22.10.2016

Die SamstagsfrageWerden Arzneimittel für Patienten jetzt billiger?

Eine gute Nachricht für Patienten: Wer sein Rezept bei einer ausländischen Versandapotheke einlöst, kann jetzt Geld sparen. Dafür hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg am vergangenen Mittwoch gesorgt. Er kippte das Rabattverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel. Weil davon auszugehen ist, dass die Rechtsprechung in Deutschland dem Urteil folgt, bietet die niederländische Internetapotheke DocMorris ab sofort zwei Euro Nachlass auf jedes Medikament. Statt bis zu zehn Euro Zuzahlung sind dort also nur noch acht Euro fällig. Man stelle sich vor, alle deutschen Kassenpatienten würden ihre Medikamente ab sofort im Ausland beziehen. Bei etwa 600 Millionen verschreibungspflichtigen Verordnungen pro Jahr käme ein Milliardenbetrag zusammen.
Für die deutschen Apotheker kommt das Urteil einer Katastrophe gleich. Bislang legt der Gesetzgeber fest, dass ein Medikament überall gleich viel kostet. Das ist bequem, weil kein Apotheker Angst haben muss, dass die Konkurrenz mit Rabatten lockt. Und weil die Preise höher sind als in anderen EU-Staaten, sichern sie ein gutes Auskommen. Zumal in Kombination mit Hustenbonbons, Vitaminpillen und Aufbaupräparaten, die inzwischen oft einen Gutteil des Verkaufsraums einnehmen. Dass es in vielen deutschen Städten mehr Apotheken als Metzgereien gibt, dürfte weltweit einmalig sein. Zwar ist ihre Zahl zuletzt leicht gesunken. Doch mit 4000 Einwohnern pro Apotheke ist die Pharmazeutendichte noch immer hoch. In Dänemark kommen 17 700 Einwohner auf eine Apotheke, obwohl die Dänen nicht seltener krank werden.
Bislang konnten sich die Apotheker auf die Politik verlassen, egal wer regierte. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) stellte sich jetzt wieder auf ihre Seite. Auch von der CSU, der SPD und der Linkspartei kommen Stimmen, wonach es ein Gesetz geben sollte, das den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln schlicht verbietet.
Die Freude der Patienten über das EuGH-Urteil wäre dann nur von kurzer Dauer. Gröhe könnte sich fortan Bundesapothekenminister nennen.
Von Neu,

DER SPIEGEL 43/2016
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