22.10.2016

IrakFahrt in den Untergang

Der Kampf um Mossul, die letzte Hochburg des „Islamischen Staats“ im Land, wird von einer brüchigen Allianz geführt. Er könnte grausam werden, spätestens wenn der IS wie befürchtet Chemiewaffen einsetzt. Ein Besuch an der Front. Von Christoph Reuter
Eine Gewitterwolke. Schwer und schwarzgrau. Dafür zumindest könnte man es halten aus weiter Ferne. Doch je näher wir Mossul von Süden kommen, desto dunkler und mächtiger wird diese Wolke, die nicht am Himmel schwebt, sondern aus dem Boden wächst, sich bald zu einer fürs Auge undurchdringlichen Wand auftürmt und halbe Dörfer verschluckt, sie einfach in der Finsternis verschwinden lässt.
Mossul, das ist eine Fahrt in den Weltuntergang. So wirkt es jedenfalls angesichts der gigantischen Rauchwolken aus zig brennenden Ölquellen, Reservoirs und Gräben, die vom "Islamischen Staat" (IS) seit über zwei Jahren angelegt und nun konzertiert in Brand gesteckt wurden. Eigentlich wäre dies ein gleißend sonniger Herbsttag. Aber die entgegenkommenden Militärjeeps fahren selbst mittags mit Licht.
Der dunkle Vorhang soll die Jets und Hubschrauber der Angreifer fernhalten, der Rauch löst Hustenreiz und Kopfschmerzen aus. Eine Armada von über 30 000 Soldaten und Kämpfern aus mindestens einem halben Dutzend Staaten hat seit vergangenem Montag ihre Großoffensive auf die De-facto-Hauptstadt des "Kalifats" im Nordirak begonnen; sie ist nicht nur die größte Koalition im Kampf gegen den IS, sondern auch die unberechenbarste.
Den Dschihadisten sind alle Grausamkeiten zuzutrauen, um ihre wichtigste Stadt, Heimat mehrerer ihrer Spitzenkader, zu halten. Die Angreifer wiederum bilden eine höchst brüchige Allianz: Die US-Luftwaffe und Special Forces steuern eine enorme Feuerkraft mit hoher Reaktionsgeschwindigkeit bei. Am Boden belauern sich die beiden stärksten Kräfte: die Peschmerga-Verbände der kurdischen Autonomieregierung und die mehrheitlich schiitischen Milizen der sogenannten Volksmobilisierungseinheiten. Sie wurden per Dekret zu staatlichen Truppen erklärt, unterliegen aber letztlich der Kontrolle der iranischen "Revolutionswächter". Die schiitischen Milizen sind gefürchtet, ihnen werden systematische Vertreibungen, Folter und Ermordungen von Sunniten vorgeworfen. Außerdem sollen sie eine groß angelegte konfessionelle Säuberung unter dem Deckmantel des Anti-IS-Kampfes betreiben.
Offiziell führt die irakische Armee, die von den USA seit ihrem Kollaps 2014 trainiert und ausgerüstet wurde, den Einsatz in Mossul. Doch sie kann weder den anderen, am Sturm auf Mossul beteiligten Parteien Befehle geben noch ihnen militärisch Einhalt gebieten. Und dann sind da noch 2000 türkische Soldaten, die trotz erbitterten Widerstands aus Bagdad nahe Mossul Position bezogen haben – sowie eine unbekannte Anzahl von kurdischen Kämpfern der PKK aus der Türkei und Syrien, die wiederum im Kriegszustand mit der türkischen Armee stehen. Beide werden von irakisch-kurdischen Generälen auf Abstand gehalten.
