22.10.2016

FrankreichDie Monologe des Königs

Auf knapp 700 Seiten gibt Präsident Hollande verblüffende Auskünfte über sein Innenleben. Seither fragt man sich in Paris, ob der Mann je wieder ein politisches Amt ausüben sollte.
Der französische Staatspräsident François Hollande beendet seine langen Arbeitstage im Büro. Das Abendessen wird ihm auf einem Tablett serviert, das er gekonnt zwischen den Aktenbergen auf seinem Schreibtisch platziert, dazu läuft der Fernseher. Gegen 22.30 Uhr geht er zu Bett. Anders als viele Franzosen nimmt er keine Schlafmittel, sondern schläft sofort ein.
Gegen vier Uhr morgens wird er wach. Frankreichs Präsident greift dann als Erstes zum Smartphone und liest, was so los ist in der Welt. Gegen sechs Uhr schläft er wieder ein. François Hollande lebt allein. Seine Freundin, die Schauspielerin Julie Gayet, würde daran zwar gern etwas ändern, sie brenne geradezu darauf, als offizielle Lebensgefährtin anerkannt zu werden, so Hollande. Er sieht aber nicht, was das bringen würde ("Ich werde diese Beziehung nicht offiziell machen").
Die Informationen über die Nächte des Präsidenten stammen nicht aus WikiLeaks, nicht aus Klatschblättern, die sie indiskreten Angestellten abgekauft haben. Hollande hat das alles selbst erzählt. Freiwillig und stundenlang teilte er die Interna aus dem Élysée zwei Journalisten der Tageszeitung "Le Monde" mit, Fabrice Lhomme und Gérard Davet.
Die beiden hatten im Sommer 2011, knapp ein Jahr vor seiner Wahl zum Staatspräsidenten, mit Hollande verabredet, ein Langzeitporträt seiner Amtszeit zu schreiben. Beide gelten als Wühler, als hartnäckige Rechercheure, gemeinsam deckten sie zahlreiche Affären auf.
François Hollande trafen sie insgesamt 61-mal, die Tonaufnahmen ihrer Gespräche mit ihm sind über 100 Stunden lang. Ihr nun erschienenes Buch, "Un président ne devrait pas dire ça ..." – "Ein Präsident sollte so etwas nicht sagen ...", umfasst 672 Seiten. Schon die allerersten Auszüge des Werks sorgten für eine politische Krise, die alle anderen in den Schatten stellt.
In ihnen geht es um abfällige Einschätzungen Hollandes über die französische Justiz ("Diese ganzen Staatsanwälte und hohen Richter, die die Tugendhaften spielen") – er hält sie für feige. Umgehend musste Hollande einen Entschuldigungsbrief schreiben – laut der französischen Verfassung ist der Staatspräsident auch Garant der Unabhängigkeit der Richter.
Außerdem lästerte der Präsident über die französischen Fußball-Nationalspieler (brauchten dringend "Gehirntraining") und den linken Flügel seiner Partei ("eine Menge von Idioten", die "liquidiert" gehörten).
Premierminister Manuel Valls, bis dahin von uneingeschränkter Loyalität seinem Präsidenten gegenüber, distanzierte sich schon nach Bekanntwerden erster Zitate von dem Buch. Noch auf Staatsbesuch in Kanada, forderte er ein würdigeres Verhalten von Politikern. Am Mittwoch zitierte ihn der stets gut informierte "Canard enchaîné" mit der Bemerkung, Hollandes Buch komme einem "politischen Selbstmord" gleich.
Ein Aufruf sozialistischer Abgeordneter und Senatoren zur Unterstützung einer erneuten Kandidatur Hollandes, der Mitte Oktober veröffentlich werden sollte, wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Offen wird inzwischen unter Sozialisten infrage gestellt, ob Hollande überhaupt noch zur Vorwahl des linken Lagers antreten kann. "Er macht es uns nicht leicht mit seiner Präsidentschaftskandidatur", gestand der sozialistische Parteichef Jean-Christophe Cambadélis.
