22.10.2016

TierschutzZoff in der Manege

Bären, Affen und Elefanten verschwinden aus den Zirkussen, weil viele Städte ihre Auftritte verbieten.
Der Mann, der ein Tierquäler sein soll, geht zu den zwei Giraffen, die Blätter von abgeschnittenen Zweigen rupfen. Dann stellt er sich vor das Außengehege der vier Elefanten, umgrenzt von einem Eisengitter. Schließlich lässt er sein Flusspferd Jedi aus dem Badetank steigen, auf den er so stolz ist. Als Jedi, über zwei Tonnen schwer, das Maul aufsperrt, wirft der Zirkusdirektor Kraftfutter hinein.
"Wir tun alles, damit es unseren Tieren gut geht", sagt Alois Spindler, Zirkusmann in neunter Generation, auch seine drei Kinder arbeiten im Circus Voyage. "Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen, trotzdem werden wir benachteiligt."
Spindler ist sauer auf die Tierschützer, denen er "Volksverhetzung" vorwirft, und auf Politiker, die deren Argumenten blind folgen. Seine Truppe wirbt mit der "größten tierischen Circus-Show", sie gastiert in Biberach an der Riß. Hinter Spindler errichten Männer die Pylonen für das Zelt. In München, dem vorigen Tourneeort, darf die Show nicht mehr am angestammten Platz im Stadtteil Trudering stattfinden. Die Stadt duldet auf der Festwiese keine Zirkusvorstellungen mit Wildtieren mehr.
Mehr als 50 Kommunen haben ähnliche Beschlüsse gefasst, jüngst unter anderen Bielefeld, Erfurt, Heilbronn, Leipzig, Passau und Rostock. Meistens trifft das Verbot die "großen sechs": Bär, Elefant, Giraffe, Nashorn, Flusspferd, Menschenaffe.
Stuttgart könnte die nächste Metropole werden, die Großtiere verbannt. Hier ist die Liste sogar länger und umfasst auch Flamingos und Lamas. Derzeit sind Vorführungen noch auf dem Cannstatter Wasen erlaubt, dem Festplatz am Neckar. Im Oktober gastiert dort der Circus Carl Busch mit den Elefanten Carla und Mashibi. Im Dezember folgt der Weltweihnachtscircus mit rund 50 Vorstellungen, in denen Seelöwen ihre Tricks zeigen.
Dann soll Schluss sein mit dem tierischen Defilee, das wollen Grüne, SPD und die Fraktionsgemeinschaft der Linken, die im Rat über eine Mehrheit verfügen, gemeinsam beantragen. "Viele Dressuren passieren nur unter Zwang", sagt Christoph Ozasek von der Linken in Stuttgart, der den Antrag mitformuliert hat.
Auch die Landesbeauftragte für Tierschutz, die Grünen-Vertreterin Cornelie Jäger, will die Wildtiere aus der Manege verbannt sehen: "Bestimmte Tierarten können im Zirkus nicht artgerecht gehalten werden." Außerdem bestehe in der Bevölkerung inzwischen "ein gewisses Unbehagen", wenn Tiger durch Reifen springen oder Bären auf Bällen balancieren. Manche Tiere seien schlicht gefährlich.
Vor einem Jahr riss in Buchen im Odenwald ein Elefant aus und tötete einen Spaziergänger. Jägers Stabsstelle hat Musteranordnungen entworfen, mit denen Kommunen die Zirkusse verpflichten können, ihre Gehege zu sichern. Solche Regeln seien nur eine Notlösung, sagt Jäger: "Wünschenswert ist ein bundesweites Verbot für bestimmte Tierarten." Peta und andere Tierschutzorganisationen fordern es schon lange. In einer Kampagne des Deutschen Tierschutzbundes heißt es neben dem Foto eines Zirkusbären: "Zirkus für Sie. Folter für ihn."
Der Bundesrat hielt im März fest, dass eine artgerechte Haltung "in einem reisenden Zirkus schon im Grundsatz nicht erfüllt werden" könne. Zum dritten Mal, nach 2003 und 2011, forderte er die Bundesregierung auf, eine Rechtsverordnung zu erlassen. Doch der Bund, zuständig für den Tierschutz, mag bisher keine systematische Quälerei in den Zirkussen feststellen. Laut einem Sachstandsbericht der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags von 2015 gibt es keine unabhängigen Studien, "die belegen, dass es sich bei der Haltung von ,Wildtieren' im Zirkus nicht nur in Einzelfällen um Tierquälerei handelt".
Wiederholt haben Zirkusse erfolgreich gegen Auflagen geklagt, einige wollen nun gemeinsam gegen Düsseldorf und Schwerin vor Gericht ziehen. Das Verwaltungsgericht Chemnitz befand 2008, ein Auftrittsverbot greife "unzulässig in die Freiheit der Berufsausübung" ein. Das Verwaltungsgericht München hingegen gestand den Kommunen Verbote zu. Die Zirkusse sehen sich von Protestierern verfolgt. Sie berichten von zerstörten oder beschmierten Plakaten und von Demonstranten, die Zuschauer einschüchterten. "Einige Eltern trauen sich nicht mehr, mit den Kindern in den Zirkus zu gehen, weil sie fürchten, von den anderen Eltern im Kindergarten kritisiert zu werden", sagt der Sprecher des Circus Carl Busch, Sven Rindfleisch. Dabei hätten die Auftritte der Elefanten mit herkömmlicher Dressur nichts zu tun, die Tiere würden nicht in entwürdigenden Posen ausgestellt. Frank Keller, einer von zwei Tierschutzbeauftragten des Circus Krone, sagt, die Auflagen für die Zirkusse seien schon jetzt strikt.
Die Regeln betreffen eine sinkende Zahl von Tieren in Deutschland. Jedi ist das letzte Flusspferd auf Tour, das alte Nashorn des Circus Voyage ist kürzlich verstorben. Ein Veterinäramt in Niederbayern beschlagnahmte im Frühjahr in einem anderen Zirkus den letzten Bären. Und Robby, der einzige Zirkusschimpanse, darf laut einem Gerichtsbeschluss nicht mehr zur Schau gestellt werden.
Bleiben rund 25 zumeist betagte Elefanten. "Wenn unsere Gesellschaft diese Tiere nicht mehr im Zirkus sehen will, muss sie sich auch fragen, wohin sie sollen", sagt Cornelie Jäger, die Tierschutzbeauftragte. Der Zoo Karlsruhe übernahm im Juni einen Elefanten mit Sehschwäche, er will eine Altersresidenz für die Tiere einrichten. Auch dagegen protestieren Tierschützer: Elefanten gehörten nicht in ein enges Zoogehege.
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 43/2016
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