Es ist ein bizarres Zusammentreffen von Mittelalter und Hightech: Amerikanische Kampfhubschrauber kreisen über der dunstigen Ebene. "Humvees" der irakischen Armee fahren Kolonne mit den Kia-Kleinwagen kurdischer Kämpfer und den Einsatzwagen der Erdöl-Polizei. Auf einem Pick-up mit grün-gelb-schwarz schimmernden schiitischen Fahnen hüpft ein Milizionär auf dem Sitz vor seinem Maschinengewehr zu dröhnender Musik bei voller Fahrt auf und ab. Kurdische Peschmerga-Kämpfer und Regierungssoldaten aus dem Südirak brauchen vielfach Dolmetscher, um sich unterhalten zu können. Es sei eine gemeinsame Operation, beteuern alle, aber sie haben noch nicht einmal ihren Funkverkehr koordiniert.
Trotzdem seien die ersten Tage des seit einem Jahr immer wieder verschobenen Angriffs ein Erfolg, verkünden irakische und amerikanische Offizielle. Jeden Tag würden mehrere Dörfer befreit. Schakuli ist eines davon. Am Dorfrand, nahe dem Militärcamp Chazir im Osten, steht noch das halb zerfetzte, ausgebrannte Wrack eines jener Monstervehikel, die sich als furchtbarste taktische Waffe des IS erwiesen haben: verpanzerte 20-Tonner, der Fahrer schaut nur noch durch einen Spalt in der Stahlplatte, auf der Ladefläche mehrere Tonnen TNT, um sich und den Feind in die Luft zu sprengen.
"Die stoppt nichts, kein Maschinengewehr, nicht mal eine unserer russischen Anti-Panzer-Raketen", sagt der kurdische Offizier am Dorfrand, "außer den "Milan"-Raketen, die Deutschland geliefert hat."
Doch Schakuli ist nicht mehr als eine Handvoll Häuser am Hang, die von ihren Bewohnern vor mehr als einem Jahr verlassen wurden. Eine kurdische Artilleriestellung auf dem Berg, wenige hundert Meter weiter, hatte das Dorf seit Monaten beschossen, während die Dschihadisten sich in Gräben und Erdlöchern verschanzten.
"Drei oder vier von denen sind immer noch da", sagt der kurdische Offizier, man räuchere nun das Dorf mit brennenden Reifen ein, um sie herauszutreiben. Seine Männer will er dafür nicht riskieren. Sieben Leichen von IS-Kämpfern liegen eilig verscharrt, wo sie starben – bei einem ragt noch die dunkel verfärbte Hand aus dem Erdhaufen.
Der erwartete Massenexodus aus Mossul ist bislang ausgeblieben. Denn der IS hält die Zivilbevölkerung als Geisel, hat die Wege vermint, schießt auf Fliehende. Zwei Männer, die aus ihrem vom IS beherrschten Dorf entkommen konnten, zählen hustend die Dörfer auf, aus denen der IS in den vergangenen 48 Stunden mit vorgehaltenen Waffen die Bewohner in Richtung Mossul getrieben habe: "Safina, Arfeila, Nusf Tell, Tuweiba, Tulu Nasr". Und so geht es weiter, es sind allein 14 Dörfer in der näheren Umgebung.
"Wer nicht gehen will, wird erschossen. Oder sie nehmen die Kinder und drohen, sie zu erschießen. Sie haben allein vier Menschen aus meiner Familie mitgenommen", sagt einer der Männer. Zu Fuß würden sie dichter an die Stadt getrieben, um als menschliche Schutzschilde die Jets von Angriffen abzuhalten.
Andere erzählen von Geiselnahmen. Eine Gruppe Soldaten der 15. Division diskutiert, ob die Bewohner nicht freiwillig mitgegangen seien, aber der Aufklärungsoffizier schüttelt den Kopf: "Nein. Es ist dasselbe Muster, überall. Die Zivilisten werden immer näher an Mossul herangetrieben."
Mossul selbst ist nur knapp 40 Kilometer von der südlichen, von der östlichen Front nur 15 Kilometer entfernt. Aber die Nachrichten aus der Stadt sind dürr, bruchstückhaft und widersprüchlich: Unbekannte hätten schon vor zwei Wochen begonnen, in den Moscheen kleine Zettel in die Korane zu schieben: "Tötet die Daischis!", wie die IS-Anhänger auf Arabisch genannt werden, habe darauf gestanden.
