22.10.2016

DemografieEin Land geht in Rente

Deutschland diskutiert seit Jahren über drohende Überalterung. In Japan ist bereits heute zu besichtigen, was aus Wohlstandsgesellschaften wird, wenn sie vergreisen: nichts Gutes.
Kiyomi Hamai hat sich in einem Nachbarschaftszentrum zwischen Tokio und Yokohama verabredet. Das hat seinen Grund. Der 78-Jährige muss hier nichts für den Strom bezahlen. Die Klimaanlage läuft, und ihm kann es egal sein, was es kostet.
Der Alte zeigt seinen amtlichen Rentenbescheid, der auf etwas über 90 000 Yen im Monat lautet. Das sind umgerechnet knapp 800 Euro und zu wenig, um würdig zu leben. Also spart er, wo er kann. Abends wartet er vor dem Supermarkt darauf, dass die Preise für Fertiggerichte herabgesetzt werden.
Sein Schicksal ist beschämend. Eine Ausnahme ist es nicht. Altersarmut ist in Japan keine Horrorvision am Horizont. Sie ist Realität. Das ganze Land wird mehr und mehr zum Modellfall für die Zukunft westlicher Gesellschaften. Was geschieht, wenn Wohlstandsnationen vergreisen, wenn ein Land in Rente geht, kann man hier beobachten.
Vor allem begreift man: Zwar überaltern Gesellschaften nicht über Nacht. Vieles ist vorhersehbar. Der Schrecken, keine Zukunft mehr zu haben, kommt für viele dann doch überraschend.
Auch für Hamai. Das mag daran liegen, dass er vielleicht naiv war und – wie erstaunlich viele Japaner – kaum für sein Alter vorgesorgt hat. Schätzungen zufolge zahlen nur 40 Prozent der Beitragspflichtigen in die staatliche Rentenversicherung ein.
Doch Hamai hatte als selbstständiger Klempner einfach zu viel zu tun, vor allem während des Baubooms der Achtziger- und frühen Neunzigerjahre. Er kam kaum dazu, über die Zukunft nachzudenken. Nie hätte er erwartet, dass Japans Immobilienblase platzen würde.
Und er hatte auch nicht damit gerechnet, dass seine Frau durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt werden würde. Sieben Jahre lang, bis zu ihrem Tod, musste sie gepflegt werden. Hamais Ersparnisse wurden aufgebraucht, er lebt von Sozialhilfe.
Er würde gern wieder arbeiten. Doch er sagt: "Meine Augen sind jetzt leider zu schwach, um Rohre zu verschweißen." Dann geht er hinaus, Richtung Supermarkt, auf Sonderangebote hoffend.
Was demografischer Wandel bedeutet – und wie rasant er eine Gesellschaft umwälzen kann – ist in Japan keine theoretische Frage mehr. Mehr als ein Viertel der Japaner sind bereits heute 65 Jahre alt oder älter. Zieht man die Todesfälle von den Geburten ab, verlor Japan allein im vergangenen Jahr 284  772 Einwohner, eine Rekordzahl. Und da sich der Trend auf absehbare Zeit kaum umkehren lässt, ist der Weg vorgezeichnet: Bis 2060 wird sich das 127-Millionen-Volk voraussichtlich auf 87 Millionen verkleinern. Einwanderer könnten das in Japan verhindern, doch die Inselnation legt Wert auf ihre kulturelle Eigenart, sie bleibt lieber unter sich.
Das große Schrumpfen setzt ein, schon heute lässt sich in Japan besichtigen, was mit zeitlicher Verzögerung auch dem alternden Deutschland droht. Beide Industrieländer haben ihre Sozialsysteme wie die Rentenversicherung in Zeiten des Wirtschaftswunders errichtet, unter der Voraussetzung, dass künftige Generationen ausreichend nachwachsen und sie finanzieren würden. Doch diese Basis bröckelt. Besonders dringend muss nun Japan sein industrielles Modell überdenken. Das beruhte darauf, mit vielen Menschen viele Waren zu produzieren – ähnlich wie es später Südkorea und China nachgeahmt haben.
