22.10.2016

LeitkulturBunkerwelt

Alexander Osang über das Verschwinden von Häusern und Geschichte
Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau sollte abgerissen werden. Jetzt heißt es: Das Haus wird bis zur Unkenntlichkeit verändert. Darüber streitet sich gerade ganz Österreich. Was dabei untergeht: Das Berliner Haus, in dem ich einen wichtigen Teil meines Lebens verbracht habe, wird wirklich abgerissen. Die Österreicher wollen ihre unschöne Vergangenheit verschwinden lassen. Die Berliner wollen das auch. Unter anderem.
Das Haus, in dem ich einst gewohnt habe, steht in der Wilhelmstraße und war der allerletzte Plattenbau der DDR. Er wurde konsequenterweise erst fertig, als es das Land schon jahrelang nicht mehr gab. Ein Abschiedswitz der Planwirtschaft. Sie hat ihr großes Wohnungsbauprogramm im Totenreich vollendet.
Ich zog im Herbst 1992 mit meiner Freundin ein, wenige Wochen bevor mein Sohn geboren wurde. Wir waren fast zu dritt. Unsere Wohnung befand sich im siebten Stock, war 75 Quadratmeter groß und roch noch ganz neu. Aus dem Fenster sah man das Brandenburger Tor. Als ich die Wohnung das erste Mal besichtigte, stellte sich der Hausmeister neben mich ans Fenster und sagte: "Dit wird ma der Ku'damm des Ostens." Ich zweifelte nicht daran. Ich war 30 Jahre alt, dies war die luxuriöseste Wohnung, in der ich bis dahin gelebt hatte. Unsere Nachbarn bewohnten Maisonettes. In einer lebte ein geheimnisvoller Handelsmann aus dem Nahen Osten mit seiner schönen, offenbar unglücklichen Ehefrau; in der anderen ein blasses, westdeutsches Ehepaar.
Zunächst lautete unsere Adresse Otto-Grotewohl-Straße. Grotewohl war der erste Ministerpräsident der DDR. Das musste man sich nicht merken, die Straße wurde bald in Wilhelmstraße umbenannt. Etwa zu der Zeit zog das blasse Ehepaar zurück in den Westen und bot uns seine Maisonettewohnung an. 160 Quadratmeter mitten in Berlin. Zwei Etagen. Vorn sah man das Brandenburger Tor, den Reichstag, hinten den Fernsehturm und den Berliner Dom. Die Miete betrug knapp 700 Mark. Ich konnte mein Glück kaum fassen.
Nachts lief ich manchmal angetrunken die Wendeltreppe hoch und runter und summte: Heut' geh ich ins Maxim.
Auf der anderen Straßenseite lebten Birgit Breuel, Angela Merkel, Katarina Witt, Rolf Hochhuth und Gerhard Schürer, der früher einmal Chef der DDR-Plankommission gewesen war. In unserem Haus wohnten keine Prominenten, sondern, abgesehen von unserem geheimnisvollen Nachbarn, einfache Leute. In der zweiten Etage lebte ein riesiger Mann, der an multipler Sklerose erkrankt war und über die Jahre erstarrte, sowie eine kleine Rollstuhlfahrerin, die viel rauchte und bald starb. Im Erdgeschoss war ein Steakhaus.
Das mit dem Ku'damm des Ostens wurde nichts, aber wir sahen aus unserem Fenster, wie der Reichstag erst verhüllt und dann renoviert wurde. Wir sahen das Hotel Adlon wachsen und später die britische Botschaft, wir sahen dem Berlin Marathon und der Love Parade zu. Als die European Music Awards vorm Brandenburger Tor verliehen wurden, filmte ein MTV-Kamerateam von unserem Balkon. Mitte der Neunzigerjahre verließ uns ein amerikanisches Au-pair, weil sie Angst vor der russischen Fahne hatte, die auf dem Botschaftsdach vor ihrem Fenster wehte. Sie kam aus South Carolina und dachte, der Russe hole sie in der Nacht. Wir ersetzten sie durch eine furchtlose Katalanin.
Kurz vor der Jahrtausendwende wurde meine Tochter geboren, wenig später gingen wir nach Amerika. Wir zogen in ein schmales Haus in Brooklyn, das etwa so groß war wie die Wohnung in der Wilhelmstraße, aber zehnmal so viel Miete kostete. Dieser Unterschied wird nun beseitigt. Der Neubau, der in der Wilhelmstraße entstehen wird, sieht zwar genauso hässlich aus wie mein altes Haus, beherbergt aber Eigentumswohnungen, die im Schnitt 12 000 Euro pro Quadratmeter kosten. Wie man hört, sind schon fast alle weg.
Berlin will ja so gern wie New York sein.
Einmal, als wir zu Besuch in Deutschland waren, gingen wir aus sentimentalen Gründen im Steakhaus essen, und nach zwei Bier klingelte ich bei unseren Nachmietern. Sie hießen Marx. Es war ein freundliches Bonner Ehepaar, der Mann arbeitete im Bundestag. Sie zeigten die Wohnung, die in unseren New Yorker Jahren geschrumpft zu sein schien wie ein Platz meiner Kindheit. Die Decken hingen so tief, dass ich den Kopf einzog. Zum Abschied gab mir Herr Marx ein Täschchen, das er in einer Kammer der Wohnung gefunden hatte. Es war eine Handgelenktasche aus Kunstleder, die mir meine Tante zum 14. Geburtstag geschenkt hatte. Sie war mit Dingen gefüllt, die mir damals wichtig waren. Ein paar Urkunden für gutes Lernen in der sozialistischen Schule, der Wanderausweis der Deutschen Demokratischen Republik, meine Ausweise als Gesundheitshelfer des DRK, als Mitglied der Freien Deutschen Jugend sowie der von der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft.
Angela Merkel, Birgit Breuel und Katarina Witt zogen fort aus der Wilhelmstraße, Gerhard Schürer starb, Rolf Hochhuth wurde wunderlich, und nun ist auch bald das Haus weg, in dem meine Kinder ihre ersten Lebensjahre verbracht haben. Alles, was ich noch habe, ist die Handgelenktasche mit den Papieren. Vielleicht drücke ich die irgendwann mal einem der eifrigen Japaner in die Hand, die in der Wilhelmstraße bis heute vor allem nach Überresten des Führerbunkers suchen, auf dessen Trümmern die letzten Plattenbauten errichtet worden waren.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 43/2016
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