22.10.2016

Sachsen IIIMöbliert mit Küche

Jaber Albakr hantierte schon im Sommer in einem Hotel mit Sprengstoff und wurde der Polizei gemeldet – doch die erkannte die Brisanz nicht.
Als Jaber Albakr im August nach einem längeren Syrienaufenthalt zurück nach Deutschland kam, brauchte er eine Küche. Auf der Suche nach einer Unterkunft betonte er immer wieder: Die Örtlichkeit müsse über eine Küche verfügen. Der mutmaßliche Terrorist wurde fündig, in Leipzig mietete er sich in einem Apartmenthotel ein.
Am 1. September, nach zehn Tagen im Hotel, verschwand er – und hinterließ ausgerechnet jene Küche, die ihm so wichtig gewesen war, verwüstet. Ruß war an den Wänden, der Lack der Arbeitsplatte abgehoben, das Spülbecken lädiert wie von Säureschäden, an der Dunstabzugshaube waren braune Flecken, die von Flammen stammen könnten.
Der verärgerte Hotelbesitzer erstattete Anzeige bei der Polizei und schickte Fotos der demolierten Küchenzeile. Es sah aus, "als ob jemand zu stark flambiert hätte" oder "als ob die halbe Küche explodiert sei", sagen Personen, die die Fotos kennen.
Inzwischen sind die Ermittler jedenfalls überzeugt, dass Albakr sich in der Bleibe keineswegs an der Zubereitung von Speisen versuchte. Er arbeitete offenbar mit verschiedenen Chemikalien zur Sprengstoffherstellung. Und damit offenbart sich in der pannenreichen Geschichte um den mutmaßlichen Terroristen ein weiterer, potenziell schwerwiegender Fehler: Die Polizei verpasste die Chance, dem Syrer viel früher auf die Spur zu kommen.
Zwar besichtigten Beamte der Leipziger Polizei nach der Anzeige des Hoteliers die verwüstete Küche. Doch die Spuren dort untersuchten sie nicht. Sie gingen von einer normalen Sachbeschädigung aus. Schäden in Höhe von gut 6000 Euro seien entstanden, heißt es.
Und noch etwas ging schief. Albakr hatte das Zimmer offenbar auf seinen richtigen Namen gebucht. Doch ergab eine Überprüfung der Personalien durch die Polizei in den gängigen Datenbanken keinen Treffer. In Ermittlerkreisen glaubt man heute, den Grund dafür zu kennen: Albakr soll seinen Namen im Hotel verkehrt herum eingetragen haben: den Vornamen "Jaber" als Nachnamen, den Nachnamen "Albakr" als Vornamen. "Es ist schon irritierend, dass da anscheinend niemand versucht hat, das Ganze mal andersherum einzugeben", heißt es in Ermittlerkreisen.
In Wahrheit ist es sogar besorgniserregend. Denn Jaber Albakr war mit seinen Plänen offenbar deutlich weiter, als in den ersten Tagen nach seiner Ergreifung durch syrische Flüchtlinge bekannt wurde.
Ende August, während Albakr in seiner Leipziger Küche schon mit Sprengstoffzutaten köchelte, bekamen die deutschen Behörden Hinweise durch ausländische Geheimdienste. Telefonate in die syrische Terrorhochburg Rakka waren aufgefallen. Das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz übernahm den Fall – allerdings ohne zu wissen, um wen es sich handelte. Mitte September tauschten sich die Sicherheits- und Ermittlungsbehörden im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum in Berlin erstmals über den Fall aus, ab dem 22. September wurden Überwachungsmaßnahmen geschaltet.
Eine Woche später hörten die Behörden sogar ein Gespräch ab, in dem von der Ankunft weiterer Männer die Rede gewesen sein soll. Mutmaßliche Anschlagshelfer? Doch von wem? Dass es sich bei dem Gesuchten um Albakr handelte, war den Verfassungsschützern noch nicht bekannt.
Während die Behörden ein Phantom jagten, trieb Albakr seine Pläne voran. Bis zum 4. Oktober bestellte er mit Gutscheinen bei Amazon Zutaten für eine Bombe. Rund 500 Gramm Sprengstoff mischte er bereits fertig, rund 800 Gramm an weiteren Zutaten hatte er offenbar in Besitz.
Er fuhr nach Berlin, wahrscheinlich mit einem Fernbus des Unternehmens Flixbus. Am Flughafen Tegel fingen Überwachungskameras sein Bild auf. Die Aufnahmen sollen zeigen, wie er sich dort offenkundig interessiert umschaute. Wahrscheinlich kundschaftete er sein Ziel aus. Er war schon ganz weit.
Am 5. Oktober buchte er mit seinem vollen Namen ein Hotel in Berlin. Bei deutschen Verfassungsschützern ging unterdessen eine dringliche Warnung aus dem Ausland ein. Ein Anschlag stehe kurz bevor; ein Anrufer aus Deutschland habe in einem verdächtigen Telefonat sinngemäß gesagt, er sei nun fertig. Kurz darauf gelang es den Verfassungsschützern, Albakr über die Hotelbuchung zu identifizieren. Als er auch noch Heißkleber kaufte, entschieden sie sich für den Zugriff.
Nun, nach Albakrs Selbstmord, suchen die Ermittler des Bundeskriminalamts, der Bundesanwaltschaft und die Nachrichtendienste nach Unterstützern Albakrs – auch um künftigen Attentätern das Leben schwerer zu machen. Hoffnung setzen sie dabei in die Kooperationsbereitschaft jenes Mannes, der Albakr seine Wohnung in Chemnitz zur Verfügung stellte und ihm 2250 Euro Bargeld in fremdem Auftrag übergab. Er sitzt als mutmaßlicher Mittäter in Haft.
Bislang hat Khalil A. den Ermittlern eine mysteriöse Spur nach Nordrhein-Westfalen offenbart. Nun hoffen sie, dass A. ihnen noch mehr erzählt. Und dass er die Wahrheit sagt.
Von Maik Baumgärtner, Hubert Gude, Ludwig Krause, Fidelius Schmid und Steffen Winter

DER SPIEGEL 43/2016
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