Weil die oft gnadenlos perfektionistische Dienstleistungsgesellschaft trotzdem funktionieren soll, ist man in Japan umgeben von malochenden Greisen. Selbst spät nach Feierabend liefern über 70-jährige Boten noch Pakete aus, mit bescheidener Höflichkeit und ohne je zu klagen. Alte helfen in Supermärkten aus, sie arbeiten am Empfang großer Firmen, bewachen Gebäude und fahren Taxis.
Selbst von den über 75-Jährigen arbeiten noch 16 Prozent, berichtet die Stiftung Shigoto Zaidan in Tokio. Die Einrichtung schult Senioren für eine zweite oder dritte Karriere. Doch die meisten enden als "Hiseiki" – als "nicht Reguläre", die keine feste Anstellung bekommen und schlecht bezahlt werden.
Japan darf sich nicht zur Ruhe setzen. Auf Baustellen oder in Büros – überall werkeln faltige, knöchrige Hände. Die uniformierten Putzkolonnen bestehen oft nur aus Senioren. Chieko Koreeda, 81, reinigte bis vor zwei Jahren täglich ein Büro in Yokohama, bis sie zweimal hinfiel und sich beide Beine brach. Jetzt geht die Witwe am Stock, ihre Rente beträgt 45 000 Yen im Monat – knapp 400 Euro. Sie kann nur überleben, weil sie privat etwas gespart hat.
Es geht nicht nur um das Schicksal der Alten. Japans Gesellschaft fehlt insgesamt die Perspektive. Darunter leiden vor allem die Jungen. Sie müssen für jeden Alten, der ausfällt, länger arbeiten. Sie müssen die enormen Kosten für Pflege und Betreuung erwirtschaften. Sie müssen immer mehr Lasten schultern – ohne Aussicht darauf, dass ihr Leben einmal besser wird.
Hoffnungslosigkeit breitet sich aus in ihrer Generation. Viele heiraten nicht, sondern wohnen weiter bei ihren Eltern. Manche brechen unter der Last zusammen und verabschieden sich für immer, wie Matsuri Takahashi.
Als die damals 24-Jährige im vergangenen Jahr eine Stelle bei Dentsu, der mächtigsten Werbeagentur des Landes, bekam, muss ihr das wie ein Traumjob vorgekommen sein. Sie wurde im Team für Internetwerbung eingesetzt. Acht Monate später schrieb sie an ihre Mutter per E-Mail: "Vielen Dank für alles". Dann sprang sie aus dem firmeneigenen Wohnheim in den Tod.
"Karoshi" lautet der Befund der Aufsichtsbehörde: "Tod durch Überarbeitung". Die junge Frau soll bis zu 105 Stunden im Monat Überstunden geleistet haben – 25 Stunden länger als das Pensum, über dem nach japanischer Definition das Risiko von Karoshi beginnt. "Wieder wurde festgelegt, dass ich auch Samstag und Sonntag arbeiten muss", hatte sie vor ihrem Tod auf Twitter geklagt, "ich möchte wirklich sterben."
Das ist der eigentliche, der fatale Befund an der Entwicklung in Japan: Die Vergreisung bringt ein ganzes Land aus dem Gleichgewicht. Ob Jung oder Alt – niemand profitiert von der demografischen Schieflage. Alle leiden.
Im ländlichen Japan ist die Vergreisung schon weit vorangeschritten, etwa in der Präfektur Akita im Nordwesten. Ein Drittel der Einwohner ist hier 65 oder älter. Viele Junge wanderten nach Tokio oder in andere Großstädte ab. Zurück bleiben oft geschlossene Läden, leere Grundstücke.
Die Folgen dieser Entvölkerung: Randgebiete müssen aufgegeben werden; zentrale Einrichtungen wie Behörden, Krankenhäuser, Pflegeheime werden auf die Städte konzentriert.