Hollande selbst ließ diese Woche verlauten, er werde Anfang Dezember bekannt geben, ob er für eine zweite Amtszeit bereit sei.
Und das ist ja erst der Anfang. Denn selbst in Paris, wo man viel und schnell liest, wollen knapp 700 Seiten erst einmal durchgearbeitet werden. So wird der Skandal mit jedem Tag und jedem zusätzlichen Leser immer größer.
Hollande hat in den vergangenen Monaten an mehreren Büchern, die auf Gesprächen mit ihm basieren, mitgewirkt – es scheint ihm ein geradezu zwanghaftes Bedürfnis zu sein, vor Journalisten zu monologisieren. Dieses Werk aber erreicht völlig neue Dimensionen, es ist ein erschütterndes Dokument.
Über einen seiner treuesten Weggefährten, den einstigen Premierminister und heutigen Außenminister Jean-Marc Ayrault, sagt Hollande da, ihm fehle "jede Leichtigkeit, die Fähigkeit, mal ein Kompliment zu machen und den anderen zu begeistern". Aber, so fährt er fort: "Wenn er solche Eigenschaften hätte, wäre er ja Präsident und nicht Premierminister. Wenn der Premierminister besser ist als der Präsident, dann ist das ein Problem."
Die beiden Autoren notieren dazu, dass Hollande an dieser Stelle, entzückt von der eigenen Formulierung, in lautes Lachen ausbricht. Die Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem hält er für fleißig, auch ehrgeizig, allerdings, so Hollande abfällig, sei sie "keine Intellektuelle". Der ihm stets ergebene Parlamentspräsident Claude Bartolone kann über sich lesen, ihm fehle jedes Charisma.
Und die europäische Öffentlichkeit erfährt, dass das Ziel eines maximal dreiprozentigen Staatsdefizits pro Jahr von der Europäischen Kommission gar nicht so gemeint sei. Hollande erklärt den staunenden Journalisten bereitwillig, wie das läuft: Wichtig sei allein, so habe man ihm aus Brüssel signalisiert, das Ziel der Begrenzung des Defizits öffentlich zu erklären. Man brauche es dann nicht einzuhalten. Solange Frankreich sich bemühe, Reformen durchzuführen, werde die Kommission eine höhere Verschuldung hinnehmen.
Wer auch immer den Verdacht hatte, in der Politik werde anders gehandelt, als gesagt wird – Professor Hollande erklärt es gern am konkreten Beispiel. Die Mitarbeiter der Linken und des rechtsextremen Front National könnten ganze Kampagnen allein mit "copy and paste" und Zitaten aus diesem Buch führen.
Denn die Indiskretionen nehmen kein Ende: Hollande verrät auch den Inhalt eines vertraulichen Telefonats mit Wladimir Putin. Der Russe habe ihn auf dem Höhepunkt der Griechenlandkrise angerufen und ihm vertraulich mitgeteilt, dass die griechische Regierung sich in Moskau erkundigt habe, ob sie dort die alten Banknoten, Drachmen, drucken lassen könne. Hollande brüstet sich: "Ich habe das keinem verraten!" Außer den beiden Journalisten eben.
Ungeniert führt er in ihrer Anwesenheit Telefonate mit ausländischen Regierungschefs, darunter der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras. Den wiederum beschreibt er als eine Art jüngeren Bruder, den man dann und wann, wenn auch mit Nachsicht, auf den rechten Pfad führen müsse.
Je mehr man liest, desto abgründiger wird es. Hollande redet lang und ausführlich über sein Privatleben und beteuert dabei unentwegt, wie wichtig ihm der Schutz desselben sei. Eigentlich. Die Beziehung mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin Valérie Trierweiler nimmt dabei breiten Raum ein. Schmerzhaft war für Hollande, so erfährt man, vor allem das böse Buch, das sie über die Zeit mit ihm anschließend veröffentlichte.
