welche beleidigend (Geisha, Dragqueen).
Ich lebe seit Längerem in München. Über fünf Millionen Menschen waren dieses Jahr wieder auf dem Oktoberfest, allen Warnungen zum Trotz. Die meisten tragen bei dem Besuch eine Lederhose oder ein Dirndl, auch wenn sie keine Bayern sind. Ein klarer Fall von kultureller Aneignung, wenn Sie mich fragen, aber interessanterweise regt sich in München niemand darüber auf. Die Leute können aus Indien oder dem Senegal stammen: Wenn sie zur Wiesn in Tracht erscheinen, versteht das der Bayer nicht als Abwertung seiner Lebensweise, sondern als Bestätigung, dass eigentlich alle so leben wollen wie er.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Markus Feldenkirchen und Jan Fleischhauer im Wechsel.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 43/2016
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