22.10.2016

KommentarDas TV killt den TV-Star

Wie die Kandidatur von Donald Trump implodierte
Sie waren düster, aggressiv, schrecklich. Doch nun liegen die drei Fernsehdebatten endlich hinter uns, und die Versuchung ist groß, Hillary Clinton bereits zur Wahlsiegerin auszurufen. Bis zur Wahl am 8. November sind es zwar noch gut zwei Wochen, doch Clintons Vorsprung ist so groß, dass Donald Trump eigentlich nur zwei Möglichkeiten zum Sieg hat: ein Ereignis, das alle Karten neu mischt; oder ein Versagen der Umfragen, wie es noch nie vorkam. Beides ist unwahrscheinlich. Trump lag während fast des gesamten Wahlkampfs zurück, die TV-Debatten wären seine Chance gewesen – stattdessen ließen ausgerechnet sie seine Kandidatur implodieren. Gewiss, auch das Video, in dem er mit sexuellen Übergriffen prahlte, war eine Katastrophe für ihn. Der eigentliche Wendepunkt war aber die erste Debatte, die Trump mit seiner Dünnhäutigkeit klar verlor. Kurz davor hatte Clinton in Umfragen mit wenig mehr als einem Prozentpunkt geführt. Vor der zweiten Debatte waren es fünf Prozentpunkte, vor der dritten gut sieben. Selbst in den USA ist es ungewöhnlich, dass TV-Debatten solche Auswirkungen entfalten. Und es ist eine ironische Wendung: Das Phänomen Donald Trump wurde im Fernsehen geboren. Zuerst als Reality-TV-Star, später als Medienstar in den republikanischen Vorwahlen. Ausgerechnet im Fernsehen wurde er nun wieder entzaubert (siehe auch Seite 113). Während der dreimal anderthalb Stunden zeigte sich Clinton als perfekt vorbereitete, erfahrene, schlagfertige Politikerin. Trump dagegen zeigte seine hässlichen Seiten. Mit jedem Mal wirkte er unseriöser, instabiler, kleiner. Und dann kam am Mittwoch der unglaubliche Moment, in dem er ankündigte, das Wahlergebnis eventuell nicht anzuerkennen. Trump entpuppte sich endgültig als gefährlicher Undemokrat, für die Mehrheit der Wähler hat er sich disqualifiziert. Auch nach einer Niederlage kann er allerdings noch zu einer Gefahr für das Land werden. Trumps aufgeheizte Fans werden sie nicht einfach hinnehmen. Sie glauben, wie ihr Anführer, sie hätten es mit einem "manipulierten System" zu tun. Was ab dem 9. November aus ihnen wird, ob es zu Unruhen kommt, ob die Republikanische Partei den Kandidaten Trump überlebt, all das ist offen und gibt Anlass zur Sorge. Dennoch hat sich in diesem atemberaubenden, deprimierenden Wahlkampf etwas gezeigt, das hoffen lässt: Das US-Wahlsystem unterzieht die Kandidaten einem fast einmaligen Härtetest – es legt ihre charakterlichen und inhaltlichen Schwächen gnadenlos bloß. Die Tatsache, dass Donald Trump so weit kommen konnte, erzählt zwar viel über den Zustand der USA. In diesen Tagen zeigt sich aber auch die beruhigende Robustheit der amerikanischen Demokratie.
Von Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 43/2016
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