Dazu erklärt er, Trierweiler sei nur des Geldes wegen auf den Vorschlag eines Verlegers eingegangen, er sieht finanzielle Interessen als Motiv für die Veröffentlichung. Betont dazu, dass ihm solche Erwägungen fremd seien. Um kurze Zeit später zu erwähnen, Valérie Trierweiler habe ihm gesagt: "Du hast mich verraten, als du mich verlassen hast, und ich verrate dich mit dem Buch."
Auch Trierweiler spricht mit den beiden Autoren, vor der Trennung. Sie sei "völlig verrückt nach ihm", sagt sie ihnen. Eine ähnliche Äußerung Hollandes über sie oder irgendeinen anderen Menschen ist nicht verzeichnet.
Für Hollande scheint es nur die Politik zu geben. Die Autoren beschreiben kühl, dass er sie bei jedem Treffen zwar zuerst nach ihren Familien fragt – die Antwort aber sofort vergisst. Die beiden Journalisten erscheinen mal im Anzug, mal in Jeans – er sieht nicht hin.
Er bemerkt nicht, was er isst oder trinkt, erwähnt keine Bücher, keine Kunstwerke und keine Filme in den stundenlangen Gesprächen, scheint keine Freundschaften, keine Beziehungen außerhalb seiner Arbeit zu pflegen. Der einzige Mensch, von dem er in hohen Tönen spricht, ist Angela Merkel ("seriös, intelligent, darauf bedacht, eine Balance zu finden").
Dass Hollande diesem Buchprojekt je zustimmen konnte, ist – was seine persönliche, seine seelische Verfassung angeht – ein schlechtes Zeichen. Denn es finden sich in dem Werk keineswegs nur Anekdoten, Übertreibungen und Indiskretionen. Im Dezember 2015 sinniert der Präsident gegenüber seinen Interviewern sogar unbedarft, welchen Anschlag die Terroristen wohl als Nächstes planen: "Was wir heute am meisten befürchten, ist etwas in einer Schule. Sie haben gesagt, dass es beim nächsten Mal eine Schule ist. Denn was können sie schon tun, um uns noch mehr zu terrorisieren? Kinder töten."
Wer gibt schon Terroristen öffentlich Ratschläge zur Steigerung der Schreckenswirkung? Was ist los mit diesem irrlichternden Präsidenten, den viele Franzosen lange Zeit zwar für etwas dröge, aber immerhin für berechenbar und seriös hielten? Welchen Reim soll man sich auf Hollandes Monologe machen?
Cynthia Fleury-Perkins ist Philosophin und Psychoanalytikerin im Hôtel-Dieu, dem ehrwürdigen Krankenhaus gleich neben Notre-Dame. Hollande habe ein großes Theater inszeniert, sagt Fleury, in der Hoffnung, dabei gut auszusehen. Doch er habe die Reaktionen völlig falsch berechnet – die Leute seien von dem Buch angewidert.
"Als Psychoanalytikerin finde ich es allerdings höchst spannend. Es hat die Qualität dessen, was auf der Couch passiert." Es erinnere sie an eine Passage in den Schriften des großen Psychiaters Jacques Lacan. Der habe gefragt: "Wer ist verrückt? Der, der sich für den König hält. Doch es gibt noch eine zweite Antwort: Auch der König ist verrückt, wenn er sich für den König hält."
Jeder Machthaber brauche, wenn er gesund bleiben wolle, eine gewisse Bescheidenheit, ein Urteilsvermögen gegenüber seinen Mitmenschen. Hollande, so Fleury-Perkins, sei ein Produkt der französischen Elitenausbildung: "Er schwebt über den Dingen, er ist nicht greifbar: Durch Hollande können Sie Ihre Hand stecken."