Aus einer Quelle heißt es, ein allgemeiner Aufstand sei ausgebrochen. Aus einer anderen: Alles sei ruhig, IS-Männer patrouillierten auf Motorrädern, um Luftangriffen keine leichten Ziele zu bieten. Eine dritte berichtet, Zivilisten würden sich zusammentun, bewaffnet mit Messern, und jeden Daischi niedermachen, dem sie begegnen.
Was stimmt? Ganz sicher weiß das niemand. Nicht einmal, wie viele Menschen eingeschlossen sind in der einst zweitgrößten Stadt des Irak, die knapp zwei Millionen Einwohner hatte. 700 000? Oder mehr als eine Million, wie Hilfsorganisationen und die irakische Regierung angeben?
So glimpflich die Vorstöße der uneinheitlichen Allianz in den ersten Tagen auch verlaufen sind: Es kann alles noch grauenvoll werden. Bislang setzt der IS nur Teile seines Arsenals ein, hat Straßen, Brücken, Häuser vermint, Scharfschützen postiert und seine Artilleristen auf Präzision getrimmt. Eine Waffe hat er diesmal noch nicht eingesetzt: chemische Kampfstoffe. Im August 2015 schossen IS-Kämpfer Senfgasgranaten auf die Kleinstadt Maraa nördlich von Aleppo. Anschließend wurden Peschmerga-Einheiten im Nordirak mit Senfgas und Chlor attackiert.
Doch woher hat der "Islamische Staat" die Kampfstoffe? Chlor ist, als Industriechemikalie, leicht in großen Mengen zu beschaffen. Aber Senfgas?
"Dafür kommen mehrere Wege infrage", sagt der britische Chemiewaffenexperte Hamish de Bretton-Gordon. "Es kann aus syrischen Beständen stammen, ebenso aus alten irakischen." Indizien gibt es für beide Optionen: Die letzten Vorräte aus dem irakischen Chemiewaffenprogramm wurden Anfang der Neunzigerjahre heimlich vergraben. Doch aus demselben Kreis hoher Geheimdienstoffiziere, die damals diese Operation überwachten, stammen auch die führenden Männer des IS. Sie dürften am ehesten wissen, wo die tödlichen Granaten versteckt wurden.
Die syrischen Verhandlungsführer wiederum, die ab 2013 alle Lager und Labore offenlegen und sämtliche Bestände abgeben sollten, haben dies nicht getan. Nach einem nichtöffentlichen Bericht der "Organisation für das Verbot chemischer Waffen" hat das Regime vor allem in Gefechtsköpfe verfülltes Senfgas behalten. Experten sprechen von 100 bis 200 Tonnen Senfgasgranaten. Genau solche hat der IS abgefeuert.
Bretton-Gordon war einst Kommandeur des britischen Armeeregiments für chemische, biologische, radiologische und nukleare Waffen. In letzter Zeit fuhr er mehrfach nach Syrien, um Belege für Angriffe des Assad-Regimes mit Chlorgas zu untersuchen. Für ihn gibt es eine dritte Variante, woher der IS Senfgas haben könnte, er hält sie für die wahrscheinlichste: "Mittlerweile sind wir uns sicher, dass der IS selbst in der Lage ist, Senfgas zu produzieren. Es hat eine leicht andere Zusammensetzung als die Armeebestände und wird in Pulverform, nicht als Flüssigkeit verschossen. Die Herstellung ist chemisch nicht allzu kompliziert." Der Produktionsort: "vermutlich Mossul".
Dabei seien die chemischen Waffen aus Eigenproduktion noch nicht einmal das Gefährlichste, so der Experte: "Etwa 40 Kilometer südlich von Mossul steht das gigantische Schwefelwerk al-Mischrak. Wenn der IS das in die Luft jagt, könnten Hunderte Tonnen von Schwefel-Wasserstoff-Verbindungen eine tödliche Wolke bilden. Das wäre ein irakisches Bhopal." Dort starben 1984 Tausende, nachdem Tonnen giftiger Stoffe aus dem indischen Chemiewerk ausgetreten waren.