Selbst Tokio ist vor der Entwicklung nicht mehr sicher. Noch wächst die 13,6-Millionen-Hauptstadt, weil sie die Jungen aus den Regionen anlockt. Allein im vergangenen Jahr kamen 120 000 Einwohner hinzu. Doch bereits ab 2020, wenn Tokio die Olympischen Spiele austragen will, wird voraussichtlich auch hier die Bevölkerung zu schrumpfen beginnen – bis 2060 um rund drei Millionen. Und sie wird älter und älter.
Die Megacity ist schon jetzt überfordert mit der Überalterung. Es ist Freitagnachmittag im Tokioter Bezirk Ota. Für Naomi Kawai, Leiterin einer privaten Altenpflegestation, und ihre Kollegen beginnt die Schicht. Auf elektrischen Fahrrädern hetzen sie durch enge Gassen, um gebrechliche Alte zu betreuen. Jede Minute ist verplant.
Immer wieder kommt etwas dazwischen, wie heute bei der über 90-jährigen Frau Tajima, die unter Demenz leidet und ihre Augen nicht mehr öffnet. "Was ist das denn?", ruft Kawai, während sie der Greisin die Windel wechselt. Der Hintern der Bettlägrigen ist wund. Und nun verzögern sich alle folgenden Termine: Kawai muss die geröteten Stellen erst einmal desinfizieren und eincremen.
"Eigentlich brauchte sie jemanden, der sie ständig betreut", sagt Kawai. Doch der Ehemann, der sie gepflegt hat, ist längst gestorben; und ihr Sohn, mit dem sie zusammenwohnt, arbeitet tagsüber. Frau Tajima liegt in einem dieser automatischen Betten, die täglich in der japanischen Fernsehwerbung angepriesen werden: Die Matratze hebt und senkt sich automatisch. Doch die liebevolle Betreuung durch menschliche Hände lässt sich dadurch kaum ersetzen.
Die Alte hat noch Glück. Viele ähnliche Pflegeanträge werden abgelehnt. Und die Situation spitzt sich weiter zu: Bis 2025, wenn Japans greise Babyboomer 75 Jahre alt werden, dürften rund 380 000 Pflegekräfte fehlen. Japans Pflegeversicherung, vor 16 Jahren nach deutschem Vorbild eingeführt, stößt an ihre Grenzen. Die Zahl der Pflegefälle hat sich fast verdreifacht, auf über sechs Millionen. Um die Kosten von derzeit zehn Billionen Yen pro Jahr zu finanzieren, wurden die Monatsbeiträge mittlerweile weit mehr als verdoppelt.
Viele Pflegeleistungen werden bereits eingeschränkt: Statt in Heimen sollen Alte verstärkt zu Hause gepflegt werden, von Angehörigen. Das klingt vernünftig, doch es überfordert viele, die selbst hochbetagt sind oder Geld verdienen müssen. Jahr für Jahr geben rund 100 000 Japaner ihre Jobs auf, um Angehörige zu pflegen.
Zugleich verwahrlosen immer mehr Alte. Viele, die von ihrer niedrigen Rente nicht leben können, schämen sich, Sozialhilfe zu beantragen; sie wurden erzogen, niemandem zur Last zu fallen. Und so wiederholen sich die gleichen traurigen Geschichten: Erst wird verarmten Alten der Strom abgedreht, dann werden sie tot in ihren Wohnungen aufgefunden, nachdem sie mit ihren Mietzahlungen in Verzug gerieten. "Kodokushi" ("Tod in Einsamkeit") heißt das Phänomen.
Das Paradoxe ist: Es mangelt überall an Personal; Jahr für Jahr scheidet rund eine viertel Million Japaner aus dem Arbeitsmarkt aus. Doch die Löhne steigen kaum. Für Senioren seien sie in den vergangenen zehn Jahren gar gesunken, errechnete die Stiftung Shigoto Zaidan.