Doch Hollande hat auch noch Freunde in Paris. Einer von ihnen ist der Autor Jacques Attali, ein langjähriger Weggefährte und Berater von François Mitterrand – jenem Präsidenten, auf den Hollande sich immer wieder bezieht. Der Skandal um das Buch lässt Attali kalt. Hollande sei ein ehrenwerter Mann, sagt er, das eigentliche Problem liege woanders: Die Funktion des Präsidenten habe in den vergangenen Jahren radikal an Bedeutung eingebüßt.
Die Entsakralisierung des Amtes habe mit der Abschaffung der Todesstrafe 1981 begonnen, so Attali. Bis dahin sei der Präsident noch der ultimative Gnadengeber, Herr über Leben und Tod gewesen. Mit dem Ende der Sowjetunion sei auch die Verfügungsgewalt über die französischen Kernwaffen weniger relevant geworden.
Die Einführung des Euro habe schließlich die Herrschaft des Präsidenten über die nationale Währung beendet, die Europäische Union viele andere Kompetenzen übernommen. Und zu guter Letzt habe die Dezentralisierung, die Verlagerung politischer Entscheidungsbefugnisse vom Nationalstaat in die Regionen Frankreichs, die Autorität des Präsidenten weiter verringert. Und dann wurde auch noch die Amtszeit von sieben auf fünf Jahre verkürzt, für Attali ein Fehler. Das Problem sei nicht Hollande, sondern das politische Vakuum, das entstehe, wenn der Nationalstaat schwach, Europa aber nicht stark sei.
Viele Franzosen sehen das Vakuum in diesen Tagen, wenige Wochen vor der Kandidatennominierung für die Präsidentschaftswahlen, allerdings woanders. Französische Politik kommt im Herbst 2016 einer komplizierten Gleichung nah.
Eine Mehrheit möchte vermeiden, bei der Wahl im kommenden Mai nur die Alternative zwischen François Hollande oder Nicolas Sarkozy auf der einen und Marine Le Pen auf der anderen Seite zu haben. Aber wem soll man noch vertrauen, auf wen kann man hoffen? Sowohl Sarkozy als auch Hollande haben bei ihrem Amtsantritt immense Hoffnungen geweckt und ihre Wähler dann herb enttäuscht.
Es gibt jüngere Politiker wie Premierminister Manuel Valls, wie den ehemaligen Wirtschaftsminister Emmanuel Macron, der nun seine eigene politische Bewegung "En Marche" gegründet hat. Aber sie zaudern noch mit ihrer Kandidatur. Also läuft es wohl auf die Wahl des 71-jährigen Konservativen Alain Juppé hinaus, der nicht begeistert, aber auch keine groben Fehler machen dürfte.
Hollande hat unendlich viel geredet in den vergangenen Monaten, aber das Wichtige nicht gesagt. Er hätte erklären müssen, dass das Land zu seinem Amtsantritt fast pleite war. Dass er die Steuern erhöhen und die Unternehmen entlasten musste. Franzosen lernen schnell, er hätte ihnen einfach die Wahrheit sagen sollen. Stattdessen verfing er sich im Staatstheater und versuchte, die Kluft zwischen den von ihm geweckten Erwartungen und der Realität durch das Erzählen von Geschichten zu überbrücken.
Langsam kommt die Wirtschaft wieder in Fahrt, Gewerkschaften und Unternehmer lernen, im anderen nicht den Todfeind zu sehen. Es war eine matte sozialliberale Sanierungspolitik, die den Bürgern schwere Jahre bescherte. Versprochen und angekündigt hatte Hollande etwas anderes.
Der französische Staat, mit seinem Pomp, seinen Palästen, den berittenen Garden und den livrierten Dienern, bietet eine Kulisse, in der man sich schon mal verirren kann. Das ist schon anderen vor François Hollande widerfahren, aber nach Lektüre dieses Buches muss man sich um ihn ernsthaft sorgen. Eine weitere Amtszeit ist weder dem Land noch ihm persönlich zu wünschen.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 43/2016
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