Bislang haben die Truppen einen Bogen um Mischrak geschlagen. "Wir werden da auch nicht angreifen", sagt Oberst Firas von der nahe gelegenen Basis Kajara. "Alles ist vermint, außerdem hat Daisch dort Dörfler interniert. Wenn wir uns nähern, laufen wir Gefahr, dass sie das ganze Werk sprengen."
Alles kann passieren, jederzeit: Die Anführer des IS und all jene, die dem Propagandagedröhne von der nahenden Endzeit-schlacht glauben, können die Apokalypse selbst lostreten. Es kann aber genauso gut sein, dass die Gerüchte aus dem Inneren des IS zutreffen und diskrete Fluchtkorridore nach Syrien offen bleiben – im Austausch für einen Verzicht auf chemischen Massenmord. Beobachter der Rebellengruppen im syrischen IS-Gebiet berichten, in den vergangenen Nächten und sogar tagsüber Konvois mit voll besetzten Jeeps gesehen zu haben, die aus dem Irak nach Syrien kamen.
Es könnte auch zu internen Kämpfen kommen zwischen jenen in Mossul, die lieber alles vernichten als aufgeben wollen – und jenen, die eine völlige Zerstörung der Stadt verhindern wollen. Informanten berichten schon jetzt über solche Auseinandersetzungen. Zwischen Armageddon und Implosion hängen die Überlebenschancen Hunderttausender an einem dünnen Faden.
Doch egal, wie monströs der IS seinen militärischen Untergang in Mossul begehen wird: Dessen Ergebnis könnte ihm langfristig in die Hände spielen. Denn schon heute belauern sich die Verbündeten an der Front gegenseitig. Einzig ihr Feind scheint sie zu einen sowie das Ziel, ihn aus Mossul zu vertreiben. Ist das einmal geschehen, würden aus den Alliierten von heute wohl die Feinde von morgen. Schon öfter hat der irakische Premier Haider al-Abadi die türkische Armee wütend aufgefordert, sich aus dem Irak zurückzuziehen.
Ankaras Truppen sind einmarschiert, um die verbündete Miliz des früheren Gouverneurs von Mossul mit über 3000 Mann zu den künftigen Herren der Stadt zu machen. Die schiitischen Milizen haben angekündigt, das türkische Kontingent angreifen zu wollen – wobei sie ihre Befehle aus Teheran erhalten, nicht aus Bagdad. Mossul ist ein Spielfeld der Mächte.
Offiziell sollen ausschließlich die irakische Armee und Bundespolizei in die Stadt selbst vordringen. Doch die Führer der schiitischen Milizen haben wiederholt verkündet, Mossul ebenfalls erobern zu wollen.
"Wir haben Angst vor allen", sagte ein Mann aus dem Stadtinneren schon vor Monaten, "Angst vor Daischis, die uns besetzt halten. Angst vor den Schiiten-Milizen, dass sie uns vertreiben, umbringen."
Bezeichnend ist, welche Zukunft für seine Stadt sich der Blogger "Mosul Eye" wünscht: als Teil des Iraks, aber nur unter internationaler Verwaltung. Denn trauen könne man in diesem Staat niemandem.

Über den Autor

Christoph Reuter, Jahrgang 1968. Seit 2011 oft in Syrien, vorher Korrespondent in Kabul und Bagdad. Sein letztes Buch, "Die schwarze Macht – Der Islamische Staat und die Strategen des Terrors", DVA, bekam 2015 den NDR-Kultur-Sachbuchpreis. Die blitzartige Eroberung Mossuls durch den IS im Juni 2014 verfolgte er vor Ort, ebenso die nächste Attacke im August 2014 auf die Jesiden des Sindschar-Gebirges und ab 2015 die langsame Rückeroberung dieser Gebiete. Insofern schließt sich mit der jetzigen Offensive auf Mossul der Kreis – auch wenn selbst nach einer Befreiung der Stadt keine Ruhe einkehren wird.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 43/2016
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