Um den Mangel aufzufangen, setzen die Industrieplaner auf Roboter und auf das Internet der Dinge, das immer mehr Bereiche der Wirtschaft vernetzt: Auf Kyushu, der Hauptinsel im Südwesten, eröffnete ein Hotel, in dem die Gäste bei Robotern ein- und auschecken – ganz ohne die Hilfe von menschlichem Personal.
Autobauer Toyota arbeitet an Robotern, die Alten und Gebrechlichen etwa das Gehen erleichtern. In 10 bis 20 Jahren könnte fast die Hälfte der Jobs in Japan durch intelligente Maschinen ersetzt werden, prophezeit das Nomura Research Institute in Tokio.
Allerdings mangelt es an Landsleuten, die die Steuerungssoftware für Roboter entwickeln. Allein in den kommenden vier Jahren dürften 360 000 IT-Spezialisten in Japan fehlen. Doch wer soll sie ausbilden? Rund 40 Prozent der Privatuniversitäten könnte langfristig die Schließung drohen – wegen des Geburtenmangels ziehen sie immer weniger zahlende Studenten an.
Noch schlimmer sieht es im Handwerk aus. Hier droht ein gewaltiger Verlust an Know-how. Bei kleinen und mittleren Firmen – sie beschäftigen rund 70 Prozent der Bevölkerung – sind die Bosse durchschnittlich über 66 Jahre alt. Allein 2015 gaben 23 000 Betriebe auf, auch weil sich keine Nachfolger fanden.
Kazuo Takahashi, 78, öffnet noch einmal die Werkstatt seiner Polsterei Takawa in Akita, der überalterten Stadt in Nordjapan. Es riecht nach Holz und Leim. Über fünf Jahrzehnte bezogen er und seine Leute hier Sitzmöbel für Kunden in aller Welt. "Ich habe sogar die Vereinten Nationen in New York beliefert", sagt er.
Vor einem Jahr gab er auf. Zwar fand er eine Firma im Nachbarort, die seine Traditionsmarke weiterführt. Doch zugleich überkommt Takahashi Wehmut: In der Umgebung sind schon viele Betriebe verschwunden, die Region verödet. Und die Zurückgebliebenen müssen mit steigenden Abgaben rechnen – wie letztlich das ganze Land.
In der fernen Hauptstadt Tokio beschwört Premier Shinzo Abe zwar den Wachstumsmythos vergangener Zeiten: Mit Blick auf die Olympischen Spiele facht er in der Hauptstadt eine Art Immobilienblase an. Überdies treibt er den Bau einer Magnetschwebebahn von Tokio nach Osaka voran – zusätzlich zum Shinkansen, dem Superschnellzug. Um den herrschenden Mangel an Arbeitskräften zu lindern, mobilisiert er die Reserven: Frauen, Behinderte und eben die Alten.
Den demografischen Verfall jedoch – und dessen finanzielle Folgen – kann auch Abe nicht aufhalten. Japan hat sich bereits mit dem Zweieinhalbfachen seiner Wirtschaftsleistung verschuldet. Um zumindest den wachsenden Sozialetat solide zu finanzieren, wollte die Regierung eigentlich die Mehrwertsteuer von acht auf zehn Prozent erhöhen. Doch diese unpopuläre Maßnahme hat Abe bereits zweimal verschoben.
Stattdessen setzt er auf die Notenbank in Tokio, die massiv Staatsanleihen aufkauft und so den Regierungshaushalt indirekt mitfinanziert. Auf Dauer könne kein Land so wirtschaften, sagt der Ökonom Tokuo Iwaisako von der Hitotsubashi-Universität in Tokio. "Die Rechnung werden künftige Generationen bezahlen müssen." Schon vor zwei Jahren rutschte Japans private Sparquote erstmals ins Minus. Von den Firmen kann der Staat kaum steigende Einnahmen erwarten. Sie verlagern seit Jahren Fabriken in Billiglohnländer. "Nach und nach könnten sie ganz abwandern", warnt der Professor.
Und die Japaner, die zurückbleiben? Sie werden bescheidener leben müssen.
Von Wieland Wagner

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